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Härtester Streik seit 24 Jahren: Frankreich steht vor dem Verkehrskollaps

Metro, Fernzüge, Flüge: Ein unbefristeter Streik legt ab Donnerstag den französischen Verkehr lahm. Profiteure sind private Mobilitätsdienstleister.

Sogar auf Deutsch warnen die Pariser Verkehrsbetriebe (RATP) ihre Fahrgäste vor dem, was ab Donnerstag auf sie zukommt: „Wegen eines Streiks wird es zu starken Betriebsstörungen kommen. Bitte informieren Sie sich auf ratp.fr.“ Eine Mitarbeiterin der Gesellschaft präzisiert: „Alle repräsentativen Gewerkschaften der RATP rufen ab dem 5. Dezember zum Streik auf.“

Anlass ist die Rentenreform, die Mitte nächsten Jahres verabschiedet werden soll und unter anderem die Abschaffung der sehr vorteilhaften Sonderrente bei der RATP und der Bahngesellschaft SNCF vorsieht – allerdings nicht für Personen, die bereits kurz vor der Altersruhe stehen.

Das Unternehmen will zwar nicht sagen, wie viele Arbeitnehmer sich als Streikende gemeldet haben, aber andere Zahlen sprechen für sich: elf Metrolinien werden komplett stillgelegt, drei werden sehr stark gestört sein. Nur zwei verkehren normal, und zwar die völlig automatisierten Linien. Die meisten Fahrgäste werden buchstäblich in die Röhre schauen. 

Zwölf Millionen Kunden befördert die RATP pro Tag. Auf den am stärksten frequentierten Linien sind es mehrere hunderttausend Personen. Das bedeutet: Millionen Pariser und Pendler werden am Donnerstag zu Fuß gehen, mit dem Rad oder einem E-Roller fahren oder auf Taxi und Uber zurückgreifen müssen – deren Kapazität allerdings begrenzt ist.

Ob es am Wochenende besser wird, ist völlig offen: Der Streik ist unbefristet und wer teilnimmt, muss erst 48 Stunden vorher den Arbeitgeber informieren. Der errechnet dann, wie viele Linien, Züge und Busse er voraussichtlich bedienen kann.

Was für Paris gilt, wird sich im ganzen Land wiederholen: ein weitgehender Stillstand auf den Schienen und Chaos auf den Straßen. In Lyon streiken die Busse. Bei der Staatsbahn SNCF werden 90 Prozent der Züge stillstehen. Besonders betroffen sind die Regionalzüge, dort erreicht die Ausfallquote annähernd 100 Prozent. Aber auch die extrem wichtigen Hochgeschwindigkeitszüge TGV werden nur zu geringen Teilen verkehren. Nach Deutschland wird der Betrieb völlig unterbrochen, teilt die SNCF mit.

Kaum Ausweichmöglichkeiten

Private Anbieter dagegen werden das Geschäft des Jahres machen. „Wir verzeichnen eine Verdoppelung der Anfragen“, freut sich Raphaël Daniel von Flixbus. Das treibt allerdings die Preise: Wer am Donnerstagmorgen von Paris nach Lyon fahren will, muss knapp 80 Euro hinblättern. An einem gewöhnlichen Donnerstag wäre es nur ein Viertel davon.

Flixbus hat nach eigenen Angaben insgesamt 3000 Plätze zusätzlich im Angebot. Das ist nur ein Bruchteil dessen, was durch den Streik an Kapazität entfällt: Allein ein TGV fasst 1200 Passagiere. „Es ist nicht so leicht, kurzfristig zusätzliche Busse, Fahrer und Stellflächen auf Parkplätzen zu finden“, erläutert Daniel. Auch andere Anbieter wie blablabus und Mitfahrzentralen erweitern ihr Angebot.

Die RATP bietet ihren Fahrgästen im Großraum Paris sogar kostenlose Beförderung und den Fahrern mindestens vier Euro pro Fahrgast an, wenn sie sich über die Zentrale Klaxit anmelden. Für die Gewerkschaften ist das ein „aggressives Verhalten, das gegen den Streik gerichtet ist, dabei streiken wir nicht gegen das Unternehmen, sondern gegen die Reform der Regierung“, äußerte ein RATP-Gewerkschafter. Der Servicegedanke ist noch nicht bei allen Franzosen angekommen.

Die Gewerkschaften werden ihr Ziel wohl erreichen: „Wir werden Frankreich lahmlegen“, hatte die links stehende CGT bereits vor Wochen gedroht. Sie hat den Mund offenbar nicht zu voll genommen. Nicht nur Nahverkehr und Bahnen sind betroffen. Auch ein großer Teil der Lehrer und Mitarbeiter der Krankenhäuser wollen in den Ausstand treten. Bei Air France rufen mehrere Gewerkschaften ebenfalls zum Arbeitskampf auf, 20 Prozent der Flüge werden ausfallen.

Eine ähnlich starke Mobilisierung hatte es zuletzt vor 24 Jahren gegeben, im Dezember 1995. Auch damals war eine geplante Rentenreform der Anlass. Nach mehr als drei Wochen Streik knickte der damalige Premier Alain Juppé ein und zog sein Vorhaben zurück.

Unklare Solidaritätslage

Wiederholt sich die Geschichte? Der heutige Premierminister – ein politischer Zögling von Juppé –  betont, dass er standhaft bleiben will: „Wir sind offen für Änderungen, aber am Prinzip – eine Rente für alle – werden wir nicht rütteln“, wiederholt Edouard Philippe seit einer Woche. Die Regierung ist allerdings beunruhigt, weil die Zahl ihrer Gegner größer ist als in allen früheren Konflikten seit Emmanuel Macrons Amtsantritt im Mai 2017.

Bei wem die Sympathie der Franzosen liegt, ist nicht ganz einfach festzustellen. Das der Linken zuneigende Institut ifop sieht eine Mehrheit, die den Streik für berechtigt hält und gegen die Reform ist. Auch Harris Interactive nennt eine klare Mehrheit an Sympathisanten des Streiks. Eine Umfrage für den konservativen Le Figaro kommt dagegen zum entgegengesetzten Ergebnis: Die Mehrheit der Bürger sei gegen den Streik und für die Reform.

In Frankreich gibt es das verbreitete Phänomen des „Streiks per Vollmacht“, gemeint ist: Auch wer selber nicht betroffen ist oder in den Ausstand tritt, hat Sympathie für diejenigen, die aktiv werden. Das erklärt die widersprüchlichen Ergebnisse zum Teil.

Jedenfalls ist offen, wohin die Stimmung kippen wird, wenn die Franzosen erst einmal ein paar Tage in winterlicher Kälte auf Busse und Bahnen verzichten oder im Stau stehen müssen. 1995 waren sie sehr leidensbereit. Heute allerdings ist es in den privaten Unternehmen im Gegensatz zu damals sehr ruhig.

Verständlich: Privilegien wird der öffentliche Dienst einbüßen. In der Privatwirtschaft wirkt sich die Reform zugunsten der Geringverdiener aus. Das zu vermitteln schafft die desaströse Kommunikation der Regierung allerdings nicht. Und der Präsident redet lieber über den „Hirntod“ der Nato als über eine Reform und einen Arbeitskampf, die für die Lebensfähigkeit seiner eigenen Regierung ausschlaggebend sind.