Deutsche Märkte öffnen in 2 Stunden 3 Minuten

Fed-Chef Powell warnt: „Die Geldpolitik muss noch mehr tun“

·Lesedauer: 4 Min.

Der US-Notenbankchef sorgt sich, dass auch nach der wirtschaftlichen Erholung viele Verlierer zurückbleiben. EZB-Chefin Lagarde betont dagegen positive Aspekte.

Jerome Powell warnt vor „herausfordernden Monaten“ – und der Chef der US-Notenbank (Fed) ist der Meinung, dass Geld- und Finanzpolitik in Amerika nachlegen müssen, um mit den Folgen der Corona-Pandemie fertig zu werden. „Wir müssen noch mehr tun“, sagte er bei der sogenannten Sintra-Konferenz der internationalen Notenbanker, die in diesem Jahr von der Europäischen Zentralbank (EZB) virtuell ausgerichtet wurde. Gleiches gelte für die Fiskalpolitik.

Powell sorgt sich, dass die Pandemie langfristige Folgen hat und die Ungleichheit noch verstärken wird. „Die Wirtschaft wird sich erholen, aber es wird eine andere Art von Wirtschaft sein“, sagte er. Weltweit steigen die Corona-Infektionszahlen – auch in den USA.

Während sich Powell besorgt äußerte, hoben seine Gesprächspartner, EZB-Chefin Christine Lagarde und der britische Notenbankchef Andrew Bailey, eher die positiven Seiten durch den Digitalisierungsschub infolge der Pandemie hervor.

Powell jedoch fürchtet, dass junge Leute, Minderheiten, Geringverdiener, Arbeiter und zum Teil auch Frauen vom digitalen Wandel überholt werden und dann Mühe haben, den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt zu finden. „Es besteht die Gefahr, dass diese Menschen das Leben verlieren, das sie hatten“, sagte er.

Auch Lagarde betonte, dass die Pandemie Frauen und junge Leute besonders hart trifft. Studien würden zeigen, dass sich Arbeitsplatzverluste bei jüngeren Menschen noch zehn Jahre später auf ihre Berufslaufbahn auswirken. Zudem verwies sie darauf, dass Frauen zu einem überproportionalen Anteil in den von der Pandemie besonders betroffenen Sektoren arbeiten wie Tourismus, Hotelgewerbe und Einzelhandel.

Die Notenbanker sprachen auch über Digitalwährungen. Powell äußerte sich eher zurückhaltend zur möglichen Einführung von elektronischem Zentralbankgeld. „Wir sind da sehr vorsichtig“, sagt er. „Weil der Dollar auch die Weltreservewährung ist, müssen wir sicher sein, dass wir es richtig hinbekommen.“ Er verwies darauf, dass in den USA Bargeld nach wie vor eine große Rolle spiele.

Lagarde hingegen zeigte vorsichtigen Optimismus, dass die EZB sich zur Einführung eines E-Euros entschließen wird – „nicht als Ersatz für, sondern als Ergänzung zu Bargeld“, sagte sie. Lagarde erkennt dabei auch eine mögliche Stärkung der finanziellen „Souveränität“ der Euro-Zone.

Powell hingegen versprach während der Diskussion, auch die Fed werde sich intensiv mit den Folgen des Klimawandels beschäftigen. Er deutete an, dass sie bald einem internationalen Netzwerk von Notenbanken zu diesem Thema beitreten will.

Nur in einem Punkt ließ sich der US-Notenbankchef keine Aussage entlocken: zur Wahl in Amerika. „Sie werden verstehen, dass ich da zurückhaltend bin“, sagte er der Moderatorin Roula Khalaf, der Chefredakteurin der „Financial Times“.

Die große Strategiedebatte

Im Fokus der diesjährigen Konferenz, die sonst im portugiesischen Sintra stattfindet, stand die aktuelle Strategieüberprüfung der EZB. Dabei geht es vor allem um das künftige Inflationsziel der Notenbank und ihre Rolle im Kampf gegen den Klimawandel.

Die US-Notenbank Fed hat die Strategieüberprüfung bereits hinter sich. Sie hatte Ende August verkündet, dass sie künftig auch Inflationsraten von über zwei Prozent tolerieren will, wenn sie zuvor länger darunter gelegen hat. Die EZB strebt bisher eine Inflationsrate von „unter, aber nahe zwei Prozent“ auf mittlere Sicht an. Die Formulierung hatte bisher eher den Charakter einer Obergrenze, auch wenn die EZB seit einiger Zeit von einem symmetrischen Ziel spricht.

Um hervorzuheben, dass sie in gleichem Maße gegen eine zu hohe und zu niedrige Inflation vorgeht, könnte die Zentralbank das Ziel auf zwei Prozent präzisieren. Umstritten ist vor allem, ob die EZB dem Beispiel der Fed folgen und Verfehlungen des Inflationsziels später aufholen sollte.

Hinsichtlich der Rolle der EZB im Kampf gegen den Klimawandel hat Notenbankchefin Lagarde seit ihrem Amtsantritt hohe Erwartungen geweckt. Einig sind sich die meisten Notenbanker darin, dass die Bankenaufsicht stärker Klimarisiken berücksichtigen sollte. Auch bei der Frage, welche Wertpapiere die Notenbank als Sicherheiten für ihre Refinanzierungsgeschäfte akzeptiert, könnte dies eine Rolle spielen.

Besonders umstritten dagegen ist, ob Klimakriterien auch bei den Anleihekäufen eine Rolle spielen sollten. Die EZB kauft vor allem Staatsanleihen, aber in geringerem Umfang auch Unternehmensanleihen. Vor allem hier wäre dies relevant.