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Immer ausverkauft: Wie das Kinderfahrrad-Startup Woom mit dem „massiven Wachstum” umgeht

Er nennt seine Mitarbeiter „Woomsters”: Der neue CFO Paul Fattinger gibt Einblick in die Strategie des Kinderfahrrad-Herstellers Woom
Er nennt seine Mitarbeiter „Woomsters”: Der neue CFO Paul Fattinger gibt Einblick in die Strategie des Kinderfahrrad-Herstellers Woom

„Woom woom woom woom – I want you in my room!” Sangen das nicht schon die Vengaboys? Jedenfalls ähnlich trendy wie die niederländische Popgruppe mit ihrem Hit im Jahr 1998 ist heute das Woom Bike. Es gibt kaum einen Park oder Spielplatz in Österreich, wo es nicht schon seine Runden dreht. 2013 wurden die stylishen, bunten Kinderfahrräder in Klosterneuburg in der Nähe von Wien ins Leben gerufen.

Ihr USP: die extreme Leichtigkeit. Das überzeugte auch die Seed-Investoren Florian Gschwandtner und Stefan Kalteis – vor zwei Jahren legten sie ihr Geld in das Startup und somit in eine rapide wachsende Branche an. Im Vergleich zum Jahr 2015 wurde in Wooms Heimatland Österreich im vergangenen Jahr das Dreifache mit Fahrrädern umgesetzt – der Jahresumsatz durchbrach 2021 erstmals die Milliardengrenze. Nach acht Jahren ist Woom in mehr als 30 Ländern erhältlich, allen voran in der DACH-Region und den USA.

Interessierte Eltern wissen bereits: Wer ein Woom Bike für seinen Sprössling haben will, muss entweder Glück oder gute Beziehungen haben. Die meisten Modelle sind innerhalb kürzester Zeit auf der Website ausverkauft. Falls sie im Second-Hand-Bereich angepriesen werden, dann zu einem ähnlichen Preis wie die brandneue Version.

Geschäftsführer Paul Fattinger (Ex-KPMG und -BCG) verrät uns in Tipps und Tools, wie er den „Megatrend Radfahren” managt, welche Komplikationen die Ukraine-Krise mit der Supply Chain hervorbringt und wie ihm der ehemalige US-Präsident Eisenhower bei der Arbeit hilft.

Hey Paul, starten wir mit den Basics, welche Tools helfen euch bei Woom Bikes am meisten durch den Arbeitstag?

Wir sind eine internationale Firma. Unsere Teams arbeiten auf zwei Kontinenten zwischen Klosterneuburg bei Wien und Austin in Texas. Remote Work, Home Office und Videocalls haben bereits vor der Pandemie unseren Arbeitsalltag bestimmt.

Slack ist unser zentrales Kommunikationstool, hier findet unser täglicher Austausch statt. Via Slack passiert auch viel informelle Kommunikation. Das stärkt den Spirit und den Teamgeist. Im Büroalltag bewegen wir uns außerdem im Google-Universum – also E-Mail, virtuelle Meetings, Präsentationen, Tabellen und Dokumentenablage. Die Google Cloud erleichtert uns die team- und länderübergreifende Zusammenarbeit.

Viele Eltern wollen ein Woom Bike für ihre Kids. Der Hype ist so groß, dass ihr mit den Lieferungen teilweise nicht nachkommen konntet und könnt. Wie schafft ihr es, den Ansturm heute zu managen? Was habt ihr ändern müssen?

Im vergangenen Jahr lief das 500.000. Woom-Fahrrad vom Produktionsband. Wir befinden uns auch dieses Jahr weiterhin auf Wachstumskurs. Radfahren und nachhaltige Mobilität sind Megatrends, so ist auch die Nachfrage weiterhin hoch.

Das massive Wachstum – mit Fokus auf das Supply-Chain-Management – ist eine unserer zentralen Herausforderungen. Wir arbeiten kontinuierlich daran, unsere Planung und unsere Prozesse zu verbessern. Darüber hinaus haben wir unser Customer-Service-Team massiv aufgestockt, um unseren hohen Ansprüchen beim Service zu entsprechen und die gestiegene Kundenanfragen zeitnah bearbeiten zu können.

Durch die Corona-Pandemie habt ihr es mit wehenden Fahnen geschafft. Wie läuft es mit den neuen internationalen Challenges durch den russischen Angriff auf die Ukraine?

Die Lieferzeiten in der Fahrradindustrie bleiben nach wie vor eine Herausforderung. Die Situation ist überaus dynamisch und verändert sich von Woche zu Woche. Bis vor Ausbruch des Krieges in der Ukraine hat es tendenziell besser ausgesehen als 2021. Momentan variieren unsere Lieferzeiten stark nach Modell. Wir empfehlen jedenfalls unseren Kundinnen und Kunden, sich unbedingt in die Wartelisten einzutragen.

Wo produziert ihr denn aktuell und wie reagiert ihr auf Lieferengpässe aus euren Produktionsländern?

Unsere Fahrräder und deren Komponenten werden in Klosterneuburg entwickelt und designt. Hergestellt werden sie von Partnern in der ganzen Welt. Vieles kommt aus Asien. Unser mittelfristiges Ziel ist es, die Produktion nahe der Nachfragemärkte anzusiedeln und auch die Nachfrage in Europa von Europa aus zu bedienen. Seit vergangenem Jahr haben wir in Polen einen Partner für die Endmontage und damit einen Produktionsstandort für Europa in Europa. Das Werk wird vom deutschen Unternehmen Sprick Cycle betrieben und steht in Świebodzin im Westen von Polen.

