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Warum es in Großbritannien besser klappt als in der EU

Zastiral, Sascha
·Lesedauer: 7 Min.

Das Fazit aus dem deutschen Impfgipfel ist knapp: Es läuft einfach noch nicht richtig. Anders in Großbritannien. Das Land feiert den Erfolg seiner Impfkampagne zwar kaum, aber dort läuft das Impfen sehr gut.

Das Impfen in den britischen Impf-Zentren funktioniert deutlich besser als in europäischen, auch weil sich die Regierung um Boris Johnson frühzeitig um deren Aufbau kümmerte. Foto: dpa
Das Impfen in den britischen Impf-Zentren funktioniert deutlich besser als in europäischen, auch weil sich die Regierung um Boris Johnson frühzeitig um deren Aufbau kümmerte. Foto: dpa

Der Jubel in den Brexit-freundlichen Teilen der britischen Presse hätte kaum größer sein können: Die EU sei „gedemütigt“ worden, kommentierte Rupert Murdochs Revolverblatt „The Sun“ den Impfstreit zwischen London und Brüssel. Der rechtslastige "Daily Express" witterte gar eine „Hexenjagd“, die Erzrivale Frankreich gegen den britisch-schwedischen Pharmakonzern AstraZeneca betreibe. Und der "Daily Telegraph", der schon seit Wochen voll sichtlicher Genugtuung über die Impfstoff-Probleme auf dem europäischen Festland berichtet, erklärte, dass London dazu bereit sei, der EU „zu helfen“.

Stark EU-kritische Titel sind in weiten Teilen der britischen Presse nichts Neues. Doch diesmal ist die Häme gerechtfertigt: Denn die EU-Kommission hat vor wenigen Tagen binnen weniger Stunden erst Exportkontrollen für Corona-Impfstoffe verhängt, dann überhastet die Einführung von Grenzkontrollen zwischen Nordirland und der Republik Irland angeordnet – um anschließend nach einem Aufschrei aus London und Dublin einzuknicken und zurückzurudern. Die Aktion sah nach einem wenig durchdachten und panischen Versuch Brüssels aus, etwas gegen die anhaltenden Impfstoff-Engpässe auf dem europäischen Festland zu unternehmen.

Die britische Regierung übte sich jedoch in Zurückhaltung. Und auch die Freude über die ausgesprochen erfolgreich angelaufene Corona-Impfkampagne im eigenen Land fährt man in der Downing Street auf ungewohnt kleiner Flamme.

Dabei gäbe es allen Grund für London, zufrieden zu sein. Allein in England wurden bis zum Wochenende schon mehr als 8,2 Millionen Impfstoff-Dosen verabreicht. Nur am Samstag wurden mehr als eine halbe Million Briten geimpft. Bis Mitte Februar sollen 15 Millionen Dosen verabreicht werden. Das Land ist auf dem besten Weg, sein Ziel zu erreichen, allen Mitgliedern von Risikogruppen und Personen über 50 bis Anfang Mai eine erste Impfdosis zu verabreichen – 41 Millionen Menschen. Bis September sollen alle Erwachsenen eine Impfung angeboten bekommen haben.

Ein beachtlicher Erfolg. Eine höhere Impfrate können derzeit nur Israel, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emiraten vorweisen. Großbritannien liegt damit weltweit an der Spitze – und steht sehr viel besser da als die europäischen Nachbarn.

Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr. Großbritannien hat schon früh und mit großem Aufwand begonnen, die nun angelaufene Impfkampagne zu planen. Die Regierung hat dabei keine Kosten gescheut. Und die zentralisierte Struktur und hohe Effizienz des staatlichen Gesundheitsapparats ermöglicht es, den Impfstoff nun in kürzester Zeit in alle Landesteile zu bekommen.

