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Hoffnung auf Corona-Medikament verhilft Dax zu deutlichem Gewinn

Neue Forschungsergebnisse zu einem Wirkstoff gegen Corona haben den Dax angeschoben. Für Wirecard geht es weiter abwärts, die Zahl der Short-Spekulanten steigt.

Blick auf die Dax-Kurve im Frankfurter Handelssaal. Foto: dpa

Der deutsche Aktienmarkt zeigte sich am Mittwoch erstaunlich robust. Nach der Veröffentlichung der Zahlen zum US-Wachstum im ersten Quartal schoss der Leitindex um rund 200 Punkte auf 11.042 Punkte nach oben. Zum Börsenschluss notierte der Index fast drei Prozent im Plus und wurde bei rund 11.108 Zählern gehandelt.

Doch es waren nicht die US-Wachstumszahlen, die den Markt beflügelten. Denn die US-Wirtschaft ist im ersten Quartal wegen der Coronavirus-Pandemie geschrumpft, und sogar deutlich mehr, als Analysten erwartet hatten. Die Wirtschaftsleistung ging auf das Jahr hochgerechnet im Vergleich zum Vorquartal um 4,8 Prozent zurück. Experten hatten ein Minus von lediglich vier Prozent vorausgesagt.

Der Anlass für den Kurssprung war das US-amerikanische Pharmaunternehmen Gilead Sciences, das die Hoffnung auf einen Wirkstoff gegen die Coronavirus-Erkrankung schürt. Gilead hatte Ergebnisse einer Studie mit seinem Wirkstoff Remdesivir bei 397 an Covid-19 erkrankten Patienten veröffentlicht.

Danach konnten 62 Prozent der früh behandelten Patienten aus dem Krankenhaus entlassen werden, verglichen mit 49 Prozent der Patienten, die erst spät behandelt wurden, wie Gilead mitteilte.

Das Unternehmen teilte zudem mit, Remdesivir habe in einer klinischen Studie des Nationalen Instituts für Allergie und Infektionskrankheiten (NIAID) das Studienziel erreicht. Einzelheiten zu den Daten sollen bei einem bevorstehenden Briefing des NIAID bekannt gegeben werden.

Das Mittel Remdesivir ist weltweit bislang noch nirgends zugelassen und wurde ursprünglich zur Behandlung des Ebola-Virus entwickelt. Die Wirkung des Medikaments wird derzeit weltweit an Covid-19 erkrankten Menschen untersucht. Bereits Mitte April sorgte die Veröffentlichung vielversprechender Ergebnisse eines Remdesivir-Testlaufs an der Universitätsklinik in Chicago für einen Kurssprung der Gilead Aktie.

Die Gilead-Aktie schnellte nach der Veröffentlichung am deutschen Aktienmarkt um rund zehn Prozent nach oben und schloss bei 4,6 Prozent.

Was die Börsen bereits zum Handelsauftakt gestützt hat, waren die positiven Zahlen aus den USA. Die Google-Mutter Alphabet hat ungeachtet der Coronakrise im ersten Quartal Umsatz und Gewinn deutlich gesteigert. Der Umsatz legte im Jahresvergleich 13 Prozent auf 41,2 Milliarden Dollar zu. Beim Gewinn gab es ein Plus von 2,6 Prozent auf 6,84 Milliarden Dollar.

Alphabet ist eine Aktie aus den „Big-Five“ des Technologiesektors. Zusammen mit Apple, Microsoft, Amazon, und Facebook stehen diese fünf Papiere inzwischen für mehr als 20 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung des US-Börsenbarometers S & P 500. Wenn am heutigen Mittwoch das Online-Netzwerk Facebook und der Software-Konzern Microsoft ihre Bücher öffnen, haben Investoren wichtige Anhaltspunkte für die weitere Kursentwicklung am US-Aktienmarkt gesammelt.

Auch die Wirecard-Aktie bleibt im Fokus der Investoren. Nach einem Minus von 26 Prozent am gestrigen Handelstag rutscht das Papier bis zu 14 Prozent auf 84,08 Euro ab. Zum Ende des Handelstages betrug das Minus noch rund sechs Prozent.

