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Free Now will zur Roller-Plattform werden

Die Taxi-App Free Now umwirbt Roller-Anbieter für eine Partnerschaft. Doch Marktführer wie Lime winken bereits ab: Sie haben schon Partnerschaften.

Von der Taxi-App zur Mobilitätsplattform: Die aus MyTaxi hervorgegangene App Free Now soll ab dem Frühjahr auch Angebote anderer Anbieter integrieren. Das sagte Free-Now-Chef Marc Berg dem Handelsblatt auf der Tech-Konferenz „Web Summit“ in Lissabon.

Diese Plattform-Strategie ist wichtig für Bergs großes Ziel: Er will sich in Europa und Lateinamerika dauerhaft zumindest Platz zwei hinter Uber sichern. Konkret will Berg neben Carsharern vor allem eRoller-Anbieter in seine Taxi-App integrieren, um sich als zentrale Mobilitäts-App bei den Nutzern zu etablieren. Einfach wird das nicht: Zwei große Roller-Anbieter winken bereits ab.

Denn Bergs Idee hat einen Haken: Der Deutsche fordert, die Städte sollten die Zahl der Roller je Anbieter so stark regulieren, dass Platz für gleich eine Handvoll Marken pro Stadt ist. Das soll Wettbewerb sichern, indem die Nutzer gezwungen sind, mehrere Anbieter zu nutzen – nicht überall sollen von jedem Anbieter Roller bereitstehen.

Für seinen eigenen Dienst Free Now hat Berg in der Vision die Schlüsselrolle vorgesehen: Seine App wäre die zentrale Buchungsplattform und würde unabhängig vom Roller-Anbieter auch die Zahlung abwickeln. Beim weltweiten Marktführer Lime kann Berg damit nicht durchdringen. „Wir haben bereits eine exklusive Partnerschaft mit Uber“, sagte Lime-Chef Brad Bao dem Handelsblatt. Das schließe eine Kooperation mit Free Now aus.

Carsharing integriert

Auch Lime befürworte eine Regulierung, die Obergrenzen je Anbieter müssten jedoch dynamisch der Nachfrage angepasst werden können. „Für Städte ist es mittelfristig sinnvoll, wenn sich jeweils zwei bis drei Anbieter etablieren – nicht mehr“, sagte er. Auch einer der größten europäischen Spieler, Voi aus Schweden, hält von Bergs Idee wenig.

Er habe sich zwar Plattformen angeschaut, halte aber auf absehbare Zeit eine Kooperation nicht für sinnvoll, sagte Voi-Gründer Fredrik Hjelm dem Handelsblatt. Voi könne selbst ein besseres Nutzerlebnis bieten als über eine Plattform und wolle den eigenen Kontakt zu den Nutzern behalten, sagte er. Free Now sei als Partner also unnötig.

Lime will ebenfalls aus eigener Kraft bestehen. Sein Unternehmen habe gut 50 Prozent Marktanteil in Europa, sagte Bao. Ziel sei, sich durch Qualität und Sicherheit von den Konkurrenten abzuheben – nicht im Preis, sagte Bao. Helfen soll eine Marketing-Partnerschaft mit der Deutschen Telekom. Frisches Geld brauche Lime dafür nicht: Das Unternehmen wolle schon 2020 operativ (Ebit) profitabel arbeiten.

Zumindest die eigenen Angebote sollen die Plattform von Free Now in den kommenden Monaten zusätzlich füllen. Das ist vor allem der Carsharer Share Now (Car2Go und Drive Now), der ebenfalls BMW und Daimler gehört. Ergänzt wird das Angebot zumindest durch die eigene Roller-Marke von Free Now, Hive.

Anfangs habe er die Roller getrennt laufen lassen, um zu sehen, wie sich der Markt entwickle – und auch die potenziell imageschädigenden Unfallzahlen. Nach den guten Erfahrungen der ersten Monate könne beides nun zusammenwachsen. Allerdings ist Free Now mit dem eigenen Roller-Angebot bislang europaweit gerade einmal in neun Städten vertreten – viel zu wenig, um wirklich wahrgenommen zu werden.

Bei seiner Plattform-Strategie hat Free Now ein zusätzliches Problem: Außerhalb Deutschlands ist das Unternehmen auch bei potenziellen Partnern kaum bekannt – zumal es erst vor wenigen Monaten seinen alten Namen MyTaxi abgelegt hat. Auch Lime-Chef Bao kannte die neue Marke bis zum „Web Summit“ nicht.

Weitere Konkurrenz

„Wir werden in den kommenden Monaten sicher noch stärker für unsere Marke und unser Unternehmen werben“, kündigte Berg daher an. Allerdings dürfe das Unternehmen wegen der börsennotierten Anteilseigner Daimler und BMW keine eigenen detaillierten Zahlen veröffentlichen.

Die würden nach Ansicht von Berg zeigen, wie erfolgreich sein Unternehmen ist. Sagen könne er so viel: 2019 steige die vermittelte Tourenzahl immerhin um 120 Prozent auf 300 Millionen Fahrten. Free Now habe 35 Millionen Kunden, die in den vergangenen zwölf Monaten mit Free Now gefahren sind. Zum Vergleich: Uber hat 100 Millionen monatliche Nutzer und vermittelt nach eigenen Angaben 15 Millionen Fahrten am Tag.

Um mit Uber mitzuhalten, hat Free Now zuletzt seinen ähnlichen Dienst „Ride“ eingeführt. Diese Fahrten sind wie bei Uber günstiger als eine Taxifahrt, weil sie von Mietwagen-Lenkern übernommen werden. Zum Start zahlt Free Now allerdings oft erst mal drauf: „Wir bieten in den ersten Monaten für unsere Kunden auch Taxifahrten an, falls einmal kein Ride verfügbar ist“, sagt Chef Berg. „Einen einmal enttäuschten Kunden zurückzuholen wäre noch viel teurer.“

Beim Aufbau einer Mobilitätsplattform über viele Anbieter hinweg macht bei Weitem nicht nur Uber den Deutschen Konkurrenz. Am Donnerstag kündigten beispielsweise Mitsubishi und der Venture-Arm des Ölkonzerns BP an, bei der App Whim einzusteigen, die ÖPNV, Leihräder, Carsharing, Taxis und andere Dienste verknüpfen will. Das Unternehmen aus Helsinki hat nun knapp 54 Millionen Euro zur Verfügung.

Der Autobauer Seat erläuterte beim Web Summit seine Pläne, zum Mobilitätsdienstleister zu werden, der verschiedene Fahrzeuge nicht nur baut, sondern auch zum Teilen bereitstellt. Über den Zukauf von Respiro bietet es bereits Carsharing, mit dem Start-up Ufo Tretroller zum Ausleihen an. Dazu sollen künftig eigene Roller unter der Marke kommen, welche die Kunden kaufen oder als Sharingangebot nutzen können.