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Die heiklen Geschäfte der Mittelständler in Myanmar

Peer, Mathias
·Lesedauer: 7 Min.

Deutsche Unternehmen wollen einen der letzten unbearbeiteten Wachstumsmärkte erschließen. Doch Verbindungen zum Militär sorgen für Kritik. Experten erklären, wie man unbedenkliche Partner findet.

Den Auftrag aus Myanmar sah der bayerische Abfüllanlagenbauer Krones lange als Vorzeigeprojekt. Das Geschäft, um das es geht, sieht auf den ersten Blick unbedenklich aus: Krones lieferte in den vergangenen Jahren Anlagen für die Befüllung von Dosen und Flaschen an Myanmar Brewery, den größten Bierbrauer des Landes.

Man habe so dazu beigetragen, die Kapazitäten des Unternehmens beinahe zu verdoppeln, hieß es bei Krones. Auf die Zusammenarbeit war das Familienunternehmen offenbar so stolz, dass es sogar ein dreieinhalbminütiges Werbevideo darüber produzieren ließ.

Doch nun bringen Aktivisten das Unternehmen in Zusammenhang mit schweren Menschenrechtsverletzungen. Yadanar Maung macht Krones mit Blick auf das Projekt schwere Vorwürfe. Der Grund: Myanmar Brewery gehört zum Firmenimperium von Myanmars hochumstrittenem Militär, dem eine UN-Untersuchung Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwirft.

Das Unternehmen sei für die Streitkräfte eine wichtige Einnahmequelle, sagt Yadanar Maung, Sprecherin der Organisation Justice for Myanmar. Indem Krones der Brauerei dabei helfe, ihre Profite zu steigern, gerate der Konzern auch in Verbindung zu den Verbrechen des Militärs. Sie fordert: „Krones muss seine Geschäftsbeziehung zu Myanmar Brewery sofort einstellen.“

Der Fall unterstreicht die massiven Probleme der deutschen Wirtschaft beim Versuch, einen der letzten, bisher noch kaum bearbeiteten Märkte in Asien zu erschließen: Myanmar galt nach Ende der Militärdiktatur und der internationalen Isolation vor zehn Jahren als vielversprechender Wachstumsmarkt. Doch in der Wirtschaft des 55 Millionen Einwohner großen Landes bauen die Streitkräfte mit einem weit verzweigten und intransparenten Firmennetz ihre dominante Rolle weiter aus.

Für deutsche Unternehmen erschwert sich dadurch die Suche nach unbedenklichen Geschäftspartnern in dem Land. Die Menschenrechtsaktivisten machen in den letzten Wochen und Tagen zunehmend Druck und erklären, wie man das Militär außen vor lässt.

Ein Netz aus mehr als 100 Firmen

Bislang zeigen sich deutsche Firmen vielfach überrascht von den problematischen wirtschaftlichen Verflechtungen. Krones will von der Verbindung zwischen Myanmar Brewery und dem Militär nichts gewusst haben: Den letzten Auftrag bei dem Unternehmen habe man 2017 abgeschlossen, heißt es bei dem Konzern.

„Zu diesem Zeitpunkt wurde bei Krones noch keine Geschäftspartner-Due-Diligence-Prüfung durchgeführt“, teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit. Man habe deshalb nicht feststellen können, dass die Brauerei „indirekt von Myanmars Militär geführt wird“.

Auf die Frage, ob Krones künftig Geschäfte mit militärnahen Unternehmen in dem Land ausschließe, antwortet die Sprecherin, dass man inzwischen über eine sorgfältige Prüfung – genannt Due Diligence – der Geschäftspartner verfüge, „um unter anderem auch Menschenrechtsverletzungen im Voraus zu erkennen“.

Dass Myanmars beliebteste Biermarke zum Firmenkonglomerat der Streitkräfte gehört, ist kein Geheimwissen: Gegründet wurde die Brauerei 1995 von der Militär-Holding MEHL. Darüber kontrolliert das Militär zusammen mit der zweiten Holding MEC mehr als 100 Unternehmen im Land, unter anderem im Bergbau, Finanzsektor, in der Tourismusbranche und der Zementindustrie.

