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Dieser Gründer will eure Autos laden wie eine elektrische Zahnbürste

·Lesedauer: 6 Min.
Magment-Gründer Mauricio Esguerra will E-Autos drahtlos laden; „Für mich ist das gar nichts Besonders mehr, ich arbeite ja seit 30 Jahren mit dieser Technologie.“
Magment-Gründer Mauricio Esguerra will E-Autos drahtlos laden; „Für mich ist das gar nichts Besonders mehr, ich arbeite ja seit 30 Jahren mit dieser Technologie.“

Es ist wie mit Avocados: Zwischen „noch nicht reif“ und „zu spät dran“ liegt auch bei der Anwendung neuer Technologie oft nicht viel. Für Mauricio Esguerras Erfindung war lange die Zeit noch nicht reif. Doch jetzt ist sie es, glaubt der Physiker, Erfinder und Gründer aus Oberhaching bei München. Esguerra hat mit seinem Unternehmen Magment eine induktive Ladetechnik für E-Fahrzeuge entwickelt. Will sagen: Fahrzeuge, egal welche, vom E-Scooter über den Gabelstapler oder Industrieroboter bis hin zu PKW und LKW, laden während sie fahren oder parken über der Straße. Im Prinzip so, wie man heute schon Handys kabellos laden kann.

„Es ist tatsächlich so einfach“, versichert Mauricio Esguerra im Gespräch mit Gründerszene. „Für mich ist das gar nichts Besonders mehr, ich arbeite ja seit 30 Jahren mit dieser Technologie. Aber ich weiß schon, dass es für viele verblüffend ist.“ Seine Technologie basiert auf dem Prinzip des induktiven Ladens. Dabei wird – sehr vereinfacht ausgedrückt – zwischen zwei Körpern ein elektromagnetisches Feld geschaffen, über das Strom von dem einen, an eine Stromquelle angeschlossenen Körper, auf den anderen übertragen wird. Das ist nichts anderes, als das, was passiert, wenn man die elektrische Zahnbürste aufs Ladegerät stellt.

Magnetischer Zement

Mauricio Esguerra hat nun mit Magment magnetischen Zement entwickelt. Der kann als drahtloses „Ladegerät“ fungieren, wenn man daraus Straßen oder Parkplätze baut. Fährt ein Fahrzeug darüber oder parkt darauf, entsteht ein Magnetfeld und kann Strom übertragen. Der Wirkungsgrad dabei sei sehr hoch, sagt der Erfinder. Bis zu 95 Prozent des gesendeten Stroms kommen im Fahrzeug an. Das sei vergleichbar mit dem Laden per Kabel. Ob Fahrzeuge stehen oder sich bewegen, macht laut dem Erfinder keinen Unterschied, ob sie flacher sind, also näher am Boden, oder weiter weg, schon, aber das könne durch eine größere Empfängerspule ausgeglichen werden.

„Unsere Firma basiert auf einem Patent für die Idee, Beton magnetisch zu machen, das mein Partner Ralph Lucke und ich vor 18 Jahren angemeldet haben, als wir noch bei Siemens beschäftigt waren“, so Esguerra. „Es war mir von den vielen Patenten, die ich Lauf meines Berufslebens angemeldet habe, immer das Liebste“, erzählt der Kolumbianer, der an der TU München Physik studiert und in den USA promoviert hat. Damals sei es aber zu früh gewesen, es gab kaum Anwendung für die Idee, weil es ja auch kaum Elektrofahrzeuge gab. Auch deshalb gab Siemens vor rund sieben Jahren das Patent frei – und den Erfindern die Chance, es sich zu sichern. So wurde Mauricio Esguerra zu einem, wie er selbst sagt, „späten Gründer“ mit eigener Firma in Oberhaching.

„Ich bemühe mich immer sachlich zu sein“, fängt Esguerra an, wenn er erzählt, wie er seine Firma strategisch aufstellt. Und im Grunde auch, warum wir eben noch nicht alle über magnetische Autobahnen fahren und dabei unsere Autos laden. „Aber das Thema E-Mobility hierzulande wird schnell polemisch.“ Deutschland tue einfach sich verdammt schwer mit der Elektrifizierung des Verkehrs, so der Physiker. Immer schon und leider immer noch.

Zwei Mal ist er mit einer Bewerbung um Förderung von Pilotprojekten im öffentlichen Raum gescheitert. An Ministerien, der Politik. Aktuell hat er ein Projekt in Kooperation mit Strabag eingereicht, die gern mit ihm zusammen Straßen aus magnetischem Zement bauen würden. Er sei hoffnungsfroh, sagt Esguerra. Aber nur hoffen will er nicht. „Wir sind schon vor einiger Zeit mit unserer Technologie in die USA gegangen. Da läuft alles viel einfacher.

