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Wie Klimaschutz die Kurse von Aktien beeinflusst

Die Kurse von Aktien steigen stärker, wenn die Unternehmen hohen Wert auf Nachhaltigkeit legen. Das hat Folgen für die Investmentpolitik von Großanlegern.

Heute gehört es in der Finanzcommunity zum guten Ton, über den Einfluss nachhaltiger Geldanlage zu diskutieren. Ein gutes Umfeld für immer mehr grüne Investments, die auf den Markt drängen. Zuletzt hat der Vermögensverwaltungsriese Allianz Global Investors drei neue Fonds aufgelegt, die institutionellen und privaten Investoren Anlagen in Aktien anbieten, die nachhaltig ausgerichtet sind.

Wie stark Klimaaspekte nicht nur die aktuelle Stimmung widerspiegeln, sondern auch die Kursentwicklung beeinflussen, zeigt eine neue Studie, die deutlich macht, dass schon kleine Nachrichten eines Unternehmens über mehr Nachhaltigkeit im Klimabereich den Unterschied ausmachen können.

Positive Presseberichte und Ankündigungen führen auf Sicht von zwölf Monaten im Schnitt zu einer um 1,4 Prozentpunkte besseren Kursentwicklung gegenüber dem MSCI World Stock Index, der alle wichtigen Aktien weltweit berücksichtigt, hat die Deutsche Bank errechnet. Das entspricht einem Plus von 20 Prozent gegenüber dem Index.

Seit im November 2016 das Pariser Klimaabkommen in Kraft getreten ist, das den globalen Temperaturanstieg auf unter zwei Prozent begrenzen will, hat sich einiges getan. Der Beitrag der Europäischen Union zum Pariser Klimaabkommen sieht vor, die Treibhausgasemissionen bis 2030 schrittweise um mindestens 40 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 zu reduzieren.

Deswegen hat die Bundesregierung ein Klimaschutzpaket auf den Weg gebracht, das den Ausstoß von CO2 bepreist. Ein Ergebnis des Umdenkens in der Gesellschaft ist auch der politische Aufschwung der Grünen in Deutschland bei den meisten Wahlen.

Doch schon bevor die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit in der breiten Öffentlichkeit massiv an Bedeutung gewonnen haben, hatten Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und gute Unternehmensführung (Environmental, Social, Governance, ESG) erheblichen Einfluss auf die Aktienkurse: Am deutlichsten reagieren nach den Worten von Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat und Firmenkunden der Deutschen Bank, die Branchen Technologie, Gebrauchsgüter und Gesundheit.

Mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) hat die Deutsche Bank versucht, den Einfluss von ESG-Themen auf die Kursentwicklung zu messen. Dafür haben die Algorithmen fünf Millionen Seiten in Geschäftsberichten von 1600 Unternehmen weltweit untersucht sowie alle Artikel der Nachrichtenagentur Dow Jones der vergangenen zwei Jahrzehnte analysiert.

Die schlechtere Kursentwicklung von Firmen, die ESG-Kriterien vernachlässigen, zeigt sich weitaus stärker in Zeiten steigender Aktienmärkte, hat die Deutsche Bank herausgefunden. In schlechten Börsenphasen werde die „Underperformance“ teilweise wieder aufgeholt. Erstaunlicherweise reagieren die Aktien der Energieversorger grundsätzlich weniger sensibel auf gute Nachrichten aus dem Klimabereich, so die Studie.

Für das Institut zeigt dies, dass sich die Investoren sehr umsichtig verhalten und nicht bei allen Unternehmen die Verbesserungen in der Klimabilanz gleichförmig in den Notierungen berücksichtigt werden. „Sowohl Konsumenten als auch Investoren scheinen ihre Wahl getroffen zu haben und fordern mehr Klimaengagement“, urteilt Stephan.

Der Fondsverwalter Octopus Investments hat in einer Umfrage unter 100 Pensionsfonds, Versicherungen, Staatsfonds und Stiftungen herausgefunden, dass sie 15,6 Prozent ihrer Engagements in Kohle, Gas sowie Öl in den nächsten zehn Jahren umschichten wollen. Das ist ein gewichtiges Wort, denn die Geldsammelstellen verwalten zusammen knapp sechs Billionen Dollar.

Das Ergebnis zeigt den Einfluss der jungen Umweltaktivistin Greta Thunberg und der Protestbewegung Extinction Rebellion, die global Großinvestoren zum Handeln drängen. Das stärkere Bewusstsein der Investoren hilft beim Umbau der Industrie, zeigt sich Matt Setchell, Co-Head von Octopus Renewables, überzeugt. Etwa 44 Prozent der befragten Investoren hätten im Lauf des vergangenen Jahres über eine Neuausrichtung ihrer Anlageportfolios wegen des steigenden Klima-Aktivismus nachgedacht.

Setchell spricht von einem Schritt in die richtige Richtung: „Über die nächsten zehn Jahre planen die Befragten weltweit 920 Milliarden Dollar aus den fossilen Energieträgern Kohle, Gas und Öl abzuziehen.“ Das verdreifache fast den geplanten Abzug von Kapital im nächsten Jahr. Drei Viertel der Gelder sollen in Anlagen gesteckt werden, die erneuerbare Energien berücksichtigen, betont Octopus.

