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Mit der Flaschenpost-Übernahme gelingt Oetker-Chef Christmann der erste große Coup

·Lesedauer: 6 Min.

Der Lebensmittelkonzern Oetker könnte bis zu eine Milliarde Euro für den Lieferdienst ausgeben. Für Oetker-Chef Albert Christmann ist das ein strategisch wichtiger Schritt.

Der erste Kontakt kam eher zufällig zustande. Oetker-Chef Albert Christmann und Filip Dames, Mitgründer des Start-up-Investors Cherry Ventures, trafen sich im Februar auf dem Podium der Digitalkonferenz „Hinterland of Things“ in Bielefeld. Schnell kam das Gespräch auf das boomende Start-up Flaschenpost, an dem Cherry Ventures beteiligt ist – und an dem Oetker schon länger interessiert war.

Die Gespräche sind jetzt in einem spektakulären Deal gemündet. Wie Oetker am Montag bestätigte, will das Familienunternehmen den Getränkelieferdienst Flaschenpost komplett übernehmen. Der Kaufpreis soll Branchenkreisen zufolge bei rund einer Milliarde Euro liegen. Oetker teilte mit, beide Parteien hätten über den Kaufpreis Stillschweigen vereinbart.

Christmann, 57, ist mit dem Kauf von Flaschenpost ein Überraschungscoup gelungen. Schon früher soll Dr. Oetker Interesse am Getränkelieferdienst gezeigt haben. Doch statt zu investieren, startete das Bielefelder Unternehmen 2017 zunächst seinen eigenen Bringdienst Durstexpress in Berlin – aufgehängt an Getränkehändler Hoffmann, der zur hauseigenen Radeberger Gruppe gehört.

Durstexpress wurde in der Start-up-Szene oft als Kopie belächelt. Mit dem Wachstumstempo und dem Marketing von Flaschenpost konnte der Bringdienst nie so recht mithalten. Flaschenpost beliefert derzeit mehr als 150 Städte, Durstexpress ist erst an zehn Standorten aktiv. Statt dem Rivalen weiter hinterherzuhecheln, entschloss sich der Dr.-Oetker-Chef nun dazu, ihn zu schlucken.

Organisatorisch werden die beiden Lieferdienste künftig zusammengelegt. Bei den Details hält sich das Unternehmen noch bedeckt – schon weil die Kartellbehörden dem Deal erst noch zustimmen müssen.

Es soll zunächst weiter zwei zentrale Verwaltungen in Berlin und Münster geben. Geleitet aber wird das Ganze von einem gemeinsamen Vorstand, der sich „aus Mitgliedern des Vorstands der Flaschenpost SE sowie der Geschäftsführung der Durstexpress GmbH zusammensetzt“, wie Oetker mitteilte.

In Unternehmenskreisen hieß es, dass zunächst beide Marken parallel weiter betrieben werden. Es würde aber niemanden in der Branche verwundern, wenn man sich wegen der Synergieeffekte mittelfristig auf die stärkere Marke konzentrieren würde.

Wettbewerber von Amazon Fresh

Flaschenpost hat eine echte Erfolgsgeschichte vorzuweisen. Das 2014 von Dieter Büchl gegründete Start-up hat mittlerweile mehr als 8000 Mitarbeiter und wächst mit rund 200 Prozent pro Jahr. Ein Umsatz wird nicht genannt, er dürfte aber mittlerweile deutlich über 200 Millionen Euro liegen. Bei der letzten Finanzierungsrunde wurde das Start-up noch mit rund 500 Millionen Euro bewertet.

Oetker soll nach Informationen des Branchendienstes „Deutsche Startups“ rund eine Milliarde Euro für Flaschenpost zahlen, das wäre dann mehr als das Vierfache des Umsatzes. „Bei Essensdiensten sind Umsatzmultiples zwischen fünf und neun möglich“, betont Barbara Siegert, Branchenexpertin und Managerin bei Munich Strategy. Zum Vergleich: Der Lieferdienst Takeaway zahlte 2018 das 8,9-Fache des Umsatzes für das Deutschlandgeschäft von Delivery Hero.

Gründer Büchl hat sich bereits im August 2018 aus dem operativen Geschäft in den Aufsichtsrat zurückgezogen und die Geschäftsführung an Finanzchef Stephen Weich übergeben. Ob er nach dem Verkauf des Unternehmens noch in irgendeiner Form eine beratende Rolle einnehmen könnte, ist nicht bekannt.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) begrüßte den Verkauf von Flaschenpost an Oetker. „Für die Beschäftigten können die Arbeitsbedingungen nur besser werden“, sagte Freddy Adjan, stellvertretender NGG-Vorsitzender.