Gibt es etwas, wovon du heute denkst: Hätte ich das bloß früher gewusst, dann hätte ich mir viel Arbeit, Nerven oder unnötige Kosten erspart?

Reue ist im Business Kontext nicht mein Denkmodell. Ich halte nicht viel von – wie wir in Österreich sagen – “hätt’ I, tät’ I, war’ I.” Das bedeutet übersetzt: “hätte ich, täte ich, wäre ich".

Welches Woom-Geheimnis kannst du mir ausposaunen, wie arbeitet ihr anders als andere Startups?

Ich würde sagen, eines unserer Erfolgsgeheimnisse ist der Wille zur Innovation. Wir haben von Anfang an viele Dinge komplett anders als andere gemacht und letztlich die Spielregeln für den Kinderräder-Markt disruptiv verändert. Das beginnt beim zeitlosen Design unseres Produktes, für das wir mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden sind, etwa dem Red Dot Award, dem German Design Award, dem iF Design Award und vielen mehr. Und es betrifft die Qualität des Produkts – Woom Bikes sind leichter und kompromisslos auf die Bedürfnisse von Kindern abgestimmt. Zudem unseren Kundenservice, in dessen Ausbau und Optimierung wir viel Zeit und Energie stecken. Letztlich prägt der Wille zur Innovation und die Suche nach der idealen Lösung jeden einzelnen Bereich unseres Unternehmens.

Nicht günstig, aber leicht: 349 Euro kostet das hier abgebildete Woom 2. Die Nachfrage ist so enorm, dass Kunden sich auf Wartelisten eintragen müssen.
Nicht günstig, aber leicht: 349 Euro kostet das hier abgebildete Woom 2. Die Nachfrage ist so enorm, dass Kunden sich auf Wartelisten eintragen müssen.

Ihr wollt maximal expandieren – wie bereitet ihr euch vor?

Wir entwickeln uns gerade vom Garagen-Startup zur internationalen Brand. Dieses massive Wachstum zu managen – wir haben eine jährliche Wachstumsrate von weit über 50 Prozent – ist meine Aufgabe hier. Wir sind gerade dabei, Strukturen und Prozesse zu schaffen, die dieses Wachstum ermöglichen. Wir stocken unser Team auf – von heute knapp über 200 Woomsters werden wir bis Anfang nächsten Jahres auf 300 Angestellte wachsen. Und bei all unseren großen Plänen gilt immer unser Leitsatz „stay humble and hungry”: Wir wollen immer am Boden bleiben und uns auf das Wesentliche fokussieren, uns ständig hinterfragen, immer besser werden und dabei die weltweit beliebteste Marke für Kinderfahrräder werden.

Wie schaut es den tagsüber aus, worauf legt ihr bei Meetings wert?

Humor darf bei Meetings nicht zu kurz kommen. Auch wenn natürlich nicht jeder Termin ein Feuerwerk an Pointen bietet. Was uns bei Meetings am wichtigsten ist? Ich würde sagen: eine klare Struktur, Effizienz und eine respektvolle, freundschaftliche Atmosphäre.

Woher holst du dir deine News, was liest du, um über die Konkurrenz im Bilde zu sein?

Meine News hole ich mir fast zur Gänze online. Das Einzige, was ich offline lese, ist der Economist. Ansonsten die Online-Ausgaben der Financial Times und der österreichischen Tageszeitung „Die Presse.” Hin und wieder auch Techcrunch. LinkedIn ist für mich relevant, sonst wenig Social Media – ein bisschen Instagram, aber rein privat.


Wer bei euch arbeiten möchte, was muss der- oder diejenige unbedingt mitbringen?

Alle Woomster verbindet die Liebe zum Radfahren. Und viele unserer Woomsters sind selbst Eltern und können sich somit sehr gut mit unserer Zielgruppe identifizieren. Unsere Mission ist es, so vielen Kindern wie möglich die Liebe zum Radfahren zu vermitteln. Denn aus kleinen fahrradbegeisterten Kindern – das ist unsere Hoffnung – werden große fahrradbegeisterte Erwachsene. Das ist gut für die Umwelt und macht den Planeten zu einem besseren Ort. Wir wünschen uns, dass neue Woomsters diese Vision mit uns teilen.

Wenn es um Ziele erreichen geht, hast du da einen Frontrunner in Form von Buch oder Podcast?

Ich finde John Doerrs Zugang zu “Objectives and Key Results” spannend, weil es ein super Tool ist, um eine Organisation zu fokussieren. Beim Priorisieren hilft mir die Eisenhower-Matrix – also das Sortieren der Tasks nach Wichtigkeit und Dringlichkeit. Was mir bei all dem Trubel und Stress außerdem hilft: Fokus-Zeiten für konzentriertes Arbeiten einzuplanen.

Was ist der beste Business Advice, den du je bekommen hast?

Den Mut zu haben, Entscheidungen zu treffen. Denn die schlimmste Entscheidung ist die Entscheidung, die man nicht getroffen hat. Wir hier bei Woom leben eine aktive Fehlerkultur. Fehler sind für uns Chancen, zu lernen und zu wachsen. Es braucht für Innovation ein Experimentierfeld und die Sicherheit, dass Fehler erlaubt sind.

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