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Gelsenkirchen, Leipzig, Halle, Erzgebirge: Vier Abgeordnete der ärmsten Wahlkreise Deutschlands berichten, wie es den Menschen dort ergeht

Zahlreiche Menschen nehmen an einer linken Demonstration gegen die Energie- und Sozialpolitik der Bundesregierung auf dem Leipziger Augustusplatz Anfang September teil. - Copyright: picture alliance/dpa | Jan Woitas
Zahlreiche Menschen nehmen an einer linken Demonstration gegen die Energie- und Sozialpolitik der Bundesregierung auf dem Leipziger Augustusplatz Anfang September teil. - Copyright: picture alliance/dpa | Jan Woitas

Mit rund 16.500 Euro Jahreseinkommen pro Kopf zählt die Ruhrpott-Stadt Gelsenkirchen zu den bundesweit ärmsten Wahlkreisen. Nicht viel besser sieht es im Osten der Republik aus: In Leipzig liegt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen bei 18.825 Euro, in Halle bei 18.170 oder im Erzgebirge bei rund 21.538 Euro. Für viele Menschen bedeuten die hohen Energie- und Lebensmittelpreise in diesen Regionen nicht einfach, dass sie mal ein paar Monate weniger sparen können. Für sie geht es viel mehr um die Frage, ob sie ihre Rechnungen, insbesondere für Energie, überhaupt noch zahlen können.

Business Insider hat sich deshalb in diesen Wahlkreisen bei den gewählten Bundestagsabgeordneten umgehört, wie es den Bürgern dort ergeht und in welchen Bereichen sie am dringendsten Hilfe benötigen. Es sind Berichte über Familien, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Energierechnungen bezahlen sollen, nachdem die Strom- und Gaspreise angestiegen sind; über Rentner, deren Verständnis für die Sanktionen gegen Russland abnimmt, und über Haushalte, deren Mitglieder sich schämen, staatliche Leistungen wie Hartz IV zu beantragen.

Einige der Abgeordneten fordern deshalb weitere staatliche Unterstützung, die schnell bei den Menschen aus ihren Wahlkreisen ankommt. Denn ihre unbürokratische Hilfe vor Ort stoße an Grenzen.

Leipzig, durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen rund 18.900 Euro

Da ist zum Beispiel der Wahlkreis Leipzig I von Linken-Politiker Sören Pellmann. Er war einer der ersten Politiker, die zum Protest gegen die aktuelle Entlastungspolitik der Bundesregierung aufriefen. Schon Ende August warnte Pellmann vor einer "Armutswelle im Osten".

Sein Protestaufruf und seine Forderungen leite er aus den Erfahrungen ab, die er in seinem Wahlkreis macht: Seit die Energie- und Lebensmittelpreise ansteigen, hätten sich die Anrufe in seinem Wahlkreisbüro mehr als verzehnfacht. Waren es früher fünf bis zehn pro Woche, seien es aktuell bis zu 100 Anrufe in der Woche, erzählt er uns im Gespräch. "Inzwischen tauchen nicht mehr länger nur Wähler aus den prekären Gebieten im Leipziger Westen wie Grünau bei uns auf, sondern Menschen aus Ortsteilen wie der Südvorstadt, wo bisher die Mittelschicht lebt", sagt Pellmann. Den meisten fehle das Geld für die Energie-Vorauszahlungen – und das, obwohl sie erwerbstätig seien und somit ein regelmäßiges Einkommen hätten. Auf staatliche Hilfe wollten viele aber lieber verzichten: "Beim Amt will sich keiner melden – die Scham ist zu groß", sagt Pellmann.

