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Der Kohleausstieg verursacht erste Kollateralschäden

Am 3. Juli soll das Kohleausstiegsgesetz alle parlamentarischen Hürden genommen haben. Bei ersten Unternehmen zeichnen bereits schwerere Schäden ab.

Die Brikettfabrik im rheinischen Frechen-Wachtberg hat die Anmutung eines Industriedenkmals. Seit 1902 werden hier Brikette aus Braunkohle hergestellt. Im Zuge des Kohleausstiegs schließt der RWE-Konzern die Fabrik Ende 2022, weil der Rohstoff ausgeht: „Ursache ist der Stopp des Tagebaus Hambach“, heißt es beim Energiekonzern.

Das Ende des Tagebaus Hambach ist Teil des Braunkohleausstiegs, über den die Politik monatelang mit RWE verhandelt hatte. Die vergleichsweise asche- und schwefelarme Braunkohle aus dem Tagebau Hambach ist für die Brikettherstellung nicht zu ersetzen.

Eine Reihe von Unternehmen aus der Region stellt das vor große Probleme. Ihnen fällt der Energieträger weg. Ersatz ist nicht leicht zu finden. Nach Angaben der IHK Aachen sind 1.500 Jobs direkt bedroht.

Die Kammer, die die Interessen der Unternehmen vertritt, kämpft für eine rasche Änderung des Kohleausstiegsgesetzes. Die Zeit drängt. Am kommenden Freitag wird der Bundestag das Gesetz final beschließen. „Die Unternehmen stehen unverschuldet und unvermittelt vor kaum lösbaren Problemen“, sagt Michael Bayer, Hauptgeschäftsführer der IHK Aachen.

Beispiel Pfeifer & Langen: Das traditionsreiche Unternehmen ist in der Region fest verwurzelt. Es produziert aus Rüben Zucker – ein energieintensiver Prozess, für den das Unternehmen bislang auch Braunkohlebriketts aus Frechen-Wachtberg einsetzt. Wenn es den Brennstoff in Kürze nicht mehr gibt, muss schnell Ersatz her. In Betracht kommt allein Erdgas. Doch das will man eigentlich gar nicht einsetzen.

Holzhackschnitzel und Biogas

„Wir werden von der Entwicklung überrollt. Wir geraten in die Situation, auf eine Übergangslösung setzen zu müssen“, sagt Geschäftsführer Michael Schaupp. „Wir müssen von einem fossilen Energieträger auf einen anderen fossilen Energieträger umsteigen. Das ist kein nachhaltiger Weg.“

Das Unternehmen arbeite daran, klimaneutral zu werden. „Aber das ist ein Prozess, der sich über mehrere Jahre hinzieht. Wir testen die Befeuerung mit Rübenschnitzeln. Auch die Befeuerung mit Holzhackschnitzeln oder Biogas könnte eine Option sein. Nun müssen wir die Kessel auf die Schnelle auf Erdgas umstellen. Das bindet Kapital und ist ein überflüssiger Zwischenschritt“, kritisiert Schaupp.

Allerdings hat Schaupp noch vergleichsweise gute Karten. Denn andere betroffene Unternehmen können nicht einmal ohne Probleme auf eine Befeuerung mit Erdgas umstellen. Das gilt etwa für den Papierhersteller Metsä Tissue in Kreuzau. Es fehlt die passend dimensionierte Leitung. „Die Kapazität der vorhandenen Gasleitung reicht nicht aus. Es müsste eine neue Leitung bis zu unserer Produktionsstätte gelegt werden. Das lässt sich nicht so schnell bewerkstelligen“, sagt Gero Kronen, Produktionsleiter der Papierfabrik.

Außerdem hätte die Befeuerung mit Gas einen gravierenden Nachteil: „In der Anlage, die wir jetzt betreiben, können wir Faserschlämme aus dem Produktionsprozess mit verbrennen. Die Primärenergieeinsparung ist erheblich. Diese Möglichkeit haben wir nicht mehr, wenn wir auf eine Gasbefeuerung umstellen“, erklärt Kronen.

Die erzwungene Umstellung auf Gas als Energieträger ist nach Überzeugung von Kronen nicht nachhaltig. „Die naheliegendsten Alternativen als Primärenergieträger wären nach unserer Überzeugung zum Beispiel Biomasse, Biogas oder Wasserstoff. Die Umstellung wäre für uns ein großes Projekt. Inklusiver aller Genehmigungs- und Planungsprozesse muss man dafür sechs bis sieben oder mehr Jahre veranschlagen“, sagt Kronen. Doch stattdessen muss das Unternehmen nun die Umstellung auf Erdgas übers Knie brechen.

„Der Beschluss zur Schließung der Brikettanlage führt sowohl zu einem zeitlichen Engpass als auch zu einem kurzfristigen Investitionszwang. Beides stellt uns vor eine große wirtschaftliche Herausforderung“, erläutert der Produktionsleiter.

In Berlin ist das Thema nur eine Fußnote

Die geplante Schließung der Brikettfabrik wurde erst vor wenigen Monaten publik. Sie wird im langen Geschacher um den Kohleausstieg in Berlin allenfalls als Fußnote wahrgenommen. Für die betroffenen Unternehmen jedoch geht es um die Existenz.

Im Gesetzgebungsverfahren für den Kohleausstieg stehen derzeit zwei ganz andere Fragen im Fokus: Gibt es für jüngere Steinkohlekraftwerke noch verbesserte Entschädigungsregelungen? Wird der Wechsel von Kohle auf andere Brennstoffe für Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) höher als bislang geplant honoriert?

Klimaschützer monieren zudem, die Abschaltung der Kohlekraftwerke erfolge nicht stetig genug und die Entschädigungen für die Braunkohlekonzerne seien zu hoch.

Die IHK Aachen schlägt der Politik vor, den von der Schließung der Brikettfabrik betroffenen Unternehmen entgegenzukommen. In Anlehnung an den geplanten Kohleersatzbonus, den es für KWK-Anlagen geben soll, soll es einen „Wärmeersatzbonus“ für die Betreiber der Anlagen geben, die nun Hals über Kopf umgerüstet werden müssen.