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Frühjahrsreport 2020: Bedarf an IT-Experten trotz Corona ungebrochen

Seit Jahren versuchen Politik und Wirtschaft, Jugendliche für naturwissenschaftlich-technische Berufe zu begeistern. Die Coronakrise zeigt, wie wichtig diese Fachkräfte sind.

„Hohles Geschwätz von der Bildungsrepublik Deutschland“, kritisiert Thomas Sattelberger. Foto: dpa-Zentralbild

Es ist noch nicht lange her, dass der Fachkräftemangel auf der Sorgenliste der Unternehmen ganz weit oben stand. Besonders gefragt waren Experten mit einem Abschluss in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, den sogenannten MINT-Fächern. Jahr für Jahr wurde die Fachkräfteknappheit in diesem Bereich größer.

Doch jetzt lässt der Wirtschaftseinbruch infolge der Coronakrise auch die sogenannte MINT-Lücke schrumpfen. Im April fehlten knapp 153.000 Fachkräfte mit naturwissenschaftlich-technischer Qualifikation, zeigt der MINT-Frühjahrsreport des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), der dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Im Vorjahresmonat war die Lücke noch mehr als doppelt so groß.

Die Kölner Forscher setzen dafür regelmäßig die Zahl der offenen Stellen im naturwissenschaftlich-technischen Bereich in Relation zur Zahl der Arbeitslosen mit passender MINT-Qualifikation. Bereits der Herbstreport 2019 hatte gezeigt, dass die Lücke deutlich kleiner geworden war. Das hat vor allem damit zu tun, dass das verarbeitende Gewerbe schon im vergangenen Jahr in der Rezession steckte und die Zahl der offenen Stellen in der Produktion vor allem für Facharbeiter mit technischer Berufsausbildung zurückging. Allein in der Metall- und Elektroindustrie arbeiten rund 38 Prozent aller MINT-Beschäftigten.

Die Momentaufnahme dürfe allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Fachkräftemangel ein ernstes Problem bleibe, warnt Michael Stahl, Geschäftsführer Bildung und Volkswirtschaft des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Denn Herausforderungen wie der Klimawandel oder der Strukturwandel in der Industrie seien ja mit Corona nicht einfach verschwunden. Und um sie bewältigen zu können, seien gerade MINT-Qualifikationen gefragt.

Die Viruspandemie lasse den Fachkräftebedarf eher noch wachsen, erwartet Axel Plünnecke, der beim IW den Bereich Bildung, Zuwanderung und Innovation leitet. „Die Digitalisierung ist ein wichtiger Schlüssel, um die Herausforderungen der Coronakrise zu meistern“, sagt Plünnecke. So digitalisierten Unternehmen zunehmend ihre Geschäftsmodelle, um das Kerngeschäft zu sichern und die Kundennachfrage bedienen zu können.

Deutschland als „Schwellenland“ in Sachen Digitalisierung

Aus Unternehmensbefragungen wisse man aber, dass der Mangel an IT-Experten schon vor der Coronakrise das zentrale Hemmnis bei der Implementierung digitaler Geschäftsmodelle war. Daran hat offensichtlich auch der Wirtschaftseinbruch bisher nichts geändert. Bei den IT-Berufen ist die Lücke im April verglichen mit den Durchschnittswerten der zurückliegenden sechs Jahre sogar gewachsen; hier fehlen aktuell fast 40.000 Fachkräfte.

„Die Coronakrise zeigt, dass Deutschland ein Schwellenland ist, was die Digitalisierung der Geschäftsmodelle angeht“, sagt Thomas Sattelberger, Vorstandsvorsitzender der Initiative „MINT Zukunft schaffen“. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, Jugendliche für naturwissenschaftlich-technische Berufe zu begeistern und Schulen zu fördern.

Während der Oligopolist Amazon der große Gewinner der aktuellen Krise sei, lasse Deutschland Chancen ungenutzt, sagt Sattelberger, der für die FDP im Bundestag sitzt. So könnten beispielsweise doch mehrere mittelständische Handwerksbetriebe oder Einzelhändler eine gemeinsame Plattform anbieten. So etwas gebe es aber noch viel zu selten.

Allein am mangelnden Personal kann das nicht liegen. So ist die Zahl der beruflich qualifizierten IT-Fachkräfte von Ende 2012 bis zum dritten Quartal 2019 um 52,4 Prozent gestiegen, bei den Akademikern lag das Plus sogar bei 81,2 Prozent. Die Steigerungsrate liegt damit deutlich höher als bei den MINT-Berufen insgesamt.

Doch reicht das noch nicht, um den Bedarf zu decken – der eher zunehmen wird. So werden IT-Kräfte beispielsweise gebraucht, um den Digitalisierungsrückstand in den Schulen und den öffentlichen Verwaltungen aufzuholen, der sich in der Coronakrise wieder besonders deutlich gezeigt hat. Einige Kommunen seien nur eingeschränkt arbeitsfähig, heißt es in dem Report: „Dies kann zu Verzögerungen bei wichtigen Bau- und Investitionsvorhaben führen.“

Sattelberger, der früher Personalvorstand bei der Telekom war, beklagt vor allem die kaum vorhandene Digitalkompetenz und die schlechte technische Ausstattung in den Schulen. So gaben in einer Befragung für das Deutsche Schulbarometer vom April dieses Jahres zwei von drei Lehrern an, dass ihre Schule nicht gut auf digitalen Fernunterricht vorbereitet war. Fast 70 Prozent sehen zudem Verbesserungsbedarf bei den digitalen Kompetenzen der Pädagogen.

„Die Coronakrise hat das Gerede von der Bildungsrepublik Deutschland als hohles Geschwätz entlarvt“, sagt Sattelberger. Für die Schüler könne es sich dauerhaft nachteilig auswirken, wenn ausgefallener Unterricht nicht durch digitale Lernformate kompensiert werde. Gehe ein Drittel eines Schuljahres an Lernen verloren, räche sich das über das gesamte Berufsleben hinweg mit einem um drei bis vier Prozent reduzierten Erwerbseinkommen, zeige eine aktuelle Studie des Ifo-Instituts.

Die Autoren des MINT-Reports mahnen, den beschlossenen Digitalpakt zeitnah umzusetzen und Konzepte zu entwickeln, wie auch nach Corona Informations- und Kommunikationstechnologien stärker im Unterricht eingesetzt werden können. Die Länder sollten die Digitalpaktmittel des Bundes durch eigenes Geld aufstocken und zusätzliches Personal für die IT-Administration einstellen. Bei 40.000 Schulen und jeweils einer halben Stelle entstehe allein dadurch ein Bedarf an 20.000 zusätzlichen IT-Experten.

Um die Fachkräftelücke schließen zu können, ist Deutschland vor allem bei den IT-, aber auch bei den MINT-Berufen insgesamt stark auf Zuwanderung angewiesen. Wäre die Beschäftigung von Ausländern seit Anfang 2013 nur in der geringen Dynamik gewachsen wie die Beschäftigung von Deutschen, dann wäre die MINT-Lücke heute um rund 255.000 Personen größer. In dem Zeitraum hat sich beispielsweise die Zahl von zugewanderten Indern in akademischen MINT-Berufen auf 16.375 mehr als vervierfacht.