So hat London seit Beginn der Pandemie erstaunliche 280 Milliarden Pfund im Zusammenhang mit dem Coronavirus ausgegeben – ganze 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Fast 12 Milliarden Pfund gingen in den Erwerb, die Herstellung und den Vertrieb von Corona-Impfstoffen. Dabei hat sich der britische Hang, auch einmal Wagnisse einzugehen, als erfolgreich erweisen. Oder wie es ein Vertrauter Johnsons gegenüber der Financial Times formulierte: „Wir haben gezockt und es hat sich ausgezahlt.“

Britische Behörden haben schon früh 367 Millionen Dosen der sieben aussichtsreichsten Impfstoff-Kandidaten erworben. Den Vertrag mit AstraZeneca, dem Pharmakonzern, der nun im Zentrum des Streits mit Brüssel steht, hat London drei Monate vor der EU unterzeichnet.

Bereits im vergangenen April hat London eine „Impfstoff-Taskforce“ ins Leben gerufen, der bis Ende des Jahres die Risikokapitalgeberin Kate Bingham vorstand. Der Gruppe gehörten die führenden wissenschaftlichen Berater der Regierung an. Ihre Aufgabe war es, ein Bindeglied zwischen öffentlichen Forschungsvorhaben, der Industrie und Förderungsträgern herzustellen. Der BBC sagte Bingham, da Großbritannien nicht die Einkaufsstärke der EU besitze, habe man versucht, so „flink, kooperativ und unterstützend“ wie möglich zu agieren.

Zum vorläufigen Erfolg der britischen Impfkampagne dürfte auch das Bestreben beigetragen haben, das Land nach dem Brexit als führenden Standort für den Biotech-Sektor zu etablieren. So hat eine neue Industriestrategie der Regierung für den Sektor, die in den vergangenen vier Jahren entwickelt wurde, offenbar ebenfalls dazu beigetragen, die Impfkampagne zeitig ins Rollen zu bekommen. Denn so waren schon Netzwerke vorhanden, die nun genutzt werden können.

Die britische Medikamentenzulassung MHRA spielte beim britischen Erfolg ebenfalls eine Rolle. Sie hat in den vergangenen Monaten den langwierigen Zulassungsprozess der Corona-Impfstoffe eigenen Angaben zufolge beschleunigt, indem sie eingehende Daten der Hersteller umgehend untersucht hat und Prozesse, die normalerweise hintereinander ablaufen würden, zeitgleich ablaufen ließ. Diese nicht unumstrittene Herangehensweise führte dazu, dass Großbritannien bereits Anfang Dezember als erstes westliches Land einen Corona-Impfstoff zugelassen hat.


Der erste Erfolg in Zusammenhang mit Corona

Der Gesundheitsdienst NHS war Experten zufolge ebenfalls ein Schlüssel zum Erfolg des Impfprogramms. Durch die zentralisierte Beschaffungsstruktur und das ausgefeilte, landesweite Vertriebsnetz war es dem Gesundheitsdienst möglich, im großen Stil medizinische Materialien wie Nadeln zu besorgen und bis in den hintersten Winkel des Landes zu schaffen.

Die in Großbritannien üblichen Gemeinschaftspraxen mit ihrem hohen Patientenaufkommen und ihren zentralen Datenbanken ermöglichten es, rasch landesweit an Mitglieder von Gruppen heranzutreten, denen Impfstoffe angeboten werden. Lokalen Gesundheitsbehörden bereiteten in den vergangenen Monaten unter anderem Sportanlagen, Gemeindezentren und religiöse Stätten auf ihren Einsatz als Impfzentren vor. Als die Impfstoffe eintrafen, standen so schon die ersten Patienten Schlange.

Dass man in der Downing Street den erfolgreich angelaufenen Start der Impfkampagne derzeit nicht allzu sichtbar feiert, dürfte nicht nur dem Streit mit der EU geschuldet sein. Denn es ist auch in vielerlei Hinsicht der erste Erfolg, den Boris Johnsons Regierung im Zusammenhang mit Corona überhaupt vorweisen kann. In so ziemlich jeder anderen Hinsicht hat Großbritannien bislang mäßig bis miserabel abgeschnitten.

