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Der Kampf um den Ölpreis: Wie sind Saudi-Arabien und Russland aufgestellt?

Russland und Saudi-Arabien leiden beide unter der Coronakrise und dem Einbruch des Ölpreises. Dabei liefern sie sich nun auch eine Schlacht um den chinesischen Markt.

Saudi-Arabien braucht für einen ausgeglichenen Staatshaushalt laut der Ratingagentur Fitch 91 Dollar pro Barrel Rohöl. Foto: dpa

Saudi-Arabien hat alle Moscheen bis auf die zwei großen in den für Moslems heiligen Städten Mekka und Medina geschlossen. Es herrscht eine von der Polizei streng kontrollierte Ausgangssperre. Nur noch Beschäftigte in Gesundheitswesen, Lebensmittelversorgung und Müllabfuhr müssen zur Arbeit, alle anderen sind gezwungen zuhause zu bleiben – sogar die Millionen ausländischen Bauarbeiter.

Kaum ein Land greift in der Coronakrise so hart durch. Allerdings steht die Regierung in der Hauptstadt Riad auch in der Kritik: Nachdem Russland sich den Opec-Plänen zur weiteren Reduzierung der Ölförderung am 6. März widersetzt hatte, öffnete das Staatsunternehmen Saudi Aramco die Ventile.

Der mit Abstand weltgrößte Ölkonzern fuhr seine Förderung massiv hoch, der Ölpreis brach regelrecht ein. Und damit die Hoffnung, dass die absolutistische Monarchie sich aus der bereits jahrelang anhaltenden Haushaltskrise befreien kann. Im Gegenteil: Der saudische Finanzminister Mohamed Al-Jadaan plant jetzt mit einem Budgetloch von neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts und legt immer neue, milliardenschwere Stimuluspakete auf.

Aramco hat seine Förderung von bisher etwa zehn auf 12,3 Millionen Barrel am Tag (bpd) gesteigert und will von April an sogar auf seine Reserven zurückgreifen, um dann 13 Millionen bpd zu liefern. Die alliierten Vereinigten Arabischen Emirate sind dabei, den Ausstoß von 3,4 auf fünf Millionen bpd zu erhöhen.

Russland kann laut Energieminister Alexander Nowak die Tagesproduktion um 500.000 Barrel (je 159 Liter) auf 11,8 Millionen bpd steigern. Vor allem der mehrheitlich staatliche Ölkonzern Rosneft drängt darauf.

Preis der Nordseesorte Brent wieder gestiegen

Der Irak, zweitgrößter Ölförderer des Exportkartells Opec, ruft inzwischen zu einem sofortigen außerordentlichen Krisentreffen auf, um „das Blutbad auf dem Ölmarkt zu beenden“. Denn der rapide gefallene Ölpreis setzt den Petrostaaten massiv zu.

Al-Jadaan und der russische Vizepremier Andrej Beloussow sprechen gleichlautend von einem „Doppelschlag“: Ölpreiskrise und drastische fiskalische Ausgabensteigerungen gegen die ökonomischen Folgen der Coronakrise.

Immerhin stieg der Preis für die Nordseesorte Brent am Dienstag wegen des positiven Börsenumfelds angesichts billionenschwerer Fördermaßnahmen weltweit auf rund 30 Dollar pro Fass. Doch der Ölpreiskrieg hält unvermindert an. „Wie in jedem Krieg kommt es darauf an, wie viel Schmerz jede Seite ertragen kann“, umreißt Hasnain Malik, Leiter der Aktienstrategie bei Tellimer, die Gefechtslage.

Russlands Regierung behauptet, das Land könne einen Ölpreis von 25 bis 30 Dollar für sechs bis zehn Jahre durchhalten. Riad spricht davon, mit 30 Dollar leben zu können, wenn es deutlich mehr Öl verkaufe als bisher.

Auch deshalb liefern sich der Kreml und das Königreich eine heftige Schlacht um den chinesischen Markt. Während über die russische Ölpipeline immer weniger Rohöl ins Reich der Mitte gepumpt wird, steuern mehr saudische Tanker ostwärts. Denn Aramco hat seinen Kunden Rabatte von sechs bis zehn Dollar pro Barrel eingeräumt.

