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Geringerer Wortschatz: Wie Bildschirmzeit die Sprachentwicklung von Kindern stört

Selbst in Familien, die sich an die aktuellen Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) halten - eine Stunde Bildschirmzeit pro Tag für Dreijährige - könnten laut der Studie den Kindern pro Tag rund 400 Erwachsenenworte entgehen. - Copyright: picture alliance / Westend61 | Irina Heß
Selbst in Familien, die sich an die aktuellen Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) halten - eine Stunde Bildschirmzeit pro Tag für Dreijährige - könnten laut der Studie den Kindern pro Tag rund 400 Erwachsenenworte entgehen. - Copyright: picture alliance / Westend61 | Irina Heß

Im hektischen Alltag greifen viele Eltern gerne auf Smartphones oder Tablets zurück, um ihre Kleinkinder zu beschäftigen. Doch Forscher warnen vor möglichen Folgen für die Sprachentwicklung.

Kinder lernen vor allem durch Interaktion mit Erwachsenen - auch in Bezug auf ihre Sprachentwicklung. Ein australisches Forschungsteam warnt davor, dass Kleinkinder, die lange vor Bildschirmen sitzen, wichtige Momente für Gespräche verpassen. Während der Zeit, die sie mit Smartphones, Tablets oder Spielekonsolen verbringen, hören sie weniger Wörter von ihren Eltern oder anderen Erwachsenen, interagieren weniger mit ihnen und nehmen weniger Gesprächsabläufe wahr. Dies kann sich negativ auf ihre Sprachentwicklung auswirken, wie die Gruppe im Fachmagazin "JAMA Pediatrics" erklärt.

Studien haben bereits mehrfach gezeigt, wie wichtig es für den Spracherwerb und die sozio-emotionale Entwicklung eines Kindes ist, dass im häuslichen Umfeld viel mit ihm gesprochen und interagiert wird. Die Forschung konzentrierte sich jedoch oft auf die Bildschirmzeit der Eltern und deren Auswirkungen.

Forscher empfehlen, dass die Eltern die Bildschirmzeit als eine Möglichkeit für Interaktion mit ihren Kindern nehmen

Das Team um Mary Brushe von der Schule für öffentliche Gesundheit der University of Adelaide analysierte von Januar 2018 bis Dezember 2021 alle sechs Monate Daten von 220 Familien, die mithilfe von Spracherkennungstechnologie gesammelt wurden. Dabei wurden die Bildschirmzeit und die häusliche Sprachumgebung von Kindern im Alter von zwölf bis 36 Monaten an einem durchschnittlichen 16-Stunden-Tag erfasst.

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Die Analyse ergab, dass jedes zusätzliche Zeitintervall vor Bildschirmen mit einem Rückgang der Interaktion zwischen Eltern und Kindern einherging. Kinder hörten weniger Wörter von den Erwachsenen im Haushalt, sprachen selbst weniger und beteiligten sich seltener an Gesprächen. Besonders deutliche Rückgänge pro Minute Bildschirmzeit wurden im Alter von 36 Monaten festgestellt.

Selbst in Familien, die sich an die aktuellen Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) halten - eine Stunde Bildschirmzeit pro Tag für Dreijährige - könnten laut der Studie den Kindern pro Tag rund 400 Erwachsenenworte entgehen. Es wird jedoch geschätzt, dass die durchschnittliche Bildschirmzeit in den meisten Familien weit über diesem Wert liegt.

Wenn Dreijährige - wie in der Studie - durchschnittlich etwa 172 Minuten täglich vor Bildschirmen verbringen, könnten sie im Durchschnitt mehr als 1000 an sie gerichtete Worte von Erwachsenen in ihrem Umfeld verpassen, so die Forscher. Es wurde jedoch nicht untersucht, ob Kinder, die besonders lange vor Bildschirmen sitzen, tatsächlich einen geringeren Wortschatz und ein schlechteres Sprachvermögen haben.

"Für die Sprachentwicklung von Kindern in den ersten Jahren ist es wichtig, in einer sprachlich reichen häuslichen Umgebung aufzuwachsen", erklärt das Forschungsteam. Dies kann sich unter anderem auf die Schulreife und den Erfolg im weiteren Bildungsverlauf auswirken.

"Mit Kindern zu sprechen scheint eine einfache und unkomplizierte Aktivität zu sein", heißt es in der Studie auch. Im viel beschäftigten Leben von Familien sei dies oft aber gar nicht so leicht. Es sei unrealistisch, dass Familien ganz aufhören, kleine Kinder mit dem Smartphone oder Tablet zu beschäftigen. "Stattdessen könnten sich Programme und Richtlinien darauf konzentrieren, Familien zu ermutigen, die Zeit vor dem Bildschirm als Gelegenheit zur Interaktion mit ihrem Kind zu nutzen", so die Forscher.

AA/dpa