Deutsche Märkte öffnen in 17 Minuten

Freiberufler schlagen Alarm – und fürchten um mindestens 400.000 Stellen

Vielen kleinen Selbstständigen brechen die Aufträge weg. Und sie blicken pessimistisch in die Zukunft. Der Gründerkultur in Deutschland droht ein nachhaltiger Schaden.

Mit voller Wucht traf die Pandemie die freien Kulturberufe. Foto: dpa

Die erste Phase der Pandemie ist vorüber. Die Läden sind wieder geöffnet, Kitas und Schulen kehren ein Stück weit zur Normalität zurück, aus zahlreichen Verboten sind vielerorts Gebote geworden. Doch der Lockdown hat seine Spuren hinterlassen, auch wirtschaftlich.

So kommen die erheblichen Lockerungen zu einer Zeit, in der besonders die finanzielle Existenz von Freiberuflern stark gelitten hat. Daran hat auch ein 130 Milliarden Euro schweres Rettungspaket der Bundesregierung wenig geändert.

Wolfgang Ewer, Präsident des Bundesverbands der Freien Berufe (BFB), blickt entsprechend pessimistisch in die Zukunft: „Nachdem bereits erste Stellen abgebaut werden mussten, sind mindestens 400.000 weitere Stellen in Gefahr“, sagte Ewer dem Handelsblatt. Die Lage für viele Freiberufler sei ausgesprochen schwer, „knapp zwei Drittel sind massiv betroffen“. Vor allem junge Unternehmen bräuchten Hilfe, damit die Gründerkultur in Deutschland nicht nachhaltig geschädigt wird.

Ewer stützt sich auf eine repräsentative Umfrage unter 2600 Freiberuflern, die zwischen Mitte Mai und Mitte Juni erhoben und ausgewertet wurde. Also zu einem Zeitpunkt, zu dem der Stillstand des öffentlichen Lebens in vollem Gange war, aber bereits die Aussicht auf eine wirtschaftliche „Post-Corona-Zeit“ erkennbar wurde. Die Ergebnisse sind deshalb umso ernüchternder.

Jede dritte Existenz bedroht

Der wochenlange Lockdown traf demnach jeden vierten Freiberufler (24,5 Prozent) sehr stark, mehr als jeden dritten (37,3 Prozent) stark. Rund 33,7 Prozent spüren die Krise kaum, lediglich 4,5 Prozent kommen bisher ohne Probleme davon.

Mit voller Wucht traf die Pandemie die freien Kulturberufe, drei von vier Berufstätigen leiden unter der Krise stark oder sehr stark, gefolgt von den freien Heilberufen. Hier sind gut zwei Drittel besonders betroffen. Schlechte Nachrichten kommen auch von den rechts-, steuer- und wirtschaftsberatenden Freiberuflern, bei denen rund jeder zweite die Folgen stark bis sehr stark spürt, bei den technisch-naturwissenschaftlichen Freiberuflern gilt das für knapp jeden zweiten.

Für fast jeden dritten Freiberufler ist der bereits entstandene wirtschaftliche Schaden existenzbedrohend, mehr als jeder zehnte befürchtet, die kommenden sechs Monate nicht überstehen zu können.

Massive Sorgen plagen überdies gerade kleine Einheiten mit bis zu fünf Mitarbeitern. Die Verlierer der Krise finden sich vor allem bei den jungen Unternehmen, die seit 2019 gegründet wurden.

Mehr als acht von zehn unter ihnen sind stark oder sehr stark vom Wirtschaftseinbruch belastet. 41 Prozent der Unternehmen haben je über 75 Prozent ihrer Aufträge verloren. Mehr als jedes dritte kämpft inzwischen um seine Existenz.

Auch kleine Freiberufler-Einheiten mit bis zu zehn Beschäftigten leiden extrem unter den Corona-Folgen. Das spiegelt sich auch im deutlichen Auftragsrückgang von über 50 Prozent wider, den jeder dritte Freiberufler verzeichnet. Düster sieht es auch für die Zukunft aus. Selbst im kommenden Jahr sehen die Freiberufler oft noch keine Aufhellung und rechnen mit einem Personalabbau vor allem bei Firmen zwischen zehn und 49 Mitarbeitern.