Johnson hat jedes Mal, wenn die Zahl der Neuinfektionen in die Höhe schoss, aus Expertensicht viel zu lange gezögert, bis er Einschränkungen erlassen oder verschärft hat. Im März plante die Regierung zunächst offenbar sogar, dem Virus mehr oder weniger freien Lauf zu lassen, um so eine Herdenimmunität herzustellen. Erst, als Forscher am Imperial College in London ausrechneten, dass dieses Vorgehen eine halbe Million Tote zur Folge haben könnte, wechselte die Regierung ihren Kurs. Vertreter der Regierung bestreiten mittlerweile, dies je geplant zu haben.

Der verspätete Lockdown führte dazu, dass die Pandemie das Land und dessen Wirtschaft stärker traf als in jeder anderen vergleichbaren Industrienation. Als die Regierung über den Sommer versuchte, ein Kontaktverfolgungs-System aufzubauen, beauftragte sie damit nicht den Gesundheitsapparat, sondern lagerte die Aufgabe an privatwirtschaftliche Akteure aus. Trotz Ausgaben im zweistelligen Milliardenbereich versagte dieses System weitgehend. Die Regierung vergab zudem im Eilverfahren Hunderte von Aufträgen an Firmen, die keinerlei Expertise vorweisen konnten. Oft gingen millionenschwere Aufträge an Tory-Parteifreunde, Großspender oder sogar an Nachbarn führender Tory-Politker. Ein Großteil der Briten glaubt daher, dass Korruption im Spiel war.

Johnsons Regierung änderte ihre Anweisungen an die Bevölkerung seit dem Beginn der Pandemie über 60 Mal, was für zunehmende Unklarheit und Frustration sorgte. Als bekannt wurde, dass Dominic Cummings, der führende Berater der Regierung, bereits im März die Corona-Auflagen verletzt hatte, stellte sich Johnson schützend vor ihn. Das trug dazu bei, dass die Bereitschaft der Bevölkerung, Einschränkungen hinzunehmen, immer mehr abnahm.

Infolgedessen sind in Großbritannien im Zusammenhang mit Corona bislang mehr als 100.000 Menschen ums Leben gekommen. Im Januar hatte das Land mit über 1800 täglichen Todesfällen zeitweise die höchste Todesrate der Welt. Die Ansteckungsrate ist in vielen Landesteilen so hoch, dass sich eine neue, noch ansteckendere Variante des Coronavirus ausbreiten konnte. Die bislang weitgehend verpatzte Antwort der Regierung in London hat sogar die Unabhängigkeitsbestrebungen in Schottland beflügelt. Dort liegen seit einem halben Jahr die Befürworter eine Loslösung vom Vereinigten Königreich in Umfragen deutlich vorne. Beobachter sehen einen klaren Zusammenhang zu Londons Antwort auf die Corona-Pandemie.

Und es gibt sogar einen Grund, warum der vorläufige britische Erfolg der Impfkampagne nach hinten losgehen könnte: Die erbitterten Lockdown-Gegner in Johnsons Partei dürften ihn nach einigen Millionen weiteren Impfungen dazu drängen, die Beschränkungen zu früh zu lockern. Ähnlich wie bei den Republikanern in den USA, gibt es auch bei den britischen Tories einen libertären Flügel, der allen Todeszahlen und wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz sämtliche Einschränkungen ablehnt und das Land und dessen Wirtschaft am liebsten sofort wieder komplett öffnen würde.

Noch hält Johnson dagegen. Auf die Frage, ob die Lockdown-Maßnahme im Frühjahr oder Sommer enden würden, antwortete Johnson kürzlich, es sei noch „zu früh, das zu sagen“.

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