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Wie Joachim Löw seinen großen Kredit verspielt

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Einst schien der Fußball-Sonnyboy aus dem Badischen den Erfolg gepachtet zu haben. Doch die 0:6-Niederlage zeigt: Der Nimbus des Bundestrainers ist passé.

Vor mehr als drei Jahren war sich VW-Chef Herbert Diess sicher, eine gute Antwort auf das „Dieselgate“-Imagetief seines Konzerns gefunden zu haben. Er überbot als neuer „Mobilitätspartner“ des Deutschen Fußballbunds (DFB) und dessen Nationalelf für knapp 30 Millionen Euro im Jahr den Rivalen Daimler. Die Stuttgarter hatten acht Millionen gezahlt.

„Volkswagen und der Volkssport Nummer 1 – eine gute Partnerschaft“, jubelte Diess über den von 2019 bis 2024 geschlossenen Vertrag. Im Fußball sah er „Mut, Innovationskraft und unbedingten Willen zum Erfolg“.

Schön wär’s. Unter Führung des Dauertrainers Joachim („Jogi“) Löw, 60, ist die einst stolze Marke „Die Mannschaft“, das Schmuckstück des DFB, in unterste Regionen der Volksgunst abgeglitten. Löws Bilanz ist ein Wechselspiel aus Fehlverhalten, Peinlichkeiten und vor allem Misserfolgen.

Vorläufiger Tiefpunkt: die jüngste 0:6-Schlappe in Spanien. Vor 90 Jahren hatte es zuletzt eine Niederlage in dieser Höhe für die Deutschen gegeben. „Barbiert in Sevilla“, höhnt der „Spiegel“. Von einer „historischen Überlegenheit Spaniens gegenüber Deutschland“, schreibt die Zeitung „La Razón“, vom Verlierer Löw, dem „Schiffswrack“, das französische Blatt „France Football“.

Nichts ist mehr übrig vom Nimbus des Weltmeisters 2014, vom Triumph von Rio de Janeiro, der dem DFB die Grundlage für immer einträglichere Geschäfte schien. Zum wiederholten Male stellt sich auch die Frage nach einem vorzeitigen Abschied Löws, auch wenn sein angeblich mit 3,8 Millionen Euro jährlich dotierter Vertrag noch bis 2024 läuft. „Da müssen Sie andere fragen. Das kann ich so spontan nicht beantworten“, kommentiert der Trainer in Not selbst.

Dabei war Löw viele Jahre lang ein Sonnyboy des deutschen Fußballs, dessen scheinbare Coolness Firmen wie Strenesse oder Nivea zu Werbeaufträgen inspirierten. Der Sohn eines Ofensetzers war halt einer, der in breitem Badisch über Fußball variierte und Savoir-vivre verbreitete. Einer aus dem Schwarzwald, der die Branche als Profispieler, etwa in Freiburg, kennen lernte und später als Klubtrainer reüssierte, in Stuttgart oder Innsbruck. 2004 avancierte er zum Co-Trainer der Nationalelf, die er 2006 ganz übernahm.

Kritik begegnet Löw mit Arroganz

Die gute Serie von mehr oder weniger bravourös bewältigten WM-Turnieren und Europameisterschaften endete erst 2018 in Russland. Da schied Löws „Die Mannschaft“ blamabel in der Vorrunde aus. Seitdem doktert er ohne Fortüne am Neuaufbau herum. Eine Serie von Unentschieden wurde schon als Erfolg verkauft. Löw selbst gab sich angesichts wachsender Kritik arrogant: Es sei ihm „eigentlich völlig egal, wer was sagt“. Zu Corona fiel ihm ein, dass sich „die Erde gegen die Menschen und ihr Tun wehrt“.

Abgehoben wirkte auch, dass Löws Nationalelf zwischen zwei Spielen in Stuttgart und Basel tatsächlich das Flugzeug benutzte. Luftlinie: 180 Kilometer. Das Fußballvolk quittierte den Niedergang der Nationalelf mit geringem Interesse an Tickets für Spiele sowie sinkenden TV-Quoten.

Für den DFB, den größten Sportverband der Welt, ist das eine Katastrophe. Fällt das Zugpferd im Tingeltangel des Kommerzes weiter aus, drohen noch mehr Budgetprobleme. Die Reserven in Frankfurt schmelzen in beängstigendem Tempo. Somit steigen die Herausforderungen für Sportdirektor Oliver Bierhoff, 52.

Der gibt den Druck an seinen obersten Angestellten weiter. Mal merkt er an, dass Löw „natürlich einen gewissen Kredit verspielt hat“, dann wieder relativiert er, dessen Weg als Bundestrainer selbst nur „bis einschließlich der EM“ im Sommer 2021 mitzugehen. Am Ende des Tages müssten „wir uns alle an Ergebnissen messen lassen – das weiß auch Jogi“, so Bierhoff. Er redete von „dunklen Wolken“.

Dass die bald verfliegen, darauf hofft auch Volkswagen. Das viele Geld für den Fußball soll sich lohnen. Zuletzt gab der gerupfte Löw in Dresden den symbolischen Startschuss für den ID.3, den neuen Elektrokleinwagen von VW. Und er philosophierte ein wenig: „Es befindet sich alles im Wandel. Das ist bei uns im Fußball auch so.“