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Händler Heyday will sich im Markt für medizinisches Cannabis etablieren

Telgheder, Maike
·Lesedauer: 4 Min.

Stephan Kramer will mit seinem Start-up eine eigene Produktlinie für Medizinalcannabis auf den Markt bringen. Uplink-Gründer Michael Radomski unterstützt ihn.

Sie sind nicht die ersten im Markt, aber sie wollten es besonders gründlich angehen: Das Start-up Heyday will sich als weiterer Player im deutschen Markt für medizinisches Cannabis etablieren. Wobei – als Start-up will CEO Stephan Kramer Heyday nicht verstanden wissen: „Wir wollen keine Firma hochziehen, um sie schnell zu verkaufen, sondern uns langfristig in diesem Markt engagieren“, betont er. Und Mitgründer Michael Radomski sagt: „Wir sind Unternehmer und Mittelständler. Wir haben Spaß daran, etwas aufzubauen, und wollen damit groß werden.“

Dass er das kann, hat Radomski bei seiner Firma Uplink bewiesen. Das 2013 gegründete Unternehmen wickelt für private und öffentlich-rechtliche Radiosender die Übertragung des UKW-Signals über Antennen ab und erzielte 2020 rund 30 Millionen Euro Umsatz. Radomski, 46, ist nicht operativ bei Heyday tätig, sondern neben Kramer größter Anteilseigner.

Geführt wird Heyday von Stephan Kramer. Der gelernte Bankkaufmann mit Wirtschaftsstudium und MBA-Abschluss hat sich seit 2017, als Cannabis für den therapeutischen Einsatz in Deutschland freigegeben wurde, in den hochregulierten Markt eingearbeitet. Unternehmerische Erfahrungen sammelte der 35-Jährige unter anderem bei Zoro Tools Europe, einem Onlinehandel für Handwerker und Ableger der US-Firma Grainger, der Ende 2020 seinen Betrieb eingestellt hat.

Kramer und Radomski kennen sich seit zwei Jahrzehnten aus gemeinsamer Zeit in der Jungen Union. Die Idee, ein Cannabisunternehmen zu gründen, entstand 2017 im Gespräch, als der Bundestag Cannabis für den medizinischen Einsatz freigab. „Hier formiert sich ein völlig neuer Markt. Die Chance, den mitzugestalten, ergibt sich nicht oft im Leben“, sagt Stephan Kramer.

2019 wurde Heyday, zu Deutsch Blütezeit, gegründet. Operativ ging das Unternehmen 2020 als pharmazeutischer Großhändler an den Start. Im Unterschied zu anderen Cannabisunternehmen hat Heyday eine eigene Lagerstätte im nordrhein-westfälischen Viersen. Um dafür eine Lizenz zu bekommen, mussten zahlreiche Auflagen unter anderem zur Sicherheit erfüllt werden. „Wir haben bewusst den schwierigeren Weg gewählt, eigene Lagerkapazitäten aufzubauen. Wir wollen nicht von Drittanbietern abhängig sein wie die meisten Unternehmen im Markt“, sagt Kramer.

Rund 90 Unternehmen für medizinisches Cannabis in Deutschland

Lieferfähig zu sein ist für ihn ein ganz wichtiger Vorteil in einer Branche, in der in den vergangenen Jahren immer wieder auch verdorbene bzw. arzneimittelrechtlich nicht verwertbare Ernten zu Lieferengpässen geführt haben. „Wir wollen ausreichend Ware am Lager haben, falls mal eine komplette Ernte ausfällt“, sagt Kramer. Denn Ärzte verschreiben eine ganz bestimmte Cannabissorte, die in der Apotheke nicht einfach durch eine andere ersetzt werden kann, wenn sie nicht lieferbar ist.

Mehr als 80.000 Cannabispatienten gibt es Schätzungen zufolge derzeit in Deutschland. Die gesetzlichen Krankenkassen dürften im vergangenen Jahr fast 150 Millionen Euro für Cannabis als Medizin ausgegeben haben, rechnet man die bis September vorliegenden GKV-Zahlen aufs ganze Jahr hoch. Hinzu kommen Selbstzahler und Privatpatienten.

Nach Zahlen des Marktforschungsinstituts Insight Health tummeln sich derzeit rund 90 Unternehmen im Markt für medizinisches Cannabis. 70 bis 80 davon importieren Cannabisblüten, teilweise aber nur sehr kleine Mengen, denn der Hauptlieferant für Deutschland, die niederländische Firma Bedrocan, liefert nur eine begrenzte Menge. Viele Unternehmen importieren deswegen von neuen Anbauern in Südeuropa.

Heyday werde seine Cannabisblüten von einem im Anbau von Agrarprodukten sehr erfahrenen portugiesischen Lieferanten beziehen, der bereits im Vorfeld testweise einige Produktionszyklen durchlaufe, so Kramer. Einen Namen verrät er nicht, um der Konkurrenz keinen Tipp zu geben.

Das in Berlin ansässige Unternehmen mit knapp einem Dutzend Mitarbeitern will laut Kramer im ersten Halbjahr dieses Jahres eine eigene Produktlinie für Medizinalcannabis auf den Markt bringen – unter dem Namen „Sibanax“ (was rückwärts gelesen Xanabis heißt und auf die Herkunft der Produkte hinweisen soll). Entsprechende Verträge mit konkreten Liefermengen seien verbindlich abgeschlossen, so Kramer. Neben Blüten sollen später auch Extrakte angeboten werden. Derzeit baut das Unternehmen einen Außendienst auf, um viele Ärzte über die Produkte informieren zu können.

Ein einstelliger Millionenbetrag wurde bisher in den Aufbau von Heyday investiert, unterstützt wurden die Gründer dabei von verschiedenen Investoren, darunter Google-Manager Ulrich Keller und Verivox-Gründer Nikolaus Starzacher. Gerade läuft die erste externe Finanzierungsrunde, teilweise im Umfeld der bisherigen Investoren.

Das Ziel der noch jungen Cannabisfirma ist klar: „Wir wollen in den kommenden zwei Jahren einen Marktanteil im einstelligen Prozentbereich erreichen und dann weiter wachsen. Und wenn sich der Markt konsolidiert, wollen wir zu dem Dutzend Unternehmen gehören, das bleibt“, sagt Kramer.