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Gläubiger von Wirecard stellen sich auf schmerzliche Abschreibungen ein

Für einige deutsche Banken wird der Kollaps des Zahlungsdienstleisters schmerzliche Folgen haben. Ein Institut hat allerdings rechtzeitig vorgesorgt.

Die Situation entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Wegen der Corona-Pandemie stellen sich Deutschlands Banken für den Herbst auf eine Welle fauler Kredite ein. Jetzt ist der erste große Ausfall deutlich früher da, aber er hat nicht das Geringste mit der Coronakrise zu tun: Die Insolvenz von Wirecard dürfte einige europäische Banken teuer zu stehen kommen, darunter auch prominente deutsche Institute.

Eine ernsthafte Gefahr für das Finanzsystem sehen Aufseher allerdings trotz der Belastung, die zusätzlich zu den Pandemiefolgen auf die Banken zukommt, aber offenbar nicht. „Das wird für einzelne ziemlich schmerzhaft werden, aber nicht wirklich bedrohlich“, meint ein Insider.

Ein Konsortium von rund 15 Geldhäusern hatte Wirecard eine revolvierende Kreditlinie von 1,75 Milliarden Euro gewährt, die der Konzern nach Informationen aus Finanzkreisen zu rund 90 Prozent ausgeschöpft hat. Geführt wurde dieses Konsortium von der Commerzbank, der Landesbank Baden-Württemberg und den beiden niederländischen Großbanken ABN Amro und ING.

Diese vier Banken sind nach Daten des Informationsdienstes Bloomberg mit jeweils 200 Millionen Euro an der Linie beteiligt. Aber auch die DZ Bank hat dem Skandalunternehmen 120 Millionen Euro geliehen, die Deutsche Bank 80 Millionen.

Nach dem Kollaps des Zahlungsdienstleisters drohen jetzt herbe Verluste: „Klar ist, dass es im zweiten Quartal zu materiellen Abschreibungen kommen wird“, heißt es bei einem der Geldhäuser. Eventuell würden die Banken nach dem Insolvenzverfahren ein bisschen von ihrem Einsatz zurückbekommen, aber das könnte Jahre dauern. „Wir gehen erst einmal davon aus, dass das Geld weg ist“, meint ein Insider.

Ob und wie viel die Wirecard-Kredite die Banken kosten werden, hängt auch davon ab, ob sie sich gegen einen Ausfall abgesichert haben. In Finanzkreisen heißt es, dass die Deutsche Bank ihr Engagement durch sogenannte Collateralized Loan Obligations abgeschirmt habe. Auf das Darlehen an Wirecard würden zwar Abschreibungen fällig, die aber durch die Gewinne aus den CLOs wieder ausgeglichen würden.

Auch einen millionenschweren Privatkredit an den ehemaligen Wirecard-Chef Markus Braun, der mit Aktien des Konzerns besichert war, habe die Bank inzwischen an zwei andere Geldhäuser weitergereicht, heißt es. Die Deutsche Bank will den Fall Wirecard ebenso wenig kommentieren wie die anderen betroffenen Institute.

Überraschte Banken

In Finanzkreisen heißt es, das Konsortium sei vom Insolvenzantrag von Wirecard überrascht worden. „Wir haben nicht den Stecker gezogen“, betont ein Insider. Im Gegenteil - noch bis in den späten Donnerstagabend hinein habe es konstruktive Verhandlungen über eine Übergangslösung mit Wirecard gegeben.

Die Banken hätten den Kredit eigentlich jederzeit kündigen können, weil Wirecard keine testierte Bilanz für das Jahr 2019 vorweisen konnte. Das Konsortium hielt allerdings erst einmal still und hatte sich darauf verständigt, bis Freitagabend die Kredite weder zu kündigen noch über den 30. Juni hinaus zu verlängern. Bis dahin wollten sich die Banken mithilfe des Sanierungsspezialisten FTI Consult einen Überblick über die Lage des Konzerns verschaffen und dann über die Zukunft von Wirecard entscheiden.

Am Freitagmorgen nahm der Konzern den Banken allerdings das Heft des Handelns aus der Hand und kündigte per Ad-hoc-Mitteilung einen Insolvenzantrag an. Nachmittags ließ Wirecard dann wissen, dass ohne eine Einigung mit den Kreditgebern „die Wahrscheinlichkeit der Kündigung und des Auslaufens von Krediten mit einem Volumen von 800 Millionen Euro zum 30. Juni und 500 Millionen Euro zum 1. Juli“ bestanden habe. Daher sei der Vorstand „zu der Überzeugung gelangt, dass in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit eine positive Going-Concern-Prognose nicht gestellt werden kann“. Damit sei die Fortführbarkeit des Unternehmens nicht sichergestellt, hieß es.

Auf dem Papier sind die Commerzbank und die Landesbank Baden-Württemberg von den deutschen Banken am härtesten von der Wirecard-Pleite betroffen. Die Commerzbank hat im ersten Quartal bereits die Risikovorsorge mehr als vervierfacht auf 326 Millionen Euro. Neben tatsächlichen Verlusten von 74 Millionen Euro hat die Bank 111 Millionen Euro für erwartete künftige Kreditausfälle zurückgelegt. Für das Gesamtjahr erwarten die Analysten für die Commerzbank im Schnitt Risikokosten von rund 1,5 Milliarden Euro und einen Nettoverlust von 422 Millionen Euro.

Die LBBW veröffentlicht keine Quartalszahlen und hält sich auch ansonsten in Sachen Risikovorsorge bedeckt: Sie schweigt zum Fall Wirecard.