Interne Dokumente zeigen laut einem im September veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, dass von MEHL erwirtschaftete Erträge unter anderem an Militäreinheiten flossen, die direkt an schweren Menschenrechtsverletzungen beteiligt gewesen sein sollen.

Die Organisation bezieht sich dabei unter anderem auf den brutalen Militäreinsatz gegen die Rohingya-Volksgruppe im Jahr 2017, der Hunderttausende Angehörige der Minderheit in die Flucht schlug. Wegen des Vorwurfs des Völkermordes muss sich Myanmar in diesem Zusammenhang derzeit vor dem Internationalen Gerichtshof verantworten.

Die wirtschaftlichen Verbindungen des Militärs zu ausländischen Unternehmen rücken seitdem zunehmend in den Fokus: Ein im vergangenen Jahr veröffentlichter UN-Report warnte internationale Firmen, dass sämtliche Geschäfte mit den militärnahen Unternehmen ein hohes Risiko bergen, zu Menschenrechtsverletzungen beizutragen.

„Ausländische Unternehmen müssen ihre Geschäftspartner überprüfen, um sicherzustellen, dass sie mit niemandem handeln, der in Gräueltaten verwickelt ist“, sagt Chris Sidoti, Mitautor des UN-Berichts, dem Handelsblatt. „Wer in Myanmar Geschäfte machen will, kann das auch auf ethische Weise machen und Militärfirmen aus dem Weg gehen.“

Sein Bericht für die Vereinten Nationen ist die erste Anlaufstelle für Unternehmen, die überprüfen wollen, ob ihre Geschäftspartner mit dem Militär in Verbindung stehen. Im Anhang listet er über mehr als 20 Seiten Tochterunternehmen und Joint Ventures des Militärs auf sowie Privatunternehmen, die durch Großspenden an das Militär aufgefallen sind.

Änderungen im Gesellschaftsrecht hätten auf mehr Transparenz abgezielt, sagt Lutz Koch, der für das Beratungsunternehmen Rödl & Partner in Myanmar arbeitet. Seit zwei Jahren gibt es ein Onlinefirmenregister, über das sich Firmendaten abfragen lassen. Für eine geringe Gebühr lassen sich Unterlagen über die Anteilseigner einsehen.

Mittelständler gehen Reputationsrisiken inzwischen proaktiv an

Die Registrierung der Eigentümer ist seit Anfang 2020 Pflicht, erklärt Koch. Insgesamt sei es deshalb leichter geworden, sich über potenzielle Vertragspartner zu informieren. „Grundsätzlich ist es jedoch ratsam, sich vor Ort professionell beraten zu lassen, da noch nicht alle Reformen vollständig umgesetzt wurden.“ Auch die Organisation Justice for Myanmar plant, eine Liste von Unternehmen ins Netz zu stellen, die Verbindungen mit dem Militär unterhalten.

Das wirtschaftliche Interesse an dem Land ist in Deutschland zuletzt trotz der schwierigen Markterschließung sowie der internationalen Kritik am Militär und der De-facto-Staatschefin Aung San Suu Kyi stark gestiegen: Das deutsche Handelsvolumen mit dem Land hat sich zuletzt innerhalb von zwei Jahren verdoppelt – auf rund 1,2 Milliarden Euro.

Verglichen mit anderen Ländern der Region ist das in absoluten Zahlen noch wenig. Doch Geschäftsbeziehungen zu Myanmar gelten auch als Wette auf die Zukunft: Die Wirtschaft wuchs in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich stark mit einer Rate von sechs bis sieben Prozent. Auch im Corona-Jahr rechnet Myanmar als eines der wenigen Länder Asiens mit einem positiven Wachstum: Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) geht von einem Plus von 1,8 Prozent aus.

