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Ich habe meinen Job als Anwältin aufgegeben, als ich merkte, dass ich mehr Menschen helfen kann, wenn ich ein Café eröffne

Vorher war Madeline Chan nicht einmal eine Kaffeetrinkerin.  - Copyright: Madeline Chan
Vorher war Madeline Chan nicht einmal eine Kaffeetrinkerin. - Copyright: Madeline Chan

Dieser Essay basiert auf einem Gespräch mit Madeline Chan, 29, Inhaberin von Mad Roaster in Singapur. Er wurde aus Gründen der Verständlichkeit und Länge überarbeitet.

So paradox es klingen mag, aber ich war keine Kaffeetrinkerin, bis ich 2020 meinen ersten kleinen Kaffeestand eröffnete. Tatsächlich konnte ich mir nie vorstellen, mein eigener Chef zu sein. Selbst als Anwältin war es nie mein Ziel, Partnerin in einer Anwaltskanzlei zu werden, weil das mit viel Stress und großer Verantwortung verbunden ist.

Nach meinem Abschluss an der London School of Economics and Political Science mit einem Bachelor of Laws im Jahr 2015 machte ich mein Referendariat und bekam einen Job in einer ziemlich guten Kanzlei in Singapur.

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Vier Jahre lang war ich als Anwältin für Rechtsstreitigkeiten multinationaler Konzerne zuständig. Ich begann meine juristische Laufbahn mit dem Wunsch, Menschen zu helfen. Ich hatte das Gefühl, dass ich mehr tun könnte, indem ich denen helfe, die es sich nicht leisten können, jemanden an ihrer Seite zu haben. Große Unternehmen haben ja ohnehin schon Teams von Anwälten unter Vertrag.

Madeline Chan war vier Jahre lang als Anwältin für Handelsstreitigkeiten tätig. - Copyright: Madeline Chan
Madeline Chan war vier Jahre lang als Anwältin für Handelsstreitigkeiten tätig. - Copyright: Madeline Chan

Also suchte ich einen anderen Weg und fand meinen Platz als Anwältin zur Bestimmung des Flüchtlingsstatus in Bangkok, Thailand. Dort half ich Vertriebenen bei der Beantragung des Flüchtlingsstatus beim Hohen Kommissar für Flüchtlinge der Vereinten Nationen.

Die Arbeit war erfüllend, weil ich die Erfolgsgeschichten derjenigen sah, deren Anträge ich bearbeitet hatte – und jemanden beispielsweise in ein sicheres Land brachte.

Aber das war mir immer noch nicht genug.

Ich merkte schnell, dass der Flüchtlingsstatus nicht das Happy End war, für das ich ihn hielt. Die Menschen, denen ich geholfen hatte, hatten immer noch nichts – sie konnten keine Arbeit finden und nicht einmal ihre Miete bezahlen. Sie hatten sich damit abgefunden, für immer auf Hilfe angewiesen zu sein.

Sie brauchten eine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Darin sah ich eine nachhaltigere Möglichkeit, ihnen zu helfen.

Einfach nur Geld zu spenden, würde in diesem Bereich nicht ausreichen. Die Spenden fließen nämlich oft in die Hilfsmaßnahmen, von denen ich wusste, wie sie ablaufen. Ich hatte gesehen, wie Flüchtlinge stundenlang Schlange standen, um zu zeigen, wie bedürftig oder verzweifelt sie sind. Trotzdem mussten sie riskieren, abgewiesen zu werden. Auf Hilfe angewiesen zu sein, ist eine bittere und unsichere Art zu leben.

Und so begann ich, nach Möglichkeiten zu suchen, wie man Flüchtlingen eine Perspektive für ihren Lebensunterhalt bieten könnte.

