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„Gefahr eines langsamen Todes“: Fitnessstudios drohen massenhaft Insolvenzen

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Der Lockdown verbannt Sportler wieder ins Heimtraining. Die Branche fürchtet einen Mitglieder-Exodus. Viele Betreiber sehen in Klagen gegen die Schließungen den einzigen Ausweg.

Die Fitnessstudios befürchten wegen der Schließungen einen hohen Millionenschaden. Foto: dpa
Die Fitnessstudios befürchten wegen der Schließungen einen hohen Millionenschaden. Foto: dpa

Mit „The Mirai“ wollte Rainer Schaller Geschichte schreiben – eigentlich. Der Gründer von Deutschlands größer Fitnessstudiokette McFit und CEO des Fitness-Konglomerats Rainer Schaller Group (RSG) plante in der Ruhrgebietsstadt Oberhausen den größten Fitnesstempel der Welt. Auf 55.000 Quadratmetern sollte sich seine Vision erstrecken – und eine Dauerausstellung Hantelschwinger und Laufbandverrückte anlocken.

Doch angesichts der Coronakrise begräbt er jetzt seine Pläne, das Mammutprojekt hat er gestoppt.

„Ich habe vollstes Vertrauen in die Politik und gehe die Entscheidungen selbstverständlich alle mit“, sagt Schaller dem Handelsblatt. Für sein Fitnessimperium mit 6,4 Millionen Mitgliedern weltweit bedeutet das jedoch einen herben Einschnitt: „Viele Menschen sind doch vorsichtiger und zurückhaltend geworden. Das ist für uns natürlich ebenso spürbar und problematisch“, sagt Schaller, ohne den Umsatzrückgang beziffern zu wollen. Auch Konkurrent FitX hält sich dazu bedeckt.

Klar ist: Der zweite Lockdown trifft nicht nur die großen Ketten, sondern die gesamte Fitnessbranche hart. Die Studiobetreiber stemmen sich gegen die Corona-Schließungen, viele reichten Klagen ein. Die Hamburger Kette Fitness First konnte sich am vergangenen Dienstag in erster Instanz durchsetzen: Das zuständige Verwaltungsgericht hat der Klage der Betreiber stattgegeben und die Schließungen als nicht rechtskräftig bewertet.

Öffnen dürfen die Studios allerdings noch nicht: Die Stadt Hamburg hat nämlich Beschwerde gegen die Entscheidung eingelegt. Das Oberverwaltungsgericht erlies daraufhin eine Verfügung, bis die zuständige Kammer eine Entscheidung getroffen hat. Das kann noch einige Tage dauern. Das bayrische Verwaltungsgericht hat am Donnerstag die generelle Schließung von Fitnessstudios gekippt. In anderen Bundesländern haben die Oberverwaltungsgerichte bereits solche Eilanträge auf Öffnung abgewiesen.

Für Ralph Scholz, Vorsitzender des Industrieverbands für Fitness und Gesundheit (DIFG), ist das Hamburger Urteil immerhin ein Hoffnungsschimmer. Doch solange es keine bundeseinheitliche Entscheidung gebe, die das Training unter Corona-Auflagen ermögliche, könne die Branche nicht aufatmen.

Seine Sorge bleibt, dass die Corona-bedingten Schließungen eine Insolvenzwelle vor allem unter kleineren Fitnessstudiobetreibern auslösen könnten. Dank des Abo-Geschäftsmodells generierten die Studioinhaber zwar weiterhin Einnahmen, um die monatlichen Fixkosten zu begleichen.

Aber die Studiobetreiber könnten derzeit keine Rücklagen bilden, um ihren Kunden Entschädigungen für entfallene Leistungen einzuräumen, betont Scholz: „Das Problem ist nicht die fehlende Liquidität, sondern eine bilanzielle Überschuldung.“ Oder anders ausgedrückt: „Viele Fitnessstudios sind in Gefahr, einen langsamen Tod zu sterben.“

Das weiß auch McFit-Gründer Schaller: „Das fehlende Geld wird daher nachhaltig einen Schaden darstellen.“ Wie hoch die Umsatzeinbußen in seinen Studios insgesamt ausfallen werden, könne er aktuell nicht sagen, so der 51-Jährige.

