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Kampf gegen Lebensmittelverschwendung – Das Start-up Too Good To Go will Essen retten und Gewinn machen

Schwarz, Dennis Deters, Jannik
·Lesedauer: 6 Min.

Das Start-up vermittelt Lebensmittel, die sonst auf dem Müll landen. Trotz Verlusten halten Investoren das für ein tragfähiges Geschäftsmodell – und nehmen sich die USA vor.

Snacks von der lokalen Backstube, Sushi vom Restaurant nebenan oder eine Tüte voller Lebensmittel vom Supermarkt gegenüber: Über die App Too Good To Go (TGTG) kann sich jeder mit ein paar Klicks eine „Magic Bag“ sichern. Eine Wundertüte mit Essen, das die Läden sonst wegwerfen würden. Was genau drin ist, bleibt eine Überraschung.

Die meisten Geschäfte geben ein Zeitfenster zwischen 15 und 30 Minuten an, um die gekauften Lebensmittel abzuholen. Beim Supermarkt, Restaurant oder Bäcker muss die Kundin dann noch einmal in der App swipen, um die Annahme zu bestätigen, und schon kann sie die Magic Bag mit nach Hause nehmen. Auf dem Bildschirm erscheint eine Nachricht: „Du hast gerade Lebensmittel vor der Tonne gerettet.“

Das ist das Geschäftsmodell von Firmen wie TGTG. Sie nutzen den Überfluss an Waren, um damit Geld zu verdienen. 2020 hat TGTG nach eigenen Angaben 29 Millionen Mahlzeiten vor der Tonne bewahrt. Etwa 31 Millionen Menschen nutzen die App in 15 Ländern.

Obwohl die Umsätze in der Coronakrise laut TGTG um mehr als 60 Prozent eingebrochen sind, sammelte das dänische Unternehmen vor wenigen Wochen 31 Millionen US-Dollar für die Expansion in den USA ein.

Dort ist die App bislang in New York und Boston aktiv. „Im ersten Halbjahr werden wir nach Washington, Philadelphia und San Francisco expandieren“, sagt TGTG-Chefin Mette Lykke dem Handelsblatt. 65 Millionen Mahlzeiten sollen in diesem Jahr über die App gerettet werden.

Das Potenzial ist so riesig wie das Ausmaß der Verschwendung. Bäcker backen mehr als 120 Prozent des täglichen Bedarfs, um bis Ladenschluss Bedürfnisse verwöhnter Kunden bedienen zu können. Supermärkte füllen mehrmals pro Woche ganze Transporter mit Nahrung, die sie nicht mehr verkaufen wollen oder dürfen.

TGTG-Essen kostet ein Drittel des Originalpreises

Ein Fünftel der in der EU produzierten Lebensmittel landen laut EU-Kommission jährlich in der Tonne. Das verursache inakzeptable gesellschaftliche, ökologische und wirtschaftliche Schäden.

Neben nichtkommerziellen Anbietern wie den Tafeln und dem Verein Foodsharing versucht TGTG, diese Schäden abzumildern. Profitabel ist das Start-up aber nach wie vor nicht. 2019 machte es nach eigenen Angaben rund elf Millionen Euro Verlust, 2020 sollte dieser wegen der Expansion und der steigenden Mitarbeiterzahl noch höher ausfallen.

Die App müsse in möglichst vielen Ländern vertreten sein, sonst sei sie nicht wirtschaftlich, sagt Peter Wiedeking, der von Ende 2016 bis Mitte 2018 für TGTG arbeitete, bevor er den Verein Foodhub NRW gründete. „Die App lebt davon, dass sie groß ist.“

Die Überraschungstüten kosten um die vier Euro, in der Regel ein Drittel des Originalpreises. An jeder Tüte verdient TGTG nach eigenen Angaben etwa einen Euro.

Damit das reicht, um eines Tages profitabel zu sein, nimmt sich TGTG nun die USA vor – und bekommt Unterstützung vom Investor Blisce. Es ist das erste Mal, dass ein Wagniskapitalgeber bei dem Start-up einsteigt.

Blisce besitzt nach eigenen Angaben die nötige „tiefgründige Marktexpertise“ für die Expansion jenseits des Atlantiks. So formuliert es Alexandre Mars, Chef des französisch-amerikanischen Unternehmens. Blisce hatte schon die Musikplattform Spotify und den chinesischen E-Commerce-Konzern Alibaba im Portfolio.

Wiedeking sagt, ohne Kapital von außen sei TGTG zum Scheitern verurteilt. Es gebe „genügend andere Beispiele, die aus Geldmangel wieder eingestellt wurden“.

