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Was die einzige ausländische Forscherin im Wuhan-Labor berichtet

·Lesedauer: 7 Min.
Danielle Anderson arbeitete im Hochsicherheitslabor in Wuhan, als einzige Ausländerin.
Danielle Anderson arbeitete im Hochsicherheitslabor in Wuhan, als einzige Ausländerin.

(Bloomberg) — Danielle Anderson arbeitete in dem mittlerweile berüchtigtsten Labor der Welt - in Wuhan, China, und zwar nur wenige Wochen, bevor die ersten bekannten Fälle von Covid-19 in China auftraten.

Die Expertin für Fledermausviren ist die einzige ausländische Wissenschaftlerin, die im BSL-4-Labor des Wuhan Institute of Virology geforscht hat, dem ersten auf dem chinesischen Festland, das für den Umgang mit den tödlichsten Krankheitserregern unseres Planeten ausgestattet ist. Ihr letzter Einsatz dort endete im November 2019. Damit hat sie ganz besondere Einblicke in den Ort, der zu einem Brennpunkt wurde auf der Suche nach der Ursache der schlimmste globalen Pandemie seit einem Jahrhundert.

Das Auftauchen des Coronavirus in eben jener Stadt, in der Wissenschaftler genau diese Viren untersuchen, hat Spekulationen genährt, sie könnten möglicherweise über einen infizierten Mitarbeiter oder ein kontaminiertes Objekt aus dem Labor entkommen sein. Chinas Verschlossenheit bei dem Thema seit den ersten Tagen des Ausbruchs hat entsprechende Mutmaßungen geschürt, besonders in den USA. Das hat die Suche nach den Ursprüngen - entscheidend für die Verhinderung der nächsten Pandemie - zu einem geopolitischen Minenfeld gemacht.

Die Arbeit des Labors und der Abteilung für neue Infektionskrankheiten - mit ihrer Direktorin Shi Zhengli, einer langjährigen Kollegin Andersons - ist jetzt umstritten. Die USA haben die Sicherheit des Labors in Frage gestellt und den Wissenschaftlern vorgeworfen, sich an umstrittener Forschung beteiligt zu haben, bei denen Viren manipuliert worden seien.

“Was die Leute sagen, stimmt einfach nicht"

Anderson beschreibt ihre eigenen Erfahrungen in einem Interview mit Bloomberg News - und zwar ganz anders. Sie spricht das erste mal über Details ihrer Arbeit in dem Labor.

Halbwahrheiten und verzerrte Informationen hätten eine genaue Darstellung der Aktivitäten des Labors erschwert, sagte sie, dabei sei es dort viel routinemäßiger zugegangen, als in den Medien dargestellt.

„Es war nicht langweilig dort, aber es war ein ganz normales Labor, das genau so funktionierte, wie jedes andere Hochsicherheitslabor auch“, sagte Anderson. “Was die Leute sagen, stimmt einfach nicht.”

Anderson arbeitet mittlerweile am Peter Doherty Institute for Infection and Immunity in Melbourne. Sie begann 2016, mit Forschern in Wuhan zusammenzuarbeiten. Ihre Forschung konzentriert sich darauf, warum für den Menschen tödliche Viren wie Ebola und Nipah bei den Fledermäusen, in denen sie vorkommen, keine Krankheiten auslösen.

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Mit 42 ist Anderson ein aufstrebender Star in der Virologie. Ihre Arbeit an Ebola in Wuhan sei die Verwirklichung eines lebenslangen Karriereziels gewesen. Andersons hat nach ihrem Bachelor in Australien als Labortechnikerin in Boston gearbeitet und kehrte dann nach Australien zurück, um unter der Leitung der renommierten Virologen John Mackenzie und Linfa Wang zu promovieren. Danach arbeitete sie in Montreal, bevor sie nach Singapur zog.

Wang bezeichnete sowohl Anderson als auch Shi als “geradeheraus mit hohen moralischen Standards”. Er sei “sehr stolz auf das, was Danielle erreicht hat.”

Anderson war vor Ort in Wuhan zu der Zeit, als sich das Virus, inzwischen bekannt als SARS-CoV-2, nach Einschätzung von Experten auszubreiten begann. Durch tägliche Besuche hatte sie engen Kontakt mit vielen anderen, die an dem 65 Jahre alten Forschungszentrum arbeiteten.

Einzige Ausländerin im Hochsicherheitslabor von Wuhan

Sie war Teil einer Gruppe, die sich jeden Morgen an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften traf, um den Bus zu nehmen, der sie zum gut 30 Kilometer entfernten Institut brachte. Als einzige Ausländerin stach Anderson heraus. Die anderen Forscher dort hätten auf sie geachtet.

„Wir gingen zusammen essen, wir sahen uns auch außerhalb des Labors“, sagte sie.

Von ihrem ersten Besuch an war Anderson von dem Labor beeindruckt. Das Betongebäude im Bunkerstil hat die höchste Biosicherheitskennzeichnung. Luft, Wasser und Abfall werden gefiltert und sterilisiert, bevor sie die Anlage verlassen. Es gab strenge Protokolle und Anforderungen, um Krankheitserreger in Schach zu halten, sagte Anderson.