Der Branchenverband DIFG rechnet damit, dass die Entschädigungsforderungen und ausbleibende Neuanmeldungen unter dem Strich einen Schaden in Höhe von 480 Millionen Euro verursachen – pro Monat. Damit wären den Studios Corona-bedingt in diesem Jahr bislang Umsätze in Höhe von fast 1,5 Milliarden Euro entgangen.

Branche rechnet mit sinkenden Mitgliederzahlen

Damit nicht genug: Anders als im Frühjahr, wo viele der rund 11,6 Millionen Studiomitglieder in Deutschland noch aus Solidarität ihre Monatsbeiträge zahlten, kippe allmählich die Stimmung unter den Sportbegeisterten. Belastbare Zahlen könne er nicht nennen, sagt DIFG-Vorsitzender Scholz.

Der Branchenverband rechnet aber damit, dass die Zahl der Studiomitglieder im kommenden Jahr um zehn Prozent auf 10,6 Millionen zurückgehen wird – zumindest zwischenzeitlich. Es wäre das erste Mal in der Geschichte der Muckibuden, dass die Mitgliederzahlen sinken.

Auch eine Erkenntnis aus der Corona-Zeit spielt dabei eine Rolle: Viele haben festgestellt, dass man auch zu Hause Sport machen kann. Statt Eisen zu stemmen und auf Laufbändern Kalorien zu verbrennen, schwitzen die Fitness-Enthusiasten nun wieder auf den heimischen Yogamatten und bei der Joggingrunde im Wald. Fitness-Youtube-Stars wie Sascha Huber und Pamela Reif zählen mehrere Millionen Abonnenten und ersetzen den Trainer im Studio.

Auch die Ankündigungen der Sportgerätehersteller deuten darauf hin, dass das eigene Zuhause zunehmend zur Fitnessstudio-Alternative avanciert. Technogym zum Beispiel prognostiziert, dass der Heimtraining-Bedarf künftig 50 Prozent der Unternehmensgewinne ausmachen wird.

Auch Umfragen unter Fitnessstudiomitgliedern unterstreichen die zunehmende Relevanz des Home-Gyms: 73 Prozent der vom DIFG befragten Kunden gaben im Sommer an, künftig die in der Corona-Zeit entdeckten Alternativen beizubehalten. Vereinzelt gaben Befragte auch an, ihr Studio gar nicht mehr aufsuchen zu wollen.

Betreiber müssen flexibler werden

Dass in der Post-Corona-Zeit die Studios gänzlich verwaisen, daran glaubt DIFG-Chef Scholz indes nicht. Das Fitnessstudio böte Angebote, für die dem gewöhnlichen Kunden das Geld und der Platz fehlten. Zwei Drittel der Befragten gaben in der Verbandsstudie auch an, nicht gänzlich von den Alternativen zum Fitnessstudio überzeugt zu sein. Der große Mitglieder-Exodus, den die Branche aktuell befürchtet, dürfte also nur so lange anhalten, bis das Coronavirus besiegt ist, so die Hoffnung.

Dennoch: Fitnessstudios müssten mehr sein als ein Ort zum Schwitzen, urteilt Scholz: „Die Branche muss ihren Kunden ein Erlebnisfeeling bieten.“ Hippe Musik, edles Design, vielleicht ein Wellnessbereich – ein Keller mit alten Eisenscheiben reicht dem Sportler von heute nicht mehr aus. Die McFit-Mutter RSG hat das erkannt und arbeitet seit Jahren daran, mit Premium-Studios wie John Reed das einst prollige Discounter-Image loszuwerden.

Um die Krise und die Zeit nach Corona zu überleben, müssen die Studiobetreiber mit der Zeit gehen und flexibler werden, urteilen Branchenkenner. Die RSG zum Beispiel hat im ersten Lockdown Monatsverträge eingeführt, um Neukunden zu locken.

Und: Die Branche müsse stärker die digitale Transformation forcieren, um das Feld rund ums Heimtraining nicht gänzlich den Youtube-Influencern zu überlassen, sagt DIFG-Chef Scholz. Anders als in der RSG, wo es bereits vor Corona Onlineangebote gab, zog der Essener Fitnesskonzern FitX erst zu Beginn der Pandemie nach und initiierte eine digitale Fitnessplattform. Mit Classx-Livekursen will die Studiokette ihre Mitglieder durch den zweiten Lockdown bringen.