Auch Alexander Holzknecht hat schon einige Investorenrunden mitgemacht. Er ist Manager von Motatos, der deutschen Marke des schwedischen Unternehmens Matsmart.

Holzknecht verkauft online abgepackte Ware von Herstellern wie Unilever und Dr. Oetker, die leichte Mängel hat oder bald abläuft, bevor sie überhaupt in die Läden kommt. Er sagt: „Wirtschaftliche Tragfähigkeit ist die Basis für eine dauerhafte, nachhaltige Lösung.“

Manchmal leidet allerdings die Nachhaltigkeit unter dem Streben nach kommerziellem Erfolg. Wiedeking sagt: Um Kosten zu sparen, hätte das TGTG-Management irgendwann auf die Papiertüten verzichtet, die es den Restaurants und Bäckereien zur Verfügung gestellt hatte. Die Lebensmittelretter hätten „in Kauf genommen, dass die Läden eigene Plastiktüten für die Auslieferung verwenden“.

Investoren versuchten Wiedeking zufolge, die Zahl der angebotenen Tüten und die Tütenpreise zu steigern – und somit den Umsatz. TGTG dementiert diese Vorwürfe.

Blisce-Chef Mars erklärt: „Wir sind nicht hier, um ihnen beizubringen, wie sie das Unternehmen führen.“ Die Strategie von TGTG bleibe von dem Investment unberührt, sagt TGTG-Chefin Lykke.

Das Potenzial für Lebensmittelretter in den USA ist offenbar riesig. Die Bürger dort werfen laut Mars 40 Prozent aller genießbaren Lebensmittel weg. Das Grundproblem werden aber auch Lykke und Mars nicht lösen: Die Industriestaaten produzieren viel zu viel.

Schuld daran sind auch die Verbraucher. Der Kunde wolle eine große Auswahl und kurze Wartezeiten, teilt eine Sprecherin von Nordsee mit, einem der Hauptpartner von TGTG. Die Schnellrestaurantkette sei daher darauf angewiesen, stets viele Fischbrötchen zu präsentieren.

Die Zahlen zeigen, dass der Markt für kommerzielle Lebensmittelretter noch lange nicht erschöpft ist. Filmemacher Valentin Thurn, der vor zehn Jahren die Dokumentation „Taste the Waste“ veröffentlichte und Foodsharing mitgründete, sagt: „Von dem Müllberg, der durch unsere Konsumgesellschaft entsteht, schöpfen Foodsharing und Tafeln nur zehn Prozent ab.“

Auch Start-ups Sirplus und Motatos machen Verlust

Ausreichend Platz also für TGTG – und Wettbewerber wie Sirplus und Motatos. Sirplus verkauft seit 2017 in mittlerweile sechs Supermärkten in Berlin und online Lebensmittel. Ware, die von Produzenten oder Großhändlern wegen Produktionsfehlern oder Änderungen am Design aussortiert wurde.

Bis heute hätten Sirplus und seine 120.000 Kunden mehr als 3500 Tonnen Lebensmittel gerettet, sagt Co-Gründer Raphael Fellmer. „Die online erzielten Umsätze sind zwar in der Coronakrise deutlich gestiegen.“ Noch sind nach Angaben der Unternehmen aber weder Sirplus noch Motatos profitabel.

Konkrete Zahlen über das genaue Ausmaß der Verschwendung in Deutschland gibt es nicht. Genauso wenig wie politischen Druck, diese zu bekämpfen. Thurn kritisiert, dass die von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vorgeschlagenen Maßnahmen für die Handels- und Lebensmittelunternehmen freiwillig seien.

In anderen Ländern sind die Regeln strenger. In Frankreich ist es Supermärkten verboten, Lebensmittel wegzuwerfen. An diesem Modell haben sich Belgier und Tschechen orientiert. Italien und Finnland setzen über Steuererleichterungen Anreize, damit es sich finanziell lohnt, Ware nicht zu entsorgen.

Solange es solche Verbote oder Anreize in Deutschland nicht gibt, bieten Firmen wie TGTG den Supermärkten und Bäckereien ein Auffangnetz, das Experten wie Urs Niggli kritisieren. Der Schweizer Professor für Agrarökologie sieht „die Gefahr, dass das Ziel der Vermeidung von Verschwendung verwässert wird, wenn man darauf ein Geschäft aufbaut“.

Wenn die Verbraucher „nur noch Jagd auf billige Lebensmittel machen und ignorieren, dass es darum geht, den Abfallberg zu reduzieren“, sagt Niggli, werde noch mehr „sinnlos konsumiert und vergeudet“.