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Forscher beobachten Wahnvorstellungen und Halluzinationen nach Covid-19 – und untersuchen, ob der Körper nach der Infektion das Gehirn angreift

Von einem auf den anderen Tag im Jahr 2020 glaubte ein Mann, dessen Krankengeschichte im August des Folgejahres in einem medizinischen Fachmagazin behandelt wurde, er könne mit seinen toten Verwandten sprechen. Nur einen Tag zuvor waren bei ihm Symptome einer Covid-19-Erkrankung aufgetreten. Der Mann, der keinerlei psychische Vorgeschichte hatte, war davon überzeugt, dass die Wiedergeburt unmittelbar bevorstehe.

Die psychotische Episode des Erkrankten dauerte mehr als einen Monat an. Laut dem Bericht schlug er in dieser Zeit eine Tür ein, schubste seine Mutter und glaubte, dass an ihm mit radioaktiven Strahlungen experimentiert worden wäre. Zwar wurden ihm bereits frühzeitig antipsychotische Medikamente verschrieben, jedoch zeigten sie zu Beginn kaum eine Wirkung. Erst nachdem ihm Mittel verordnet wurden, die normalerweise zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden, ging es ihm wieder besser.

„Die Psychose ist eines der großen Rätsel der Medizin. Wir wissen nur wenig darüber, was sie verursacht und wie sie sich entwickelt“, erklärt der Klinikarzt und Psychiater des University College Londons, Jonathan Rogers. So ist auch bei dem erwähnten Patienten nicht eindeutig, was die Psychose ausgelöst haben kann.

Ein möglicher Zusammenhang zwischen einer Corona-Infektion und psychischen Erkrankungen

Nun weisen erste Forschungsergebnisse jedoch darauf hin, dass psychiatrische Symptome unter Covid-19-Erkrankten weit verbreitet sind. Im Rahmen einer Studie wurden die Krankenakten von mehr als 200.000 US-amerikanischen Covid-19-Patientinnen und -Patienten gesichtet und ausgewertet. Dabei wurde festgestellt, dass etwa 13 Prozent der Erkrankten innerhalb von sechs Monaten nach der Infektion erstmals eine psychiatrische oder neurologische Diagnose erhielten. Von der besonders schweren psychiatrischen Erkrankung der Psychose waren der Studie zufolge nur 0,42 Prozent der Gruppe betroffen. Nichtsdestotrotz war diese Häufigkeit etwa doppelt so hoch wie in der Kontrollgruppe, deren Mitglieder eine Grippe gehabt hatten.

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Die Zunahme psychischer Erkrankungen nach einer Corona-Infektion könnte indirekt mit der Pandemie zusammenhängen. Laut zwei Wissenschaftlern, die mit Business Insider sprachen, geht eine Covid-Infektion mit einer enormen Menge an psychischem Stress einher. Dieser könnte unter anderem ein Auslöser für die vermehrten Erkrankungen sein.

Darüber hinaus deuten die Ergebnisse der Studie auf einen weiteren Faktor hin, der die Häufigkeit psychischer Erkrankungen bedingen könnte: Die Infektion mit dem Virus könnte dazu führen, dass der Körper sich fälschlicherweise selbst angreift, so dass das Gehirn nicht mehr ordnungsgemäß funktioniert. Die Forscherinnen und Forscher haben die Vermutung aufgestellt, dass das Virus eine sogenannte Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis auslöst. Darunter ist eine Autoimmunreaktion – also wenn der körpereigene Zellen andere Zellen im Körper angreifen – zu verstehen, die eine Gehirnentzündung verursacht. Diese könnte wiederum der Auslöser einer Psychose sein.

Im Falle eines gesunden, funktionsfähigen Gehirns wird das Großhirn durch eine Struktur namens Blut-Hirn-Schranke vor dem Immunsystem geschützt. Durch die Schranke wird verhindert, dass Keime wie Bakterien, Viren oder Pilze über den Blutkreislauf ins Gehirn gelangen und dieses befallen. Eine Covid-Infektion könnte diese Schranke jedoch „durchlässig“ werden lassen, erläutert der Arzt von der University of Liverpool, Benedict Michael. Sollte die Blut-Hirn-Schranke nicht vollständig funktionsfähig sein, „werden Immunzellen bestimmten Gehirnproteinen ausgesetzt, mit denen sie normalerweise nicht Kontakt kommen“, erklärt Michael. Im Anschluss daran könnte das Immunsystem damit beginnen, die Zellen im Gehirn anzugreifen, so die Annahme. Das betrifft laut dem Experten insbesondere die NMDA-Rezeptoren, die von den Neuronen transportiert werden. Zur Folge hätte das wiederum, dass die Neuronen weniger empfindlich für Stimulationen sind, ergänzt er. „Es ist ein ähnlicher Effekt wie bei dem starken Beruhigungsmittel Ketamin“, so Michael.

In Bezug auf die aktuellen Forschungen weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass auch ein anderes Virus, das HSV-1, ähnliche Gehirnprobleme verursachen könnte. Dabei beziehen sie sich auf eine Handvoll dokumentierter Fälle von Gehirnentzündungen nach einer Corona-Infektion sowie einigen Fällen, in denen Anti-NMDA-Rezeptor-Antikörper im Blut der Erkrankten gefunden wurden.

Nur wenige dokumentierte Fälle, die die Vermutung bestätigen

Die gute Nachricht ist, dass diese Art von Erkrankungen mit entzündungshemmenden Medikamenten und Psychopharmaka behandelbar sein sollte. „Wir sind zuversichtlich, dass sich die Mehrheit der Patientinnen und Patienten gut erholen wird, da das Gehirn nur wenig geschädigt wurde“, so Michael. Am Universitätsklinikum Liverpool verwaltet der Wissenschaftler ein Register über neurologische Komplikationen bei Patientinnen und Patienten im Anschluss an eine Infektion mit dem Coronavirus.

Sowohl Rogers als auch Michael betonten, dass die Hypothese über einen möglichen Zusammenhang mit Vorsicht zu behandeln ist. Bislang gibt es nur wenige dokumentierte Fälle von Psychosen nach einer Corona-Infektion. Und es gibt noch weniger Niederschriften über Fälle, bei denen der Antikörperspiegel gemessen wurde. So räumt Michael ein, dass das Vorhandensein der Anti-NMDA-Rezeptor-Antikörper unter Umständen auch in keinem Zusammenhang mit einer Psychose stehen könnte.

„Es ist möglich, dass es eine immunologische Grundlage für diese einzelnen Psychosefälle gibt. Allerdings glaube ich nicht, dass dies in Bezug auf die Behandlung bewiesen ist“, so Michael. „In der Psychologie gibt es eine ganze Reihe von Behandlungsmöglichkeiten, die besonders gut funktionieren, wenn man sie mit einzelnen Patientinnen und Patienten durchführt. Diese können unter Umständen aber nicht so effektiv aussehen, wenn man großflächige klinische Studien dazu durchführt“, so der Wissenschaftler.

Dieser Artikel wurde von Julia Knopf aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.