Wirecard-Investor Christopher Hohn, Chef des britischen Hedgefonds Children's Investment Fund (TCI), hat den Aufsichtsrat des Aschheimer Konzerns laut einem Bericht der „Financial Times“ aufgefordert, den Vorstandsvorsitzenden Markus Braun zu entlassen. Über die Forderung darf man sich nicht wundern. Denn der Hohn-Fonds würde von weiter fallenden Wirecard-Aktienkursen profitieren.

Noch am vergangenen Montag (27. April), einen Tag vor der eigentlich geplanten Veröffentlichung des Sonderprüfberichtes, hat TCI seine Spekulation auf fallende Wirecard-Kurse nochmals erhöht. Die Quote stieg von 0,96 Prozent (24.4.) auf 1,04 Prozent, also wurde zusätzlich rund 99.000 Aktien „leerverkauft“, wie es in der Fachsprache heißt.

Fünf Hedgefonds spekulieren mittlerweile auf fallende Wirecard-Kurse. Deren Quote liegt mittlerweile bei 5,98 Prozent aller frei handelbaren Aktien, also 7,4 Millionen Aktien (Stand 28. April).

Nun stehen die Hedgefonds vor der Entscheidung: Sollen sie möglicherweise Gewinne mitnehmen, indem sie die Aktie kaufen? Denn solch ein Leerverkauf, eine Spekulation auf fallende Kurse, geschieht nach folgendem Prinzip: Bislang haben sich die Hedgefonds die Aktien von Wirecard-Aktionären wie beispielsweise Investmentfonds geliehen und dann verkauft. Doch um diese Aktien wieder zurückzugeben, müssen sie sie vorher wieder kaufen. Natürlich möglichst zu einem niedrigeren Kurs.

Erneut extrem hoch sind die Handelsumsätze bei den Wirecard-Aktien. Gegen 17:30 Uhr wurden mehr als 10,5 Millionen Papiere und damit drei mal so viel wie am gesamten Montag dieser Woche gehandelt. Der gestrige Handel mit rund 18 Millionen Stück war rekordverdächtig und wurde seit Jahresanfang nicht annähernd erreicht. Der zweithöchste Wert liegt bei rund sechs Millionen Stück, erreicht am 12. März, als alle Dax-Werte unter Druck gerieten.

Die hohen Handelsvolumina sind ein Indiz dafür, dass Hedgefonds damit begonnen haben, Aktien zurückzukaufen. Die Daten vom Dienstag (28.4.) zeigen deren enormen Einfluss: So hat Viking Global Investors seine Leerverkaufsquote von 1,01 auf 0,64 Prozent gesenkt (am 28.4.) und alleine an dem Tag mehr als 457.000 Aktien gekauft.

Gleichzeitig sind an diesem Dienstag zwei Hedgefonds neu eingestiegen und spekulieren ebenfalls auf fallende Kurse. Die Hedgefonds Susquehanna (0,52 Prozent) und Maverick (0,92 Prozent) haben ihre Short-Spekulationen publik gemacht. Diese Quote entspricht einem Verkauf von rund 1,8 Millionen Wirecard-Titeln. Zum Vergleich: Das gesamte Handelsvolumen mit diesem Dax-Anteilsschein betrug am 8. April nur 1,1 Millionen Stück.

Auf den Kauflisten der Anleger standen nach Vorlage von Zahlen deutsche Autobauer. Volkswagen-Aktien legten 5,8 Prozent zu. Trotz des Gewinneinbruchs zum Jahresanfang rechnet der Konzern mit einem positiven operativen Ergebnis im Gesamtjahr. Auch Daimlers Papiere zogen um 6,7 Prozent an. Der Konzern erwartet für seine Mercedes-Benz Autosparte in diesem Jahr ein höheres operatives Ergebnis. „Es gibt nichts Aufmunterndes bei den bisher in der Branche gesehenen Automobilzahlen, aber Daimler scheint einen anständigen Start ins erste Quartal gehabt zu haben“, sagte Jefferies-Analyst Philippe Houchois.