Die Gewerkschaft hatte immer wieder die aus ihrer Sicht prekären Arbeitsbedingungen angeprangert. Die derzeitigen Eigentümer von Flaschenpost seien bisher dadurch aufgefallen, die Betriebskosten auf dem Rücken der Beschäftigten zu minimieren. Adjan forderte Oetker auf, nun einen Tarifvertrag für die Beschäftigten von Flaschenpost abzuschließen.

Zusammen mit Oetker dürfte aber auf jeden Fall die Schlagkraft von Flaschenpost noch einmal zunehmen. „Wenn die wirtschaftliche Potenz der Oetker-Gruppe, strategische Klarheit und unternehmerische Entschlossenheit zusammenkommen, dann können sich die Wettbewerber warm anziehen“, prognostiziert Branchenexpertin Siegert.

Allerdings gebe es auf diesem Feld neben regionalen Lieferdiensten mit Amazon Fresh auch global tätige Wettbewerber, die noch größere Finanzkraft haben.

Kassen von Oetker sind prall gefüllt

Aber auch die Kassen von Oetker sind prall gefüllt. Der Verkauf der Reederei Hamburg Süd an den dänischen Wettbewerber Maersk, der nach langen familieninternen Querelen 2017 vollzogen wurde, spielte 3,7 Milliarden Euro ein. Bisher hat Christmann damit vor allem mittelgroße Zukäufe im Ausland getätigt. In den USA, Frankreich, Südafrika, Brasilien und Ägypten übernahm Christmann Unternehmen im Bereich Backen.

2018 gelang der Kauf der Mehrheit am spanischen Cava-Hersteller Freixenet. Laut der katalanischen Zeitung „La Vanguardia“ lag der Kaufpreis bei 220 Millionen Euro. Die Oetker-Tochter Henkell stieg damit zum größten Sekthersteller der Welt auf.

Der promovierte Wirtschaftsingenieur – seit 2017 im Amt und der erste familienfremde Chef der Dr. August Oetker KG – kennt das Getränkegeschäft genau. In seiner fast 30-jährigen Karriere bei Oetker war er unter anderem Leiter der Sektkellerei Henkell und der Braugruppe Radeberger. Letztere ist schon lange auch im Getränkehandel und zunehmend in der Logistik aktiv.

Mit dem Zukauf von Flaschenpost macht Christmann einen weiteren Schritt in Richtung Vertikalisierung. „Die strategische Grundidee hinter Oetkers Zukauf: Wie komme ich in direkten Kontakt zu meinen Kunden, wie generiere ich dort direkte Daten?“, erklärt Siegert. Für einen traditionellen Getränke- und Nahrungsmittelhersteller wie Oetker sei der Zukauf eine einzigartige Chance, das Geschäftsmodell in das digitale Zeitalter weiterzuentwickeln.

Schon seit einigen Jahren steigt der Hersteller von Nahrungsmitteln und Getränken gezielt in Gastronomie und Direktbelieferung ein. 2017 eröffnete Oetker in Luzern das „Café Gugelhupf“, das auch nach Deutschland kommen soll. In einem Edeka-Markt in Koblenz startete kürzlich das Bistro „Frau Renate“, ein Gastrokonzept für den Handel.

Flaschenpost und Durstexpress profitieren beide vom Trend zur Onlinebestellung ins Haus. In Corona-Zeiten haben sie einen zusätzlichen Schub bekommen. Die Menschen meiden Supermärkte und trinken mehr zu Hause als in Bars oder Restaurants. Das Gastronomiegeschäft der Radeberger Gruppe dagegen leidet unter der Pandemie. Die zweite Corona-Welle mit dem Teil-Lockdown dürfte diese Entwicklung noch verstärken.

Mit Flaschenpost und Durstexpress eröffnen sich für Dr. Oetker neue Möglichkeiten. Schon heute liefern die beiden weit mehr als nur Getränke an die Haustür. Auch Dosensuppen oder Wiener Würstchen, Chips, Müsli, Pampers, Katzenfutter, WC-Reiniger oder Kondome werden frei Haus geliefert.

In Zukunft könnte Oetker auch seine Pizza oder Tiefkühltorten ausfahren – und so Bofrost und Eismann Konkurrenz machen. Der Schritt zum Vollvertrieb von Lebensmitteln à la Amazon Fresh ist zwar noch weit, aber denkbar.