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Wer ist eigentlich dieser Mike Pence, von dem jetzt alle reden?

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Seit Trumps Coronainfektion zieht Mike Pence die Aufmerksamkeit als möglicher Präsident auf sich, in der Nacht kreuzte er im TV-Duell die Klingen mit Kamala Harris. Wer ist der Vizepräsident außerhalb Trumps Schatten?

US-Vizepräsident Mike Pence ist kein Politiker, der häufig im Mittelpunkt steht. Als Nummer zwei im Weißen Haus hinter dem allgegenwärtigen Donald Trump bleibt dem 61-Jährigen die große Bühne regelmäßig versperrt. Doch seit der Covid-19-Erkrankung des Staatsoberhaupts zieht Pence plötzlich die Aufmerksamkeit auf sich. Mit einem Mal steht die Möglichkeit im Raum, dass der 48. Vizepräsident der Vereinigten Staaten auch der 15. sein könnte, der die Präsidentschaft des Landes übernimmt.

Für Pence wäre es die Erfüllung eines Lebenstraums, der vor wenigen Jahren bereits in weite Ferne gerückt wirkte. Der Republikaner legte zwar früh den Grundstein für seine politische Karriere, bewarb sich bereits 1988 erstmals um einen Sitz im US-Repräsentantenhaus in seinem Heimatstaat Indiana. Nach zwei Niederlagen wandte er sich jedoch zunächst von der Politik ab und arbeitete als konservativer Radio- und Fernsehmoderator. Der evangelikale Christ machte sich in dieser Zeit einen Namen als beinharter Kulturkrieger – als Gegner von Abtreibung und der Gleichstellung sexueller Minderheiten. Gleichzeitig verschrieb er sich der damals gültigen wirtschaftspolitischen Orthodoxie der Republikaner: Für Steuersenkungen, für freien Handel, gegen staatliche Regulierung.

Mit diesem Programm gelang es Pence im Jahr 2000 dann doch noch, in den Kongress einzuziehen. Bis 2013 diente er im Repräsentantenhaus. Zunächst galt er als Querkopf, der sich gegen einige Sozialreformen der Bush-Administration stellte, doch schon bald arbeitete er sich in der Parteihierarchie nach oben. