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Forscher Aladin El-Mafaalani über Bildung und Chancen in Deutschland: "Migranten haben höhere Erfolgserwartungen an ihre Kinder"

Aladin El-Mafaalani ist Migrations- und Bildungsforscher. 2023 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, denn er vermittele einem breiten Publikum, wie wichtig es sei, junge Menschen auf die Zukunft vorzubereiten, hieß es in der Laudatio. - Copyright: Jennifer Fey
Aladin El-Mafaalani ist Migrations- und Bildungsforscher. 2023 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, denn er vermittele einem breiten Publikum, wie wichtig es sei, junge Menschen auf die Zukunft vorzubereiten, hieß es in der Laudatio. - Copyright: Jennifer Fey

Deutschland ist längst ein Einwanderungsland – knapp 30 Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund, sind also selbst eingewandert oder ihre Eltern. In westdeutschen Großstädten ist der Anteil sogar noch höher, Frankfurt am Main ist Spitzenreiter mit knapp 60 Prozent. Doch Menschen mit Zuwanderungsgeschichte – zumindest der ersten und zweiten Generation – haben hierzulande nach wie vor schlechtere Chancen auf sozialen Aufstieg als Angehörige der Mehrheitsgesellschaft. Und die Grundlagen für Erfolg werden in Kitas und Grundschulen gesetzt.

Aladin El-Mafaalani, selbst Kind syrischer Einwanderer, ist Professor für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien. 2023 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, weil er "als verdienstvoller Brückenbauer" einem breiten Publikum vermittele, wie wichtig es sei, junge Menschen auf die Zukunft vorzubereiten. Wir haben mit ihm über die Aufstiegschancen migrantischer Kinder in Deutschland gesprochen. Das Schulsystem sei zwar in den vergangenen 30 Jahren finanziell und teils auch personell besser gerüstet. Auf die Herausforderungen der Migration und einer alternden Gesellschaft sei es aber längst nicht vorbereitet.

Business Insider (BI): Herr El-Mafaalani, 2023 waren die Pisa-Ergebnisse so schlecht wie noch nie. Eine Nachricht hat viele an dem Bericht überrascht: Ein Drittel der Schülerschaft hat eine andere Muttersprache als Deutsch. Das sei einer der Gründe für die schlechten Ergebnisse, folgerte die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz Katharina Günther-Wünsch (CDU). Wie sehen Sie das?

Aladin El-Mafaalani: "Allein an dem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund liegen die schlechten Pisa-Werte ganz bestimmt nicht. Wir sehen ja auch, dass die Kinder ohne Migrationshintergrund schlechter werden."

BI: Bei Pisa werden 15-Jährige in Naturwissenschaften, Mathe und Lesen getestet. Es gibt auch schon Lese-Tests für Grundschulkinder, im Rahmen der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU). Da läuft es in Deutschland seit Jahren auch schon nicht rund.

El-Mafaalani: "Ja, den Abwärtstrend sehen wir an allen Schulstufen, sowohl Grund- als auch weiterführenden Schulen. Über alle Schulsysteme und Bundesländer gehen die Werte runter, und zwar für alle Kinder. Dieses Fokussieren auf – 'welche Kinder haben das Ergebnis runtergezogen?' – ist schon Teil des Problems."

BI: Was ist denn das Problem?

El-Mafaalani: "Ein System, das nicht funktioniert. Und das wird durch Migration nur zusätzlich strapaziert, wenn in bestimmten sozialen Milieus die Familien die Bildung in der Schule nicht so ergänzen können, wie die Schule das gern hätte."

BI: Das müssen Sie näher erklären.

El-Mafaalani: "Es gibt Gegenden in Deutschland, wo besonders viele Kinder in Armut leben und die Schulen zusätzlich damit konfrontiert sind, dass für ein Drittel der Kinder Deutsch nicht die Muttersprache ist. In ganz Deutschland haben an den Grundschulen mittlerweile über 40 Prozent der Kinder den statistischen Migrationshintergrund. Da zählen wir die dritte Generation gar nicht mehr dazu. Denn die wird statistisch kaum noch erfasst. Wir sprechen also von fast der Hälfte der Kinder, in westdeutschen Großstädten deutlich über die Hälfte. Wer die immer noch rausrechnen möchte, hat noch gar nicht verstanden, was hier los ist."

BI: In Deutschland haben wir von 1995 bis 2023 immer mehr für Bildung ausgegeben, die Ausgaben in absoluten Zahlen haben sich deutlich mehr als verdoppelt. Anteilig am Bruttoinlandsprodukt gab es eine leichte Steigerung. Und trotzdem sind die Pisa-Ergebnisse so schlecht wie noch nie. Geld sollte doch helfen. Was machen wir falsch?

El-Mafaalani: "Wir haben im Augenblick nicht weniger Lehrkräfte als in der Vergangenheit. Das stimmt. Es gibt Bundesländer, die haben aktuell so viele Lehrkräfte wie noch nie. Und ja, die Bildungsausgaben steigen seit längerem, aber die Herausforderungen sind stärker gewachsen als das Budget. Es hat sich auf mehreren Ebenen ein grundlegender Wandel in den letzten 20 Jahren vollzogen. Deshalb müssten die Schulen eigentlich bis zum ersten Bildungsabschluss viel mehr Aufgaben erfüllen und viel passgenauer arbeiten als früher."

BI: Welchen Wandel meinen Sie?

El-Mafaalani: "Familien haben sich extrem verändert – durch Berufstätigkeit beider Eltern – aber das Schulsystem ist darauf aufgebaut, dass die Familien sehr viel zuarbeiten, was Lernschwierigkeiten angeht."

BI: Also die Eltern müssen mit den Kindern extra üben, damit sie die geforderten Leistungen erreichen?

El-Mafaalani: "Ja, unter anderem. Und obwohl der Migrantenanteil in den letzten 20 Jahren enorm gestiegen ist, wird im Deutschunterricht prinzipiell immer noch vorausgesetzt, dass die Kinder Deutsch schon muttersprachlich können.

Zusätzlich ist nicht nur der Migrantenanteil höher, sondern mittlerweile kommen die Migrantenkinder aus viel mehr Ländern als früher. In den 80er und 90er Jahren waren es sechs, sieben Länder. Mittlerweile besuche ich regelmäßig Grundschulen, in denen weniger als 200 Kinder sind, die aber kommen aus 50 Herkunftsländern und sprechen über 20 Sprachen. Da reichen ein paar mehr Euro für Bildung nicht."

BI: Es hört sich so an, als ob Sie noch mehr Herausforderungen nennen möchten.

El-Mafaalani: "Dann haben wir eine sehr hohe Quote an armutsgefährdeten Kindern, das ist unabhängig vom Migrationskontext. Und dann ist da die Digitalisierung. Die birgt zwar Chancen, aber für die kindliche Entwicklung auch Risiken.

Also um Ihre Frage von vorher zu beantworten: Es ist nicht schlechter als vor 30 Jahren, wenn man sich nur das Schulsystem anschaut. Aber die Herausforderungen sind grundlegend andere."

BI: Wir haben es vorhin schon angerissen. Lehrkräfte erwarten offenbar, dass Eltern mit dem Kind üben und ihm Dinge beibringen, die eigentlich im Unterricht vermittelt werden sollten. Ich nenne es mal Auslagern des Bildungsauftrags. Braucht es eine neue Definition vom Lehrauftrag?

El-Mafaalani: "Ich würde es nicht an den Lehrern festmachen. Die Schulen und Kitas müssen ihren Auftrag neu definieren. Lehrkräfte sollten im Gegenteil viel mehr nur ihren Job machen dürfen, nämlich unterrichten. Im Augenblick müssen sie aber viel mehr übernehmen. Immer mehr Zeit wird für Dinge benötigt, für die sie nicht qualifiziert sind – Verwaltung, Elternarbeit, Krisen managen bei Kindern. Das machen sie alles auch nur mittelmäßig gut, weil sie nicht darin ausgebildet sind.

Das bedeutet jedoch nicht, dass man die Schulen in Ruhe lassen soll. Im Prinzip müssten Schulen und Kitas weitestgehend ohne die Mitarbeit der Eltern klarkommen. Und Teile dessen ersetzen, was früher Care Arbeit in der Familie war. Damit beide Eltern Teil des Arbeitsmarktes sein können, aus dem nun sehr bald die vielen sogenannten Babyboomer ausscheiden werden."

BI: Ich habe in Gesprächen mit Menschen mit Migrationsgeschichte oft gehört: "Ich habe eine Hauptschulempfehlung bekommen, am Ende aber sehr erfolgreich Abi gemacht und studiert." Oder dass Lehrkräfte als Wegbereiter empfunden wurden, die wichtige Impulse für die spätere Karriere gegeben haben. Lehrkräfte sind ja schon sowas wie Gatekeeper für Erfolg. Leider auch für Misserfolg. IGLU-Statistiken zeigen ganz klar: Um eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, muss ein Arbeiter- oder Migrantenkind einen besseren Lesescore haben als ein Akademikerkind. Da wäre doch schon wichtig, dass es in der Ausbildung und der Arbeit der Lehrer klarere Vorgaben gibt, damit alle Kinder die gleichen Chancen haben.

El-Mafaalani: "Das wäre wünschenswert. Diese sehr deutlich messbaren Unterschiede bestanden schon immer. Das ist nichts Neues, in den 60er Jahren wurde das erstmals empirisch belegt. Seither wird aber auch belegt, dass die Entscheidung der Eltern, auf welche Schule ein Kind kommt, noch ungerechter ist als die schon ohnehin nicht gerechte Entscheidung der Lehrkräfte."

BI: Inwiefern entscheiden die Eltern ungerechter als die Lehrkräfte?

El-Mafaalani: "In den allermeisten Bundesländern ist die Empfehlung der Lehrkräfte für die weiterführende Schule nicht verbindlich. Die Empfehlungen sind nicht immer gerecht. Aber am Ende entscheiden die Eltern, wo das Kind hinkommt. Und da geht die Schere richtig weit auseinander: Akademikereltern, deren Kinder keine Gymnasialempfehlung haben, schicken sie sehr häufig trotzdem aufs Gymnasium. Arbeiterkinder, die eine Gymnasialempfehlung haben, werden häufiger von ihren Eltern nicht aufs Gymnasium geschickt. Die Eltern machen das also wesentlich stärker ungerecht als die Lehrkräfte ohnehin schon."

BI: OK, aber rein moralisch ist es doch ungerecht, dass Kindern der Weg verbaut wird. Und als Volkswirtschaft ist es doch aberwitzig, dass wir das Potenzial dieser Kinder nicht nutzen.

El-Mafaalani: "Klar ist das ungerecht. Nur müssen wir uns anschauen, was die IGLU-Studien messen: Kompetenz. Lehrkräfte schauen auch auf andere Dinge, zum Beispiel die Heftführung, Sozialverhalten, mündliche Beteiligung. Es kann sogar sein, dass die Lehrkräfte damit gar nicht so viel falsch machen. Man muss halt überlegen, ob die Fähigkeiten, also das Potenzial, entscheidend sein sollte für die Schulempfehlung, oder die gesamte Performance. Eine Studie wie IGLU misst nicht mit, ob die Hausaufgaben immer gewissenhaft gemacht werden.

Gleichzeitig ist klar: Wenn wir die aktive Mitarbeit und das Sozialverhalten mit bewerten, dann können Arbeiterkinder benachteiligt werden. Kinder, die in sehr prekären Lebenssituationen leben, machen oft nur das Nötigste und sind wirklich kluge, fleißige und pflichtbewusste Kinder mit durchschnittlicher Performance und unproblematischem Verhalten. Die haben aber so viel Stress täglich, dass sie bestimmte Anforderungen nicht ohne weiteres erfüllen können."

BI: Welche Anforderungen zum Beispiel?

El-Mafaalani: "Wie man mit völlig offenen Situationen umgeht, das haben die Kinder zum Teil nie gelernt. Offene Lernformen sind für sie daher schwierig. Oder wenn man Freiraum hat, Aufgaben dann zu erfüllen, wenn man will. Wenn der Tag aber durchweg stressig ist, dann träumen die Kinder lieber in diesem Freiraum und liefern nicht ab.

Vor diesem Hintergrund wird klar: Es ist eine viel größere Herausforderung, wie die Empfehlung für die weiterführende Schule sein soll, als man vielleicht anfangs denkt. Liegen die Lehrkräfte oder die IGLU-Testergebnisse richtig? Man könnte sagen, beide liegen irgendwie richtig. Und wenn das so ist, dann ist es eher ein systematisches Problem."

BI: Wie lösen wir das?

El-Mafaalani: "Eine Reihe Bundesländer hat es darüber gelöst, dass es nur noch zwei Schulformen gibt. Ich lese das als Reaktion genau auf das Dilemma. Man will das Gymnasium nicht abschaffen und daneben sowas wie eine Gesamtschule haben. Ein zweigliedriges Sekundarschulsystem lässt sich darüber hinaus auch leichter steuern. Und man muss sich auch grundsätzlich überlegen, inwiefern die Hauptschule noch eine sinnvolle Schulform ist, wenn bundesweit die allermeisten Kinder auf ein Gymnasium gehen."

BI: Sie haben gerade vom Stress gesprochen, der die Kinder daran hindert, ich formuliere es mal so, Softskills auszubilden. Stress bei Kindern in Armut ist ja eine Sache. Migration hat viele Gründe, ich würde mal behaupten, sie ist in jedem Fall mit Stress verbunden. Kinder mit Migrationshintergrund hätten also diesen Stress, statistisch häufiger auch noch armutsbedingten Stress on top.

El-Mafaalani: "Das kann man so sagen. Gleichzeitig weiß man, seit man dazu forscht, wirklich seit einem halben Jahrhundert explizit für Deutschland, dass Migranten höhere Erfolgserwartungen an ihre Kinder haben. Und das gleicht das offenbar aus.

Also wenn Migrantenkinder quasi doppelten Stress hätten, dann müssten sie bei Kontrolle aller anderen Lebensumstände schlechter abschneiden. Das tun sie aber nicht. Wenn man alle Umstände kontrolliert, hat der Migrationshintergrund keinen starken Effekt. Und das lässt sich darauf zurückführen, dass die zugewanderten Eltern wirklich sehr viel höhere Erfolgserwartungen an ihre Kinder haben. Und man weiß, dass hohe Erfolgserwartungen die Leistungsbereitschaft der Kinder steigern."

BI: Der Druck der Eltern gleicht die Nachteile also aus?

El-Mafaalani: "Ja, den zusätzlichen Stress, sprachliche Nachteile etwa und die erhöhte Wahrscheinlichkeit von Diskriminierung, solche negativen Effekte. Und solche hohen Erfolgserwartungen sehen wir durchweg bei allen Migrantengruppen. Das hat mit der Migrationserfahrung zu tun und nicht dem Herkunftsland. Migranten sind besonders motiviert und übertragen dies über hohe Erfolgserwartungen an ihre Kinder."

BI: Nach wie vielen Generationen sind durch Migration bedingte Nachteile – Sprache, Sozioökonomie – nicht mehr messbar?

El-Mafaalani: "Bei Menschen aus der zweiten Generation, die in Deutschland geboren und deutsche Staatsbürger sind, deren Eltern zugewandert sind, kann man schon keinen Unterschied mehr zur Mehrheitsgesellschaft erkennen. Bei Menschen aus der zweiten Migrantengeneration, die aber nicht eingebürgert sind, können wir noch Unterschiede messen.

Das ist in meiner Interpretation aber gewissermaßen ein statistisches Artefakt: Denn bei den Eingebürgerten ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass deren eingewanderte Eltern schon besser zurechtgekommen sind. Sonst hätten sie die Bedingungen für die Einbürgerung wahrscheinlich nicht erfüllt. Aber wenn man sich die gesamte Gruppe der dritten Migrantengeneration anschaut, ist praktisch kein Unterschied mehr zur Mehrheitsgesellschaft messbar."

BI: Das stimmt doch positiv, oder?

El-Mafaalani: "Hört sich alles gut an, ja, bringt aber nicht viel, wenn der Abwärtstrend insgesamt stark ist. Denn aktuell zeigen ja auch Kinder ohne Migrationshintergrund zunehmend schwächere Leistungen. Das heißt, die beiden Gruppen mit und ohne Migrationshintergrund nähern sich ab der zweiten Generation an. Aber sie nähern sich im Abwärtstrend an. Und zudem dauert es sehr lange.

Wir haben so einen hohen Anteil von Migranten der ersten Generation wie noch nie im Schulsystem. Dann haben all die vielen Kinder der ersten Generation nichts davon, dass es der zweiten Generation besser gehen wird. Es dauert alles zu lange."

BI: Abgesehen vom individuellen Schicksal spielen Sie wieder auf den demografischen Wandel an?

El-Mafaalani: "Ja. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat sich die erwachsenen Geflüchteten angeschaut, die 2015 nach Deutschland gekommen sind, und stellte fest: Etwa zwei Drittel sind nach sieben Jahren im Arbeitsmarkt erwerbstätig, fast 80 Prozent der Männer, aber nur etwa 25 Prozent der Frauen. Insgesamt ein höherer Wert, als Migrationsforscher 2015 prognostiziert hatten, auch ich. Aber sieben Jahre sind zu lang, das können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten.

Und nur 25 Prozent der 2015 migrierten Frauen nach sieben Jahren im Job, das ist ein sehr schlechter Wert. Und das hat natürlich auch mit fehlenden Kita- und Ganztagsschulplätzen zu tun."

BI: Danke für das Gespräch!