Die Umfrage zeigt zudem, dass das Vertrauen in den digitalen Staat größer sein könnte. Während die Bundesländer bei der Vergabe der Hilfsmaßnahmen ihren Verwaltungen ein positives Zeugnis ausstellen, sehen die Freiberufler Licht, aber auch viel Schatten.

Die Erreichbarkeit der Behörden stuften 12,2 Prozent als sehr schlecht, 16,1 Prozent als schlecht ein. Damit war fast jeder dritte Freiberufler deutlich unzufrieden. Das Arbeitstempo kam ebenfalls schlecht weg. Mit diesem Punkt war fast jeder vierte offensichtlich unzufrieden. Die Bearbeitung bereits vorliegender Verfahren bewerteten 9,2 Prozent als sehr schlecht und 15,5 Prozent als schlecht. Wiederum dauerten fast jedem vierten Befragten die Verfahren damit deutlich zu lange.

Auch wenn die Freiberufler das Kurzarbeitergeld, gefolgt von Steuerstundungen, den Soforthilfen der Länder oder der Stundung von Sozialversicherungsbeiträgen, als sehr hilfreich einstufen, fordern sie weiter Verbesserungen des Hilfspakets.

So sollen statt der ausgelaufenen Soforthilfe des Bundes nunmehr geplante „Überbrückungshilfen“ Liquidität zuschießen. „Allerdings setzen sich bei der Überbrückungshilfe gravierende Webfehler der Soforthilfe des Bundes fort“, erklärt Ewer.

So drohe eine zweite Welle der wirtschaftlichen Corona-Folgen gerade für Freiberufler mit nachlaufender Rechnungslegung, wenn ihnen Umsätze durch krisenbedingt ausbleibende Aufträge zeitversetzt fehlten. „Hier muss nachjustiert werden: Auch Unternehmen, die mit Zeitverzug von zwei, drei Monaten, aber ebenso existenziell getroffen werden, dürfen nicht alleingelassen werden“, fordert Ewer.

Lebensunterhalt einbeziehen

Bislang gelten nur Verluste, die in den Monaten April und Mai verzeichnet wurden und bis in den August fortdauern, als Voraussetzung für die Beantragung der Überbrückungshilfe. Berücksichtigt werden sollten aber auch Verluste, die erst im Juni, Juli und August einsetzen – mindestens, fordert Ewer.

„Überdies sollte der Lebensunterhalt insbesondere im Bereich der Soloselbstständigen miteinbezogen werden, da hier eine starre Abgrenzung lebensfremd ist“, sagte Ewer. Dies lehnt die Bundesregierung bislang aber ab. Die staatlichen Überbrückungshilfen sollen ihrer Ansicht gerade nicht zur Deckung des Lebensunterhalts dienen. Hierfür gebe es die Grundsicherung, der Zugang dazu sei in der Coronakrise deutlich erleichtert worden.

Darüber hinaus bleibe beim Kreditangebot weiterhin eine Mittelstandslücke bestehen, klagt Ewer. Der KfW-Schnellkredit gilt nur für Betriebe ab zehn Beschäftigten. „So können Kleinstunternehmen nicht auf die zu 100 Prozent staatlich garantierte Kreditlinie der KfW zurückgreifen. Hier muss noch eine Lösung geschaffen werden.“

Ewer ist mit seiner Einschätzung nicht allein. Auch nach Einschätzung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform droht Deutschland “eine Insolvenzwelle von bisher nicht gekanntem Ausmaß”, falls sich die Wirtschaft nicht rasch von dem durch die Corona-Pandemie ausgelösten Konjunktureinbruch erholt. Nach Meinung vieler Fachleute könne es einen Anstieg der Firmenpleiten um bis zu 20 Prozent geben.

Mehr: Die Folgen der Pandemie ist für viele Kleinstunternehmer existenzbedrohend, stellt das DIW fest. Vor allem die Höhe der Einbußen ist stark unterschiedlich.