Die Forscher durchliefen eine 45-stündige Ausbildung, um für die selbstständige Arbeit im Labor zertifiziert zu werden, und mussten ihre entsprechenden Kenntnisse wie etwa den Umgang mit Luftdruckanzügen nachweisen. “Es war sehr, sehr umfangreich”, sagte Anderson über die Schulungen.

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Das Betreten und Verlassen der Einrichtung sei ein Unterfangen mit genau festgelegtem Ablauf gewesen, sagte sie. Beim Verlassen der Anlage seien sowohl chemische Duschen als auch solche mit Wasser verpflichtend gewesen - zu genau festgelegten Zeitpunkten.

Solche Regeln sind in allen BSL-4-Labors verpflichtend, obwohl Anderson Unterschiede in ähnlichen Einrichtungen in Europa, Singapur und Australien, in denen sie gearbeitet hat, kennt. Das Labor in Wuhan verwendet eine maßgeschneiderte Methode zur Herstellung seiner Desinfektionsmittel, ein System so gut, dass Anderson es in ihrem eigenen Labor eingeführt hat. Sie war über Kopfhörer mit Kollegen in der Kommandozentrale verbunden – Maßnahmen, die sicherstellen sollten, dass alles sicher ablief.

Chinas Verhalten warf Fragen auf

Die Fokussierung der Trump-Administration letztes Jahr auf die These, dass das Virus aus Wuhan entkommen sein könnte, legte hingegen nahe, dass irgendetwas dort mächtig schief gegangen sein musste.

Virologen und Experten hielten diese Theorie zunächst für wenig glaubwürdig. Es gab keine eindeutigen Beweise, dass SARS-CoV-2 manipuliert worden war oder dass das Labor Vorläuferstämme des Pandemievirus beherbergte. Politische Beobachter vermuteten, dass die Vorwürfe Druck auf Peking ausüben sollten.

Dennoch warf Chinas Verhalten Fragen auf. Die Regierung weigerte sich Anfang 2020, internationale Wissenschaftler nach Wuhan zu lassen. Peking mauerte und ließ mehr als ein Jahr lang auch keine Experten der WHO nach Wuhan. Selbst später gewährte man nur eingeschränkten Zugang. Der Bericht des WHO-Teams spielte die Möglichkeit eines Laborlecks herunter. Stattdessen hieß es, das Virus habe sich wahrscheinlich über eine Fledermaus durch ein anderes Tier verbreitet.

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Chinas Verschleierung veranlasste externe Forscher, ihre Haltung zu überdenken. Im vergangenen Monat forderten 18 Wissenschaftler in der Zeitschrift Science eine Untersuchung der Ursprünge von Covid-19, die die Möglichkeit eines Laborunfalls ausgewogen berücksichtigen soll. Der Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus sagte ebenfalls, die Labortheorie sei nicht umfassend genug untersucht worden.

Aber es war US-Präsident Joe Bidens Position zu der Idee - die zuvor meist als Trumpistische Verschwörungstheorie abgetan wurde - die ihr neue Legitimität verlieh. Biden forderte die amerikanischen Geheimdienste im Mai auf, ihre Anstrengungen zu verdoppeln, um den Ursachen auf den Grund zu gehen. Das Wall Streeet Journal hatte zuvor über kranke Institutsmitarbeiter in Wuhan berichtet.

Anderson sagte, dass niemand, den sie am Wuhan-Institut kannte, gegen Ende 2019 krank gewesen sei. Außerdem gebe es Verfahren zur Meldung von Symptomen, die zu den Krankheiten passen, welche die in dem Labor gehandhabten Erreger auslösen.

Anderson überzeugt, dass kein Virus absichtlich hergestellt oder freigesetzt wurde

„Wenn Leute krank waren, nehme ich an, dass ich selbst auch krank gewesen wäre – und das war ich nicht“, sagte sie. “Ich wurde in Singapur auf Corona getestet, bevor ich geimpft wurde, und hatte es nie gehabt.”

Es habe unter den Wissenschaftlern, die gerne tratschen würden und sich austauschten, auch kein entsprechendes Gerede gegeben.

Anderson wollte einen Virus-Ausbruch aus der Anlage nicht ausschließen. SARS, ein früheres Coronavirus, sei einige Male aus gesicherten Einrichtungen ausgebrochen. Höchstwahrscheinlich stamme es jedoch aus einer natürlichen Quelle. Anderson ist überzeugt, dass kein Virus absichtlich hergestellt oder absichtlich freigesetzt wurde.

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Anderson räumte zwar ein, dass es theoretisch möglich wäre, dass ein Labor-Wissenschaftler Viren neue Eigenschaften verleiht, sich unwissentlich infiziert und dann ungewollt andere in der Gemeinschaft ansteckt. Die Wahrscheinlichkeit sei aber äußerst gering, so die Virologin.

Dennoch glaubt Anderson, dass eine Untersuchung notwendig ist, um den Ursprung des Virus ein für alle Mal zu klären.

„Diese Pandemie konnte sich in diesem Ausmaß niemand vorstellen“, sagte sie. “Das Virus war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und alles hat gepasst, um diese Katastrophe auszulösen.”

©2021 Bloomberg L.P.

VIDEO: Wall Street Journal: Stammt das Virus doch aus einem Labor in Wuhan?

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