Obwohl bedeutsam und schön, verkaufen sich Kunsthandwerk nicht so gut wie Kaffee. - Copyright: Madeline Chan
Obwohl bedeutsam und schön, verkaufen sich Kunsthandwerk nicht so gut wie Kaffee. - Copyright: Madeline Chan

Ich hatte einen Freund, der die Handarbeiten von Flüchtlingen zu Alltagsgegenständen wie Laptoptaschen verarbeitete, um sie auf Flohmärkten zu verkaufen. Allerdings hatte diese Methode ihre Grenzen. Niemand braucht beliebig viele Laptoptaschen. Irgendwann würde der Umsatz nicht mehr ausreichen, um zu decken. Ich wollte eine bessere Lösung.

Da ich in der Firmenwelt arbeitete, erinnerte ich mich daran, dass die meisten Angestellten regelmäßig und ohne zu zögern, Kaffee kauften. Kaffee schien für mich die beste Lösung zu sein, um den Lebensunterhalt der Flüchtlinge zu sichern. Aber es gab noch ein weiteres Problem, dem ich mich stellen musste.

Ich hatte keine Ahnung von Kaffee und wusste noch nicht mal, wie man einen macht.

Um Erfahrung als Barista zu sammeln, arbeitete Chan jeden Tag nach Feierabend umsonst in einem Café in Bangkok. - Copyright: Madeline Chan
Um Erfahrung als Barista zu sammeln, arbeitete Chan jeden Tag nach Feierabend umsonst in einem Café in Bangkok. - Copyright: Madeline Chan

Also beschloss ich, in Bangkok das Handwerk zu erlernen und beherrschen. Da ich kein Thailändisch konnte, musste ich bei fast allen Cafés in der Stadt anklopfen, bis mich endlich ein Laden aufnahm.

Drei Monate lang lernte ich, wie ein Café funktioniert und wie man Kaffee zubereitet. Dafür arbeitete ich kostenlos bis 22 Uhr in dem Café. Und das, nachdem ich schon bis 17 Uhr als Anwältin gearbeitet hatte. Doch dann kam die Pandemie. Wegen der Einschränkungen musste ich 2020 nach Singapur zurück.

Ich wollte weiterhin mit den Flüchtlingen arbeiten. Aber weil ich in einem anderen Land war, ging das nicht mehr der Rolle der Anwältin. Daher hatte ich die perfekte Gelegenheit, mein eigenes Café, Mad Roaster, zu gründen – "Mad" war mein Spitzname. Von meinem Ersparten aus der Zeit, als Anwältin investierte ich etwa 20.000 bis 30.000 US-Dollar (etwa 18.000 bis 27.000 Euro) in Mad Roaster.

Mad Roaster eröffnete seinen ersten Kaffeestand im Amoy Street Food Centre in Singapur. - Copyright: Madeline Chan
Mad Roaster eröffnete seinen ersten Kaffeestand im Amoy Street Food Centre in Singapur. - Copyright: Madeline Chan

Angesichts des guten Wechselkurses und der hohen Kaufkraft in Singapur sind die Einnahmen aus dem täglichen Verkauf kleiner Tassen Kaffee für die Flüchtlinge in Thailand wertvoll. Ich beschloss, den Lebensunterhalt der Flüchtlinge zu sichern, indem ich sie beauftragte, Aufkleber zu bemalen. Diese sollten dann auf jeder Kaffeetasse angebracht werden.

Derzeit arbeitet Mad Roaster mit elf Flüchtlingen zusammen, die jeweils 300 Aufkleber zu einem Festpreis von zehn thailändischen Bhat (26 Cent) anfertigen. Die Aufkleber werden in Bangkok gedruckt und nach dem Einfärben nach Singapur geschickt.

In einem Monat erhält jeder Flüchtling einen Betrag von 3000 thailändischen Bhat, etwa 80 Euro. Das reicht aus, um die durchschnittliche Miete in den Außenbezirken Bangkoks zu bezahlen. In Monaten, die besser laufen, können wir mehr Aufkleber in Auftrag geben.

Durch diese Initiative sind unsere Verpackungskosten genauso hoch wie die Kosten der Zutaten für einige unserer Getränke. Das ist unüblich für die Branche.