Kohleinvestments gebannt

Der Megatrend hin zu Fonds mit nachhaltigem Investmentansatz verstärkt nach Ansicht der Deutschen Bank die Reaktion der Aktienkurse auf klimarelevante Nachrichten. Nicht nur die Pensionsfonds unter der Regie der Bürgermeister von New York und London zögen sich aus Aktien zurück, die das Klima belasteten, so die Deutschbanker. Früher im Jahr betonte auch BNP Paribas Asset Management, dass Kohle „verstärkt nicht mehr wettbewerbsfähig bei der Energieerzeugung ist“, und kündigte an, Kohleaktien im Volumen von bis zu einer Milliarde Euro zu verkaufen.

Auch für Tan Chong Lee, Europachef des Staatsfonds Temasek aus Singapur, ist klar, „als Generationeninvestor steht Nachhaltigkeit im Mittelpunkt unseres Handelns“. Umwelt- und Sozialthemen sowie die gute Unternehmensführung unter dem Stichwort Governance seien wichtige Faktoren bei den Investmententscheidungen. „Wir haben uns als Unternehmen verpflichtet, bis zum nächsten Jahr klimaneutral zu sein, und unser langfristiges Ziel ist es, dass unser Portfolio seine gesamten CO2-Emissionen bis 2030 um 50 Prozent reduziert“.

Ähnlich sieht es beim norwegischen Staatsfonds aus, der Gelder von über einer Billion Dollar verwaltet. Er kündigte bereits im Jahr 2008 an, nicht mehr in Rio Tinto, den anglo-australischen Minenkonzern, zu investieren.

Grund hierfür war eine Kupfermine von Rio Tinto in Indonesien, die die Norweger als Umweltrisiko brandmarkten. Nach dem Verkauf der Mine im vergangenen Jahr schwenkte der Staatsfonds um und sieht den Konzern wieder als „investierbar“ an. Ohnehin führten die Norweger Investitionsgrenzen bei Kohleanlagen ein, die sich auf die Investments in Glencore, BHP und Anglo American auswirken könnten.

In Deutschland diskutiert die Fondsgemeinde derzeit über die Auswirkungen der geplanten Bepreisung von CO2 durch die Bundesregierung auf die großen heimischen Unternehmen. Fondsmanager Henrik Pontzen, Leiter Nachhaltigkeit bei Union Investment, sieht die Beschlüsse kritisch: „Die aktuell geplante CO2-Bepreisung ist relativ zum Gewinn der Dax-30-Unternehmen so klein, dass eine Steuerungswirkung unwahrscheinlich scheint.“

Ohnehin ist für ihn Klimaschutz eine globale Aufgabe, die nicht national bewältigt werden kann. Etwa 60 Prozent der Emissionen der Dax-Konzerne fielen im Ausland an. Die geplante nationale Bepreisung betreffe die Dax-Firmen daher bei nur etwa 4,5 Prozent und damit 16 Millionen Tonnen CO2 der Gesamtemissionen der Unternehmen.

Angesichts des heutigen Stands steige die „potenzielle jährliche Belastung für Konzerne des Dax von 150 Millionen Euro im Jahr 2021 auf maximal 940 Millionen Euro im Jahr 2026. Der Einfluss auf den operativen Gewinn (EBIT) steigt nach den Berechnungen von Pontzen von 0,1 auf 0,7 Prozent. Stark von Auswirkungen betroffen sind Unternehmen der Chemiebranche wie BASF, Covestro und Linde, in der metallverarbeitenden Industrie Thyssen-Krupp, im Fahrzeugbau BMW, Continental, Daimler, VW und im Baugewerbe Heidelberg Cement.

Volkswagen mit hohem Risiko

Mit Blick auf Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung weisen „besonders die beiden Dax-Konzerne Bayer und Volkswagen ein besonders hohes Risiko aus, was sich künftig negativ auf Finanzkennzahlen auswirken dürfte“, betont Sönke Niefünd vom Bankhaus Merck Finck.

Die auf Nachhaltigkeit spezialisierte Ratingagentur Sustainalytics ordnet Nachhaltigkeit in fünf Kategorien ein, und danach liegt der Autobauer Volkswagen in der schlechtesten Kategorie mit „schweren Risiken“, der Agrarchemie- und Pharmakonzern Bayer schneidet nur etwas besser ab. Dagegen bieten aktuell der Softwarekonzern SAP, gefolgt vom Gasehersteller Linde und dem Sportartikelproduzenten Adidas sowie dem Rückversicherer Munich Re eine gute Nachhaltigkeitsbilanz und werden von Sustainalytics in die Kategorie „niedrige Risiken“ eingeordnet.

Angesichts der steigenden Anzahl von Investoren, die ihre Portfolios nachhaltig ausrichten, scheint es der Deutschen Bank gewiss, dass sich der Trend weiter verstärken wird. Wegen der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit bestünden gute Chancen dafür, betont Deutschbanker Ulrich Stephan.

Wie weit der Trend inzwischen geht, zeigt das Beispiel „Geldanlage wie Greta“. Der Leipziger Vermögensverwalter Klingenberg & Cie nutzt die Bekanntheit des Namens der Umweltschützerin und wirbt mit ihrem Namen für Investments in Projekte, die Hunger und Krankheiten bekämpfen und eine bessere Bildung erreichen sollen.