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Der heimliche Gigant in der irischen See

Irland steht im Brennpunkt des drohenden Brexits. Dabei wäre das Land vor dem Hintergrund starker Wirtschaftszahlen auch für andere Schlagzeilen gut. Anleger sollten das auf dem Zettel haben.

Wer das Thema Brexit trotz all seiner Längen, die es seit jenem berühmt-berüchtigten Referendum im Juni 2016 zweifelsohne aufweist, immer noch aufmerksam verfolgt, weiß: Ein wesentlicher Punkt der Verhandlungen zwischen dem austrittswilligen Großbritannien und der EU dreht sich um Irland. Konkret um die Grenze zwischen der Republik Nordirland, die zu den Briten gehört, und der Republik Irland, die eben nicht Mitglied des Königreichs ist – und deshalb nach einem Brexit im Gegensatz zum Nachbarn in der EU verbliebe.

Heimlicher Euro-Primus

Von geteilten Völkern ist die Weltgeschichte voll, insofern ist naheliegend, dass dieser Aspekt des Brexit-Dramas besonders genau beäugt wird. Dass Irland derart im Rampenlicht steht, ist aber eher ungewöhnlich – wer Irland auf seine Klischees beschränkt, der hört an und für sich bei Guiness-trinkenden Pub-Besuchern und bei Fidel-Musik im „Herr der Ringe“-Stil auf. Dabei kann es gerade auch unabhängig von den Brexit-Kapriolen Sinn ergeben, einen Blick gen Dublin, Cork und Co. zu werfen.

So ist Irland sowohl 2018 als auch 2019 jeweils das wachstumsstärkste Mitglied der Eurozone: Laut der EU-Kommission wird die Insel im laufenden Jahr beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) ein Wachstum von 5,6 Prozent aufweisen. Zum Vergleich: Für den gesamten Euroraum prognostiziert die Kommission ein BIP-Plus von 1,1 Prozent. Auch 2020 wird Irland mit einem geschätzten Wachstum von 3,5 Prozent weitaus stärker wachsen als der Euroraum insgesamt (1,2 Prozent).

Die gute Verfassung der irischen Wirtschaft wird nichts daran ändern, dass man auch beim heimlichen Euro-Primus den 12. Dezember genau im Blick haben wird. Dann wird mit dem Ergebnis der Wahlen in Großbritannien voraussichtlich zumindest eine Vorentscheidung darüber gefällt, welchen Weg die Briten gehen wollen: den von Premierminister Boris Johnson – oder eben einen anderen. Aktuell liegen Johnsons konservative Tories in Umfragen vorne. Der damit immer näher rückende Brexit ist aber offenbar nichts, was in Irland zu Panikattacken führt. Die Aktienkurse deuten sogar das Gegenteil an: Sie haben zuletzt ihre Höhenflüge der vorangegangenen Monate fortgesetzt.

Eine Wahl der Entscheidung – vielleicht

Das Selbstbewusstsein der Iren ist nicht ganz unbegründet. Die Republik ist der EU ebenso wie das Vereinte Königreich im Jahr 1973 beigetreten – noch länger sind nur deren Gründungsmitglieder dabei. Es ist aber nicht nur die Tradition, sondern auch die Performance, die überzeugt: Im Jahr 2018 war Irland gemessen am kaufkraftbereinigten Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt das zweitreichste Land Europas, weltweit stand das Land in diesem Ranking immerhin noch auf Rang fünf. Und manch einer mag darauf spekulieren, dass die Bedeutung Irlands für die europäische Gemeinschaft durch den Austritt Großbritanniens sogar größer wird.

Die komplette Bandbreite

Gut aufgestellt ist die irische Wirtschaft bereits jetzt: Ihre Vielfalt spiegelt sich im ISEQ Overall Index wider, der knapp 50 der wichtigsten Unternehmen des Landes umfasst. Dort sind Banken und Pharma-Unternehmen ebenso vertreten wie Internetdienstleister und Softwarefirmen. Im ISEQ 20, der wiederum auf die 20 wichtigsten Unternehmen des Landes konzentriert ist, befinden sich Namen, die auch in ganz Europa klingen, darunter die Bank of Ireland, der Lebensmittelkonzern Kerry Group, der Billigflieger Ryanair, der Wettanbieter Flutter Entertainment und der Verpackungsriese Smurfit Kappa.

Die breite Streuung, die ein Anleger bei seinen Investments immer berücksichtigen sollte, ist hier in jedem Fall gegeben, etwa in Form eines ETFs. Die Chancen, dass der ISEQ 20 Index seinen Aufwärtstrend fortsetzt, stehen auch im Falle eines Brexits nicht schlecht. Droht wider Erwarten ein Austritt ohne Deal, könnte das Wachstum in Irland zwar deutlich geringer ausfallen und damit einhergehend auch der ISEQ 20 unter Druck geraten. Auf dem Schirm haben sollten Anleger diesen heimlichen Giganten in der irischen See aber in jedem Fall.

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