Sören Pellmann bei der Leipziger Demo der Linken "Heißer Herbst gegen soziale Kälte" am 5. September. - Copyright: Sören Pellmann
Sören Pellmann bei der Leipziger Demo der Linken "Heißer Herbst gegen soziale Kälte" am 5. September. - Copyright: Sören Pellmann

Und selbst die Leipziger, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind, seien nicht unbedingt besser gestellt: "Unter Tränen hat mir ein Mann berichtet, dass er mit dem Regelbedarf aktuell seine Wocheneinkäufe nicht mehr bezahlen kann", erzählt Pellmann. Er gehe dann mit ihm einkaufen, weil die Tafel keine neuen Menschen mehr aufnehme. Aber das sei auch keine dauerhafte Lösung. Pellmann forderte insbesondere in diesen Bundesländern Hilfe: "Dass die Ostdeutschen im Schnitt 20 Prozent weniger im Portemonnaie haben, muss auch bei den Entlastungen eine Rolle spielen", sagte er schon im vergangenen Monat. Denn der kommende Winter werde noch härter.

Erzgebirge, durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen rund 21.500 Euro

Wie hart die kommenden Monate werden könnten, bekommt auch Clara Bünger mit. Die Linken-Politikerin ist für den Wahlkreis Erzgebirgskreis I zuständig. In den vergangenen Wochen habe sie fünf regionale Stadtwerke rund um ihren Wahlkreis besucht: "Einige rechnen mit bis zu 15 Prozent Zahlungsausfall, also Kunden, die ihre erhöhten Energiekosten nicht werden zahlen können", erzählt Bünger Business Insider. Knapp jeder sechste Kunde der betroffenen Stadtwerke wäre damit unmittelbar einer Gas- und Stromsperre ausgesetzt.

"Die Realität in Fragen der Energieversorgung ist hier erschreckend", sagt Clara Bünger (Die Linke) nach ihrem Besuch in den Stadtwerken um ihren Wahlkreis Erzgebirgskreis I. - Copyright: Ben Gross
"Die Realität in Fragen der Energieversorgung ist hier erschreckend", sagt Clara Bünger (Die Linke) nach ihrem Besuch in den Stadtwerken um ihren Wahlkreis Erzgebirgskreis I. - Copyright: Ben Gross

Bünger glaubt, dass gerade die kleineren kommunalen Stadtwerke, welche die Grundversorgung in ländlichen Gebieten stemmen würden, diese Preissteigerungen und die vermehrten Zahlungsausfälle nicht durch Rücklagen ausgleichen könnten. Sie rechnet deshalb damit, "dass es im Winter immer mehr Menschen in ihrem Wahlkreis geben wird, die im Dunkeln und im Kalten sitzen".

Wie viele andere linke Abgeordnete fordert Bünger deshalb ein gesetzlich garantiertes, kostengünstiges Grundkontingent für Strom und Gas für alle Menschen und einen Schutzschirm für Stadtwerke, die ihr Gas immer teurer einkaufen müssen. Bisher hat die Bundesregierung lediglich eine Strompreisbremse angekündigt. Beim Gas gibt es noch keine Lösung. "Ich erwarte von der Bundesregierung mehr als unausgegorene Vorschläge wie Energiespartipps oder Entlastungspakete, die nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind", sagt sie. Anderenfalls müssten Bürger um ihre Existenz bangen und ohne schon finanziell geschwächte Gemeinden müssten sich verschulden, um ihre Stadtwerke zu retten.

Halle, durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen rund 18.200 Euro

Ein Bundesland weiter und fünf Stunden entfernt liegt der Wahlkreis Halle, mit einem hohen Anteil an Hartz-IV-Haushalten und einem jährlichen Durchschnittsgehalt von 18.170 Euro pro Kopf. SPD-Politiker Karamba Diaby, der den Wahlkreis im Bundestag vertritt, berät neuerdings auch immer mehr Menschen, die die hohen Energiekosten nicht mehr bezahlen können. "Vor mir sitzen verzweifelte Rentner-Ehepaare, deren Abschlagszahlungen sich verzehnfacht haben. Sie mussten plötzlich 1400 statt 140 Euro im Monat für Gas zahlen, 1900 statt 190 Euro im Monat", erzählt Diaby.

