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Finanzzentrum nach dem Brexit: „Die EU sollte Frankfurt wählen“

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Kay Swinburne berät die britische Regierung bei ihrer Strategie für den Finanzsektor nach dem Brexit. Die KPMG-Beraterin erklärt, wie London der EU nun Konkurrenz machen will.

Großbritannien hat sich mit der EU auf ein Freihandelsabkommen verständigt. Es gilt jedoch nicht für den Finanzsektor: Britische Finanzdienstleister verlieren ab Januar ihre „Passporting“-Rechte auf dem europäischen Festland. Was wird nun aus London, dem bisherigen Finanzzentrum der EU?

Großbritannien werde zunächst einen Teil des EU-Geschäfts verlieren, sagt die KPMG-Beraterin Kay Swinburne, die die britische Regierung bei ihrer Zukunftsstrategie für den Finanzsektor berät. Aber Großbritannien könne nun bei der Regulierung flexibler sein und schneller auf Änderungen reagieren.

Ein Bereich, in dem Swinburne Chancen sieht, ist die Fondsbranche. Die Regierung solle möglichst bald Fonds steuerneutral stellen, um den EU-Standorten Luxemburg und Dublin Konkurrenz zu machen, sagt sie.

Dass die EU nach dem Brexit mehrere Finanzplätze hat, sei im internationalen Vergleich „suboptimal“, sagt sie. „Investoren und Händler bevorzugen ein Zentrum.“ Sie ist daher überzeugt, dass London ein globales Finanzzentrum bleiben wird.

Die ehemalige britische Europaabgeordnete hat an zahlreichen EU-Finanzrichtlinien mitgewirkt und kennt sich in der Branche aus.

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Wie wird sich das Finanzzentrum London außerhalb der EU schlagen?
London ist seit den 1980ern ein globales Finanzzentrum. Nur ein Drittel des Geschäfts hat eine Verbindung zur EU. Kurzfristig wird das Handelsvolumen mit EU-Kunden aufgrund des Drucks aus Brüssel zurückgehen, aber langfristig ist wichtiger, wie London sich an technologische Entwicklungen anpasst. Wenn die Regierung ein vernünftiges Regelwerk und ein waches Auge auf globale Wettbewerber und Technologien hat, dann wird die Stadt ein gesundes Finanzzentrum bleiben.

Was passiert am 1. Januar, wenn die EU-Kommission das britische Regelwerk vorher nicht als gleichwertig anerkennt?
Meine Kontakte in der EU sagen ganz offen, dass die Äquivalenzentscheidungen zum Aktien- und Derivatehandel dieses Jahr nicht mehr kommen werden, weil die EU einen Teil dieses Handels zu sich holen will.

Viele in London ansässige Firmen werden deshalb am 1. Januar ihre Handelsplattformen in Paris und Amsterdam in Betrieb nehmen und den EU-Handel dort abwickeln. Sie werden es nicht riskieren, auch nur einen einzigen Tag außerhalb des rechtlichen Rahmens zu handeln. Die EU hat das vor langer Zeit erkannt und nutzt diesen Hebel.

Wann rechnen Sie mit den Äquivalenzentscheidungen der EU?
Die Kommission wird bis zum Inkrafttreten der neuen EU-Verordnung für Investmentfirmen IFR2 warten. Diese war ursprünglich für Januar geplant, wird aber nun nicht vor März erwartet.

Bis dahin werden sich etliche Aktivitäten schon auf den Kontinent verlagert haben. Die EU hätte ihr Ziel erreicht.
Ja, die Märkte gehen den Weg des geringsten Widerstands, wenn ihnen rechtliche Hindernisse in den Weg gelegt werden. Die Frage ist, ob die Bedingungen in Paris und Amsterdam gut genug sind, dass der Handel auch dauerhaft dort stattfindet. Ich sage immer: Kurzfristig kann man Liquidität erzwingen, langfristig kann man sie nicht einsperren.

Was müsste die EU tun, um diese Märkte auch langfristig zu halten?
Sie muss ihr Regelwerk einheitlich umsetzen. Im Moment gibt es große Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten. Die Aufsichtsbehörde Esma hat es lange versäumt, ihre Macht für die Zusammenführung der Regeln einzusetzen. Zum Beispiel variieren das Insolvenzrecht und die Quellensteuer von Land zu Land. Investoren wollen wissen, welches Recht gilt.

Müsste die EU ein einziges Finanzzentrum haben, um mit London konkurrieren zu können?
Es ist viel schwieriger, wenn man mehrere Zentren hat wie die EU. Investoren und Händler bevorzugen ein Zentrum. Aber in der EU wurde immer so gedacht, dass jeder ein Stück vom Kuchen haben sollte.