„Im Bundesstaat Indiana entsteht bereits der erste Highway mit unserer Technologie. Dort werden Autos mit etwa 90 Stundenkilometer fahren und laden.“ Und die Chancen stehen gut, dass bei den unzähligen Straßensanierungen, die im Zuge des gigantischen Infrastruktur-Reform-Pakets von US-Präsident Joe Biden anstehen, auch andere Bundesstaaten mit ihm arbeiten werden. „Als ich den Förderern hier in Deutschland den Hinweis gab, dass es in den USA schon losgeht, waren die perplex: Oh, wir sind spät dran! - Aber noch nicht zu spät, habe ich gesagt.“

Noch in diesem Jahr an die Börse

Den Erfolg seiner Firma will er aber nicht an die Schnarchnasigkeit deutscher Entscheider binden. „Unser Business Model hängt nicht davon ab, ob unsere Technologie es auf die deutsche Autobahn schafft.“ Strategisch setzt er nämlich nicht auf Automotive – sondern auf Logistik. Genauer noch: Intralogistik.

Magments Technologie lässt sich gut auf Betriebshöfen, in Warenlagern und Fabriken anwenden, wo elektrische Gabelstapler und Roboter auf festen Wegen fahren – und zugleich laden können. Die Nummer Zwei und Drei der Gabestaplerhersteller, Kion und Jungheinrich, arbeiten schon lange und, wie Esguerra sagt, sehr erfolgreich mit ihm zusammen. „Unser B2B-Geschäft läuft sehr unkompliziert. Und für unsere mittelfristigen Umsätze und Planungen reicht dieser Geschäftszweig komplett aus.“ Er plane noch dieses Jahr mit Magment an die Börse zu gehen.

Nun stellt sich die deutsche Politik nicht einfach so quer. Ihr Argument gegen magnetische Autobahnen zum kabellosen Laden: zu teuer. In Studien zu möglichen Varianten einer Schnellladeinfrastruktur wird der Ausbau von induktiven Lademöglichkeiten als deutlich teuer beschrieben als eine Alternative,, nämlich Oberleitungen mit Strom. Tatsächlich hat ausgerechnet Esguerras früherer Arbeitgeber Siemens bereits begonnen, mit staatlicher Förderung Autobahntestabschnitte mit Oberleitungen zu versorgen. Das Ziel: 4.000 Kilometer bis 2030.

Kein Verständnis für Oberleitungen

Magment-Gründer Mauricio Esguerra hat dafür wenig Verständnis: „Die Technologie von Oberleitungen ist veraltet und fehleranfällig. Und noch dazu eine Lösung nur für LKW.“ Elektrobetriebene PKW müssten immer noch irgendwie anders laden. Und: „Wir können unsere Technologie zu überaus erträglichen Kosten anbieten“, sagt der Unternehmer. „Unser Material besteht aus Zement und magnetischen Materialien, die wir beim Recycling von Elektroschrott gewinnen.“ Recycling – das klingt recht grün. Aber ist das Wireless Charging das wirklich?

Als Unternehmen ohne Fabrik ist Magment der Lieferant von Technologie und Know-How. Produziert wird jeweils direkt vor Ort, womit lange Lieferwege wegfallen. Es sei auch möglich, besonders klimafreundlichen, CO2-armen oder auch „grünen“ Zement zu verwenden, um die Emissionen beim Bau kontaktlos ladender Straßen zu senken. Vor allem aber sieht Esguerra einen ökologischen Vorteil darin, dass er es möglich macht, Fahrzeuge mit viel kleineren Batterien an den Start zu schicken. „Weil sie öfter laden, brauchen sie weniger Ladekapazität.“

Dafür hat er auch ein konkretes Rechenbeispiel parat: In einem voll auf induktives Laden von Gabelstaplern setzenden Logistikzentrum können zwei Drittel der Batteriegrößen eingespart werden. „Nimmt man an, es gibt sechs bis sieben Millionen solcher Fahrzeuge in Deutschland und wir stellen einen Marktanteil von 25 Prozent, das ist realistisch, dann können hier zehn bis 20 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden.“

„Wir können nicht auf die Autobauer warten“

Magment ist allerdings nicht das einzige Unternehmen, dass fest an die Idee glaubt, E-Autos könnten direkt auf der Straße geladen werden, ohne komplizierte Ladestationen-Infrastruktur. Electreon Wireless aus Israel zum Beispiel ist ebenfalls auf dem Feld unterwegs, zum Teil sogar schneller. Unlängst hat die Firma eine Teststrecke in Schweden erfolgreich fertig gestellt. Witricity ist ein US-Startup, das drahtlose Ladetechnologie beackert. Beide Unternehmen haben für ihre Technik bereits mehr als 50 Millionen Dollar bei Investoren eingeworben. Autokonzerne – zumindest die großen in Deutschland – interessieren sich bislang kaum für die vielversprechende Technologie.

Esguerra aber lässt sich davon nicht ausbremsen: „Wir lösen uns von dem Thema Automotive. Wir können nicht auf die Autobauer warten. Wir statten jetzt erst einmal die Straßen mit unserer Technologie aus. Zum Glück gibt es bereits eine Norm, das ist sehr hilfreich. Und dann können die Autokonzerne auch später folgen“, sagt der Firmengründer. Wenn sie meinen, die Zeit ist reif. Und hoffentlich noch nicht zu spät.

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