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Heinsberg-Studie: Forscher berechnen 1,8 Millionen Infizierte in Deutschland

Forscher der Uni Bonn haben die Ergebnisse der Coronastudie aus Heinsberg vorgestellt – und leiten daraus Ergebnisse für Deutschland ab. Demnach könnten schon viele Menschen erkrankt gewesen sein.

Eine Frau im Schutzanzug kurz vor einem Abstrichtest. Im besonders vom Coronavirus betroffenen Kreis Heinsberg haben Bonner Forscher viele Daten gesammelt. Foto: dpa

Das Team um die Bonner Virologen Hendrik Streeck und Gunther Hartmann hat am heutigen Montag die Endergebnisse der Heinsberg-Studie veröffentlicht. Nachdem sich das Coronavirus durch eine Karnevalsveranstaltung im Februar rasend schnell in diesem Kreis in NRW ausgebreitet hatte, wurde die Region zum Forschungsgebiet für die Virologen. Durch das Infektionsgeschehen in der Gemeinde Gangelt sollten Erkenntnisse über die Sterblichkeitsrate und die Dunkelziffer der Infektionen für ganz Deutschland ermittelt werden.

Den Ergebnisse zufolge hatten sich 15 Prozent der Studien-Teilnehmer mit dem Coronavirus infiziert. Gemäß dieser Kennziffer läge die Sterblichkeitsrate in Gangelt bei 0,37 Prozent, so die Forscher. Im Vergleich zu den offiziell gemeldeten Zahlen in der Region errechneten die Wissenschaftler, dass die Dunkelziffer der Infizierten in Gangelt etwa 5-mal höher liege als die offiziell gemeldeten Fallzahlen.

Über die Zahl der Corona-Toten in Deutschland, nämlich rund 6.700, lassen sich die Ergebnisse aus Gangelt auf die Bundesrepublik hochrechnen. Demnach errechneten die Forsche eine Dunkelziffer, die 10-Mal über den gemeldeten Fallzahlen liegt. Das ergäbe eine geschätzte Anzahl von 1,8 Millionen Infizierten in Deutschland.

Untersucht wurden in Gangelt 919 Teilnehmer aus 405 Haushalten. Alle Teilnehmer wurden sechs Wochen nach dem Ausbruch in der Region getestet und befragt. Getestet wurde sowohl auf das Virenvorkommen im Rachen, durch sogenannte PCR-Tests, aber auch auf Antikörper im Blut, die nach einer überstanden Infektion nachweisbar sind.

„Die Ergebnisse können dazu dienen, Modellrechnungen zum Ausbreitungsverhalten des Virus weiter zu verbessern – bislang ist hierzu die Datengrundlage vergleichsweise unsicher“, sagt Co-Autor Hartmann, Leiter des Instituts für Klinische Chemie und Klinische Pharmakologie am Universitätsklinikum Bonn und Sprecher des Exzellenzclusters ImmunoSensation.

In Gangelt konnten außerdem neue Informationen über den Verlauf der Erkrankung und das Infektionsrisiko erlangt werden. Demnach haben 22 Prozent der Erkrankten gar keine Symptome gezeigt. Daraus folgert Hartmann: „Jeder vermeintlich Gesunde, der uns begegnet, kann unwissentlich das Virus tragen. Das müssen wir uns bewusst machen und uns auch so verhalten“, sagt der Hygiene-Experte.

Infektionen sind altersunabhängig

Auffällig sei jedoch, dass die Personen, die an der ausschlaggebenden Karnevalssitzung teilgenommen hatten, auch häufiger Symptome auswiesen. „Um herauszufinden, ob hier die körperliche Nähe zu anderen Sitzungsteilnehmern und eine erhöhte Tröpfchenbildung durch lautes Sprechen und Singen zu einem stärkeren Krankheitsverlauf beigetragen haben, planen wir weitere Untersuchungen in Kooperation mit Spezialisten für Hygiene“, führt Prof. Hartmann aus.

Auch waren die Infektionsraten in Mehrpersonen-Haushalten überraschend gering, fanden die Wissenschaftler heraus. „Die Infektionsraten sind bei Kindern, Erwachsenen und Älteren sehr ähnlich und hängen offenbar nicht vom Alter ab“, sagt Prof. Streeck. Auch im Vergleich von Männern und Frauen ließen sich keine großen Unterschiede finden.

Bereits Anfang April hatte das Forscher-Team einige Zwischenergebnisse der Heinsberg-Studie veröffentlicht. Damals hatte Streeck die Ergebnisse zusammen mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet vorgestellt und gesagt, dass die Maßnahmen gemäß den vorläufigen Ergebnissen gelockert werden könnten.

In der heutigen Veröffentlichung äußert sich Streeck weniger konkret: „Welche Schlüsse aus den Studienergebnissen gezogen werden, hängt von vielen Faktoren ab, die über eine rein wissenschaftliche Betrachtung hinausgehen“, sagt er. „Die Bewertung der Erkenntnisse und die Schlussfolgerungen für konkrete Entscheidungen obliegen der Gesellschaft und der Politik.“

Vieles im Hintergrund der Studie hat in den vergangenen Wochen für Kritik gesorgt. So wurde die Öffentlichkeitsarbeit der Studie mit 20.000 Euro durch den Netzbetreiber Deutsche Glasfaser unterstützt. Das Unternehmen verteidigte den Schritt mit der Begründung, dass der Kreis Heinsberg zu den „ersten und erfolgreichsten Ausbauregionen von Deutsche Glasfaser“ gehöre, sagte der Firmensprecher.

Die zuständige PR-Agentur „Storymachine“ hatte außerdem berichtet, dass auch die Gries Deco Company, Muttergesellschaft der Handelskette Depot, rund 30.000 Euro für die PR-Arbeit der Studie zugeschossen hatte.

Mehr: 20.000 Euro hat der Netzbetreiber in die PR-Arbeit um ein Forscherteam in Gangelt investiert. An der Studie und der Pressearbeit gibt es Kritik – darauf reagiert der Netzbetreiber.