Heißt das, die EU wird immer nur ein zweitrangiger Player im Finanzsektor sein?
Es wird immer suboptimal sein, mehrere Standorte zu haben. Wenn die EU sich für ein Finanzzentrum entscheiden müsste, sollte sie Frankfurt wählen, weil die großen internationalen Banken hier ihre Haupttöchter haben. Das heißt, hier fällt auch das größte Handelsvolumen an. Allerdings teilen manche Investmentbanken ihr Geschäft auch auf: Aktien und Devisen werden in Frankfurt gehandelt, Anleihen und Derivate in Paris. Sie suchen sich die jeweils günstigste regulatorische Umgebung aus.

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Zur Debatte steht auch, ob das Clearing von Euro-denominierten Wertpapieren künftig in der Euro-Zone statt in London stattfinden sollte. Wie groß ist die Macht der EU, einen solchen Umzug zu erzwingen?
Die Geschäftsmodelle der globalen Player setzen da erhebliche Grenzen. Jeder Derivatehandel hat zwei Legs. Die Akteure haben ein Interesse daran, dass beide Legs auf der gleichen Plattform abgewickelt werden. Sie können dann Positionen miteinander verrechnen, was die Kosten deutlich senkt. Es wird ineffizient, wenn man ein Leg in Sterling in London hat und das andere Leg in Euro an der Deutschen Börse. Wenn die EU darauf besteht, wird der Handel voraussichtlich an einen Standort wandern, der außerhalb der EU liegt, aber EU-äquivalent ist (wie New York, Anm. d. Red.).

Viele Fonds sind in Dublin und Luxemburg angesiedelt, werden aber aus London heraus gemanagt. Kann das so bleiben?
Die gezielte Ansiedlung der Fonds hat wesentlich zum Aufschwung Irlands nach der Finanzkrise beigetragen. Großbritannien hat damals entschieden, nicht die gleichen Steuervorteile zu bieten, sondern hat Irlands Wachstum unterstützt. Nun ist es aber so, dass viele dieser Fonds keine EU-Komponente haben. Das Kapital kommt irgendwo aus der Welt, es wird in London verwaltet und in globale Assets investiert. Großbritannien wird also künftig sicher um dieses Geschäft konkurrieren.

Wie?
Die britische Regierung muss Steuerneutralität für Fonds bieten – so wie Luxemburg, Irland und die Cayman Islands. Sie sollte das dringend angehen. Es wird nicht leicht, die Zeit im Parlament dafür zu finden, weil so viele andere Dinge anstehen. Aber es gibt keinen Grund, es nicht zu tun. Warum sollten wir dieses Geschäft der EU überlassen?

Ist dies einer der Vorteile des Brexits?
Ich tue mich schwer damit zu sagen, dass es Vorteile gibt. Ich habe vehement für den Verbleib in der EU gekämpft. Aber wir sind, wo wir sind. Der Brexit wird ökonomischen Schaden anrichten, aber Großbritannien wird flexibler sein und schneller auf Änderungen reagieren können.

Wird die EU künftig immer Großbritannien hinterherhinken?
Die EU kann all das tun, was Großbritannien tun kann. Die EU-Kommission ist sehr fähig. Es ist nur eine Frage der Schnelligkeit. Die britischen Aufseher haben länger keine Regeln im Finanzsektor mehr entwerfen müssen, weil alles auf EU-Ebene geregelt wurde. Nun müssen die entsprechenden Abteilungen mit guten Leuten besetzt werden. Wird das gelingen? Wir werden es versuchen.

Die Londoner City klagt, dass die britische Regierung die Interessen der Finanzbranche in den Freihandelsgesprächen komplett ignoriert hat. Wird sich das künftig ändern?
Am Anfang gab es ausgiebige Diskussionen über die künftige Kooperation, an denen ich auch beteiligt war. Nach dem Regierungswechsel von Theresa May zu Boris Johnson wurde dann entschieden, dass wir kein umfassendes Freihandelsabkommen mehr wollten.

Ich hoffe, dass die Beziehungen zur EU in hochregulierten Bereichen wie Pharma und Finanzen in den kommenden Jahren wieder vertieft werden. Mit der Schweiz haben wir eine enge Kooperation im Finanzsektor vereinbart, und wir wollen dies auch mit anderen Ländern erreichen.

Das Äquivalenzregime, mit dem die EU das Regelwerk von Drittländern als gleichwertig anerkennt, ist also nicht das letzte Wort?
Ich denke nicht. Das Äquivalenzregime hat viele Mängel. Es ist nicht konsistent und erlaubt keine tiefe Zusammenarbeit.