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Mit Karl-Ulrich Köhler übernimmt ein Urgestein der Branche die Führung der Saarhütten

Murphy, Martin Knitterscheidt, Kevin
·Lesedauer: 4 Min.

Saarlands Hüttenindustrie steckt in einer tiefen Krise. Der frühere Thyssen-Krupp-Manager Karl-Ulrich Köhler soll die Werke nun neu aufstellen.

Karl-Ulrich Köhler hat sein Lachen nicht verloren. „Es macht mir große Freude, in einem Stahlwerk zu arbeiten“, sagte der 64-Jährige am Freitag während einer Videokonferenz. Er möge einfach die Menschen auf der Hütte und die Arbeit dort. Zu den Worten lässt der Mann mit dem Vollbart sein lautes Lachen hallen. Wenige Stunden zuvor war Köhler zum Vorstandschef der Stahl-Holding-Saar (SHS) berufen worden.

Köhler folgt auf Tim Hartmann, der für viele Beobachter seinen Posten überraschend vorzeitig niedergelegt hat. Der Grund dafür seien unterschiedliche Auffassungen über die Strategie, wie Reinhard Störmer von der Montan-Stiftung-Saar sagte. Die Stiftung ist der Eigentümer der SHS. Mit der Entwicklung der Hütten waren die Verantwortlichen zuletzt offenbar unzufrieden.

Auf den ersten Blick ist der Wechsel nicht nachvollziehbar. Hartmann hat mit einem harten Sparprogramm auf die Krise der europäischen Stahlindustrie reagiert – und sich damit als Macher etabliert. Etwa 1500 Mitarbeiter – rund zehn Prozent der Belegschaft – müssen das Unternehmen verlassen. Die Kosten gehen damit deutlich runter, wie auch Köhler sagte.

Für die SHS-Hütten an der Saar mit den Standorten in Dillingen und Völklingen ist das indes ein ungewohnt massiver Einschnitt. Vertreter der Gewerkschaft IG Metall betonten zwar, dass der Stellenabbau mit Blick auf die Veränderungen am Markt nötig sei. Allerdings habe Hartmann zu wenig Empathie für die Betroffenen gezeigt, lautet ein Vorwurf.

Von Köhler erhoffen sich die Arbeitnehmer eine größere Offenheit für ihre Belange. „Köhler spricht die Sprache der Mitarbeiter und kann gut auch mit kritischen Betriebsräten umgehen“, sagte ein früherer Manager, der ihn kennt. Er werde sich in der Belegschaft schnell Vertrauen erarbeiten.

Der gebürtige Franke hat vor 40 Jahren bei Thyssen angeheuert und die Fusion mit Krupp aus erster Hand miterlebt. Seinen Job als Chef der Stahlsparte von Thyssen-Krupp musste er aber im Jahr 2009 räumen, da ihm Verfehlungen beim Bau eines neuen Stahlwerks in Brasilien vorgeworfen wurden.

Saarländische Stahlindustrie geht einen eigenen Weg

Für ihn war das eine schmerzhafte Erfahrung, auch weil er als zukünftiger Chef des Gesamtkonzerns vorgesehen war. Rückblickend hat es ihm aber auch bei der Unterscheidung geholfen, wer die wirklichen Freunde sind, wie er einmal im kleinen Kreise sagte.

Lange blieb der studierte Hüttenkundler der Branche nicht fern. Bereits im Frühjahr 2010 heuerte er bei Tata Steel Europe an, wo er wenig später Vorstandschef wurde. Sechs Jahre mühte er sich, den defizitären britisch-niederländischen Stahlkonzern auf Kurs zu bringen. Immerhin konnte er Tata so entwickeln, dass das Management eine Fusion mit seinem alten Arbeitgeber Thyssen-Krupp angehen konnte.

Der Plan scheiterte letztlich – die Idee einer Konsolidierung ist aber nicht gestorben. Sie lebt in anderen Konstellationen fort. Bei seiner Vorstellung als neuer SHS-Chef sah sich Köhler mit der Frage konfrontiert, ob denn mit der SHS ein Anlauf für eine Fusion mit Thyssen-Krupp folgen könnte. „Ich bin offen, über Partnerschaften nachzudenken“, erwiderte er. Dieses spezielle Szenario will er aber nicht verfolgen.

Während in den Führungsetagen der meisten europäischen Stahlkonzerne Pläne für Übernahmen und Fusionen gewälzt werden, suchen die Saarländer also ihren eigenen Weg. „Die Grundfrage der Eigentümerschaft stellt sich nicht“, sagte Störmer.

Die SHS mit ihren Töchtern Dillinger Hütte und Saarstahl ist fest in der Hand der Stiftung, die als Auffanglösung für die einst insolventen Stahlfirmen gegründet worden war. Der einzige Zweck der Montan-Stiftung-Saar ist der Erhalt der Stahlindustrie in dem Bundesland.

Mit diesem Ziel wurde Köhler an die Spitze der Holding berufen. Als erfahrener Stahlmanager kennt er die schwierige Gemengelage: In Europa wird zu viel von dem Werkstoff produziert, die Preise waren daher schon vor der Coronakrise im Keller. Hinzu kommen noch Billigimporte aus Fernost, wie Köhler beklagte.

Die größte Herausforderung ist indes der technologische Wandel. Die Saarländer müssen wie die Konkurrenz den Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid (CO2) auf null reduzieren, was nur mit dem Einsatz von Wasserstoff möglich ist.

Dabei muss Köhler zwei Aufgaben bewältigen. Kurzfristig muss er die Kosten weiter drücken, ohne dabei die Konsenskultur der SHS zu sprengen. Zugleich braucht der Verbund auf lange Sicht eine Perspektive, um sein Überleben auch in einer Zeit von CO2-freiem Stahl zu sichern.

Die Zeit dafür hat sich Köhler reserviert. Er hat einen langjährigen Vertrag mit der SHS, den er trotz seines Alters von 64 Jahren erfüllen will.