Ökonomische Waffen von Russland und Saudi-Arabien unterscheiden sich

Wenn man die ökonomischen Waffen vergleicht, so gibt es Gemeinsamkeiten und große Unterschiede: Saudi-Arabien hat Währungsreserven von gut 500 Milliarden, Russland mit seinen Sonderfonds sogar 580 Milliarden Dollar.

Riad braucht für einen ausgeglichenen Staatshaushalt laut der Ratingagentur Fitch 91 Dollar pro Barrel Rohöl, Russland laut Experten der Rapidan Energy Group 42,4 Dollar. Allerdings hat Aramco Förderkosten von drei Dollar pro Barrel, russische Konzerne brauchen bis zu 30 Dollar zur Deckung der Produktionskosten.

Saudi-Arabien wiederum hat eine Staatsschuldenquote von 25, Russland von nur 15 Prozent. Um die wirtschaftliche Schlagkraft zu erhöhen, hat König Salman seinem Finanzminister Al-Jadaan, der mit Ausbruch des Ölpreiskriegs auch parallel zum Wirtschaftsminister ernannt wurde, bereits eine Erhöhung der Staatsschulden von bisher höchstens 30 auf maximal 50 Prozent des BIP erlaubt.

Und während der saudische Rial an den Dollar-Kurs gekoppelt ist, hat der russische Rubel seit Januar ein Viertel an Wert eingebüßt. Experten warnen, er könne sogar unter den Wert der Krim-Krise 2014 fallen. Russland verliert laut Finanzminister Anton Siluanow dieses Jahr wegen des Preiskriegs 39,5 Milliarden Dollar Öleinnahmen. Experten halten ein Abrutschen Russlands in die Rezession für unvermeidlich.

Die Herrscher in Russland und Saudi-Arabien müssen nicht sofort ihre Abwahl oder große Oppositionsbewegungen befürchten. Doch lebt ihre Zustimmung davon, ob sie groß verkündete Ziele auch erreichen.

So hatte der machthungrige Kronprinz Mohammed bin Salman mit seiner „Vision 2030“ die Abkehr von der einseitigen Ölabhängigkeit versprochen. Mit Billionen Dollar werden neue Megastädte, Luxusresorts, Entertainment-Zentren und neue Industrien aufgebaut.

„Wir beginnen zu sehen, dass die Vision 2030 nicht gut läuft“, meint Jean-François Seznec vom Think-Tank Atlantic Council. Es gebe wachsende Spannungen in der Bevölkerung, sogar unter den Hauptbefürwortern des Kronprinzen. Der müsse eine „große Wirkung“ erzielen mit seinem Plan. Momentan sei aber die größtmöglich erreichbare Wirkung, wenn es den Saudis gelänge, „die Russen zur Aufgabe zu zwingen und Ölförder-Kürzungen zuzustimmen“, stellte Seznec fest.

Coronavirus bestimmt weitere Entwicklung

Wer als erster nachgibt dürfte davon abhängen, wer schwerer durch das Coronavirus getroffen wird. Am Dienstag stieg die Zahl der Corona-Infizierten in der größten arabischen Volkswirtschaft um 205 auf 767, ein afghanischer Staatsbürger ist der erste Corona-Tote im Land.

Russland verzeichnete offiziell 495 Infizierte und einen Toten. Das Land hoffe, dass es eine große Epidemie umgehen könne und ökonomisch, dass der Ölpreiskollaps nicht auf das Gasgeschäft durchschlage, sagt der Moskauer Energieanalyst Alexander Sobko. Und Moskau könne bei niedrigen Gaspreisen die neue Konkurrenz durch verflüssigtes US-Schiefergas abschütteln. Russisches Pipeline-Gas sei konkurrenzfähiger als Flüssiggas (LNG).

Doch die Hoffnung könnte trügerisch sein: Allein im Januar sind die Einnahmen aus russischen Gaslieferungen nach Europa um 41,1 Prozent gefallen, weisen die Daten der Moskauer Zollbehörde aus. Gasexporte geben dem Kreml offenbar nicht die benötigte zusätzliche Feuerkraft im laufenden Ölpreiskrieg.