Termine heute

Mit Spannung warten Investoren auf die Ergebnisse der geldpolitischen Beratungen der US-Notenbank am Abend nach Börsenschluss in Deutschland. Die Fed habe in der Viruskrise frühzeitig und vergleichsweise aggressiv ihre Geldpolitik gelockert, um die Folgen der Pandemie abzufedern, sagte Commerzbank-Analystin Thu Lan Nguyen. „Das würde dafür sprechen, dass der Markt am ehesten darauf setzen würde, dass die Fed als erste Notenbank ihr Repertoire unkonventioneller Geldpolitik erweitert, sollte dies notwendig werden.“

Blick auf die Einzelwerte

Krones: Der Getränke-Abfüllanlagen-Hersteller spürt die Coronakrise bereits bei den Aufträgen. Der Ordereingang sei im ersten Quartal um 19 Prozent auf 841 Millionen Euro zurückgegangen, teilte Krones mit. Einige Kunden hätten zudem gebeten, die Anlagen später zu liefern. Eine Prognose für 2020 sei weiterhin nicht möglich. Dennoch stieg die Aktie um rund acht Prozent.

AMS: Die Aktien des österreichische Sensor-Spezialisten AMS steuerten nach der Vorlage von Quartalszahlen mit einem Kursplus von bis zu 22 Prozent auf ihren besten Börsentag seit einem Jahr zu und schlossen im deutschen Handel fast 20 Prozent im Plus. Credit Suisse bezeichnete die vorgelegten Zahlen als „solide“. Auch der Ausblick auf das zweite Quartal sei trotz der Coronakrise „viel besser als erwartet“.

Blick auf andere Assetklassen

Der Goldpreis notierte wieder über 1700 Dollar pro Feinunze, nachdem er am gestrigen Dienstag wieder unter diese Marke gerutscht war. Vieles spricht für weiter steigende Goldkurse. Die ultralockere Geldpolitik der Zentralbanken und die im Zuge der Coronakrise stark steigenden Schuldenberge der Regierungen lassen weitere Zuflüsse in den sicheren Hafen Gold erwarten.

Doch welche Kursmarken sollten Anleger beachten? Bereits seit längerer Zeit prognostizieren die technischen Analysten der Düsseldorfer Bank HSBC steigende Goldnotierungen. Das erste Kursziel von 1670 Dollar wurde inzwischen lehrbuchmäßig abgearbeitet. Laut HSBC ist das Hoch vom Herbst 2012 mit 1796 Dollar das letzte verbliebene Zwischenziel auf dem Weg zu besagtem Allzeithoch bei 1920 Dollar.

Auf der unteren Chartseite gibt es bei rund 1450 Dollar mehrere Monatstiefs. „Auf dieses Niveau können Anleger den Stopp für bestehende Goldengagements nachziehen“, empfehlen die HSBC-Charttechniker.

Die Renditen italienischer Staatsanleihen ziehen wieder an, nachdem die Ratingagentur Fitch Ratings die Kreditwürdigkeit des Landes herabgestuft hatte. Anleger befürchten, das Land könnte seinen „Investment Grade“ verlieren, wenn sich seine Finanzen verschlechtern. Der Wert für zehnjährige Anleihen stieg um bis zu zehn Basispunkte auf 1,83 Prozent.

„Die Widerstandsfähigkeit italienischer Anleihen wird nach der überraschenden Herabstufung Italiens auf die Probe gestellt werden“, schrieben die Strategen der Commerzbank, Cem Keltek und Michael Leister. Der Druck, einen entsprechenden Haushaltsentwurf 2021 vorzulegen, bleibe hoch. Der Zeitpunkt der Herabstufung hat viele Investoren überrascht, da die Überprüfung bei Fitch für den 10. Juli geplant war.

Der Ölpreis steigt wieder deutlich, weil Analysten nach der Lockerung der Restriktionen zur Virus-Eindämmung und der Hoffnung auf ein Corona-Medikament wieder eine stärkere Nachfrage nach dem Rohstoff erwarten. US-Öl der Sorte WTI stieg um 29,2 Prozent auf 15,95 Dollar je Barrel (159 Liter), Brent-Nordseeöl 10,3 Prozent auf 22,55 Dollar.

Was die Charttechnik sagt

Am deutschen Aktienmarkt kehrt ein Stück Normalität zurück: Der Dax hat seine Seitwärtszone seit Anfang April nach oben zu verlassen. Derzeit kämpft der Index bereits mit seiner wichtigsten Marke: Die 50-Prozent-Korrektur der Baisse seit Februar. Die liegt bei 11.025 Punkten und entspricht der Mitte der Abwärtsbewegung von 13.795 auf 8255 Zähler.

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