Madeline Chan wählte Aufkleber, weil die Einstiegshürde für Flüchtlinge mit begrenzten Arbeitsfähigkeiten niedrig ist. - Copyright: Madeline Chan
Madeline Chan wählte Aufkleber, weil die Einstiegshürde für Flüchtlinge mit begrenzten Arbeitsfähigkeiten niedrig ist. - Copyright: Madeline Chan

Kaffee ist nicht das Einzige, was ich jetzt beherrsche.

Schon während meiner Uni-Zeit war ich eine begeisterte Hobbybäckerin. Brot hatte ich allerdings noch nie gebacken. Doch in Singapurs Hawker-Centern – Freiluftkomplexe mit vielen Essensständen – werden Kaffee und Brot oft zusammen serviert. Also begann ich ohne jegliche Erfahrung oder Ausbildung zu lernen, wie man Brioche backt.

Das Schichtbrioche ist eine Mischung aus Brioche und Croissant, die den fluffigen Charakter einer Brioche und die buttrige Flockigkeit eines Croissants in sich vereint. - Copyright: Madeline Chan
Das Schichtbrioche ist eine Mischung aus Brioche und Croissant, die den fluffigen Charakter einer Brioche und die buttrige Flockigkeit eines Croissants in sich vereint. - Copyright: Madeline Chan

Glücklicherweise bekam unser Verkaufsstand allmählich einige Stammkunden. Wir saßen nicht mehr nur herum und lasen Zeitung, während wir die Leute beobachteten, die an unserem Laden vorbeigingen, sondern hatten manchmal sogar eine Schlange vor unserem Stand.

Nach dem Erfolg unseres ersten Ladens eröffneten wir ein weiteres Café, das etwa sechs Kilometer entfernt liegt und in dem wir heute unser Brot herstellen.

Als Chefin eines kleinen Unternehmens mit nur einer Handvoll Vollzeitmitarbeitern musste ich schnell zur Alleskönnerin werden

An typischen Arbeitstagen, an denen ich zwischen den beiden Filialen hin und her eilte, um Kaffeebohnen abzuliefern und Brot zu backen, kam immer irgendetwas dazwischen. Egal, ob die Kaffeemaschine kaputt war oder ein Mitarbeiter fehlte – ich musste alles stehen und liegen lassen, um das Problem zu lösen.

Seit der Gründung meines Unternehmens habe ich durchgebrannte Kabel ersetzt, Steckdosen ausgetauscht, die Buchhaltung für die Logistik erledigt und mit dem Marketing in den sozialen Medien begonnen. Es fühlt sich oft wie eine endlose Liste von Aufgaben an.

Der Bestseller von Mad Roaster ist der Honig-Butter-Latte. - Copyright: Madeline Chan
Der Bestseller von Mad Roaster ist der Honig-Butter-Latte. - Copyright: Madeline Chan

Auf gewisse Weise hat die Arbeit als meine eigene Chefin zweier Coffeeshops dazu gebracht, meinen früheren Job als Anwältin wieder ein wenig mehr zu schätzen. Als ich noch angestellt war, war ich in dem Moment, in dem ein Fall abgeschlossen war, mit den Gedanken schon wieder woanders. Aber jetzt, wo ich ein Unternehmen besitze, sind meine Gedanken ständig in Bewegung. Ich muss dauernd an berufliche Themen denken, die im Laufe des Tages auftauchen.

Aber ich werde meine Entscheidung, das alles zu starten, nie bereuen. Für die elf Flüchtlinge – und möglicherweise noch mehr in Zukunft – bedeutet die Arbeit für Mad Roaster, dass sie ihr Einkommen mit Sicherheit und Würde verdienen können. Wir planen, in Zukunft zu expandieren, auch wenn wir im Moment noch keine konkreten Pläne haben. Wenn der Betrieb stabil läuft, möchte ich wieder als Anwältin arbeiten und Mad Roaster nebenbei leiten.

Dieser Text wurde von Jannik Rade aus dem Englischen übersetzt. Das Original lest ihr hier.

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