Einige deutsche Mittelständler, die in dem Land Geschäfte machen wollen, gehen mögliche Reputationsrisiken inzwischen proaktiv an: Das Hamburger Textilunternehmen Deltex lässt in Myanmar Sportkleidung, Hoodies und Outdoor-Jacken herstellen.

Das Unternehmen setzt auf Nachhaltigkeit in der Produktion und hat dafür eine Risikoanalyse erarbeitet, die auflistet, wo entlang der Wertschöpfungskette Schäden für Menschen und Umwelt drohen. „Fabriken, die in Verbindung mit Myanmars Militär sind“, listet das Unternehmen darin explizit als Risiko auf, das es zu vermeiden gilt.

In anderen Fällen fehlen derart klare Vorgaben. Unternehmen riskieren damit öffentliche Kritik. In einem am Sonntag veröffentlichten Bericht stellt die Justice for Myanmar unter anderem deutsche Firmen an den Pranger, die eine Verbindung zu dem vom Militär gestützten Mobilfunk-Joint-Venture Mytel haben.

Die Aktivisten heben dabei unter anderem den Münchener Telekommunikationsausrüster Adva hervor, dessen Technik bei dem Unternehmen eingesetzt werde. Adva erklärte auf Anfrage, dass der Geschäftspartner in dem Fall ein vietnamesisches Unternehmen ist, das die Technik in Myanmar einsetzt.

Dass es dort eine Verbindung zum Militär gebe, sei ihm nicht bewusst gewesen, sagte ein Sprecher. Er verweist darauf, dass mittelständischen Unternehmen die Kapazitäten fehlten, um in Ländern wie Myanmar eigene Recherchen über Geschäftsverbindungen anzustellen, die über gesetzliche Vorgaben hinausgehen: „Wir sind dafür viel zu klein.“

Aktivisten wollen den Druck hochhalten

Neben Adva sind den Aktivisten in Myanmar noch andere deutsche Unternehmen aufgefallen. Aus internen Haushaltsunterlagen des Militärs geht laut Justice for Myanmar die Beschaffung von Technik von Heidelberger Druckmaschinen hervor sowie eine vom Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie entwickelte Software zum Schutz von Smartphone-Daten.

Heidelberger Druckmaschinen beantwortete die Frage nicht, ob das Unternehmen eine Geschäftsbeziehung zu Myanmars Militär hat. Ein Sprecher verwies darauf, dass sich das Unternehmen an die geltenden Gesetze halte.

Ähnlich äußerte sich der Münchener Elektronikkonzern Rohde & Schwarz, der für die Vermarktung der Fraunhofer-Technik zuständig ist. Man gebe generell keine Auskünfte „zu etwaigen Geschäften oder Kunden, die in den sicherheitsrelevanten Bereich fallen“, hieß es. Selbstverständlich halte man sich an die geltenden Vorschriften und Gesetze.

Die meisten Geschäfte mit Myanmars Militär und seinen Firmen sind derzeit erlaubt. Die EU verbietet derzeit nur den Verkauf spezifischer Produktgruppen an die Streitkräfte, etwa Waffen und sogenannte Güter der internen Repression. UN-Fachleute fordern seit Längerem, die Sanktionen auf Geschäfte mit allen Militärunternehmen auszuweiten: „Regierungen sollten sicherstellen, dass Unternehmen aus ihren Ländern nicht mit Militärunternehmen zusammenarbeiten“, fordert Sidoti. Geschehen ist das aber bisher nicht.

Aktivisten wollen unterdessen weiter öffentlichen Druck machen, um das Militär wirtschaftlich zu isolieren. Die Organisation Burma Campaign nahm zuletzt Reedereien ins Visier, darunter auch mehrere aus Deutschland, die in Myanmar vom Militär betriebene Häfen anlaufen. Die Kampagne zeigte bereits Wirkung: Der Weltmarktführer Maersk sicherte laut der Organisation im Oktober zu, die Militärhäfen künftig zu boykottieren.