Dabei nimmt der SPD-Politiker in seinen Gesprächen aber nicht nur verstärkt Zukunftsängste in seinem Wahlkreisbüro wahr, sondern inzwischen oft auch eine andere Haltung gegenüber dem Ukraine-Krieg: "Bei vielen schlägt das Verständnis für die Ukraine in Wut gegen die hohen Energiekosten um, weil die eigene Existenz bedroht ist", sagt er. Hinzukomme oft, dass die Zukunftsängste in Sachsen-Anhalt sowieso viel größer seien, weil die Menschen oft keine Rücklagen hätten, aber auch weniger Einkommen und Rente als in vielen anderen Teilen Deutschlands.

In seinem Wahlkreis Halle ist Diaby deshalb mit weit mehr beschäftigt als die Menschen zur beraten, wenn das Geld knapp wird: "In Gesprächen versuche ich, die Menschen immer wieder darauf hinzuweisen, dass Putin diese Wirtschaftskrise ausgelöst hat, nicht Deutschland", sagt er. Wie wichtig diese Gespräche sind, zeigen auch Ergebnisse eines Berichts, den der Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Carsten Schneider (SPD), in Ende September im Kabinett präsentieren wird: Im Osten Deutschlands ist nur noch jeder dritte Bürger zufrieden mit der Politik in Berlin.

Gelsenkirchen, durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen rund 16.500 Euro

Fakt ist aber auch: Die steigenden Energie- und Essenspreise treffen auch arme Wahlkreise im Westen Deutschlands, wie etwa Gelsenkirchen mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 16.450 Euro pro Jahr. SPD-Politiker Markus Töns, erinnert sich noch gut an zwei Familien, die er zuletzt in seinem Wahlkreis traf: "Der Vater einer vierköpfigen Familie hat mich gebeten, das aktuelle Entlastungspaket schnell anzutreiben. Er wolle seiner Tochter nicht sagen, dass sie nicht mehr auf Klassenfahrt fahren könne", erzählt Töns. Bei einer anderen Familie sei es um 15 Euro mehr für den Gasabschlag gegangen, die sie sich nicht leisten konnten.

Der Wahlkreis des SPD-Politikers Markus Töns ist Gelsenkrichen in NRW. - Copyright: Benno Kraehahn; Markus Töns
Der Wahlkreis des SPD-Politikers Markus Töns ist Gelsenkrichen in NRW. - Copyright: Benno Kraehahn; Markus Töns

Nicht viel besser steht es um die Unternehmen in Gelsenkirchen: "Entscheidend für unsere Region wird sein, wie gut es der Bund schafft, kleine und mittelständische Unternehmen zu vor Insolvenzen zu schützen", ist Töns überzeugt. Denn sechs Prozent der deutschen Energie werde in Gelsenkirchen verbraucht – und zwar vorrangig durch Unternehmen. "Brechen sie weg", so Töns, "gehen zig Arbeitsplätze und Gewerbesteuern verloren".

Für Familien mit Kind und rund 18.000 Kilowattstunden Verbrauch könnten die Gas-Rechnungen bis zu dreimal mehr kosten.
Für Familien mit Kind und rund 18.000 Kilowattstunden Verbrauch könnten die Gas-Rechnungen bis zu dreimal mehr kosten.

In Gelsenkirchen bereite man sich deshalb schon jetzt darauf vor, dass mehr Menschen Hartz IV beantragen werden, berichtet Töns. Städtische Wohnungsbaugesellschaften rechneten damit, dass zahlreiche Mieter ihre Nachzahlungen nicht leisten können. Sie prüften bereits, wie sie einkommensarmen Haushalte entgegenkommen können. SPD-Wahlkreisabgeordneter Töns fordert zeitgleich: "Als Regierungspartei dürfen wir nicht zulassen, dass sich Menschen überschulden müssen, um diesen Winter zu überstehen", sagt er. Notfalls müsse der Bund Direktzahlungen an alle ermöglichen.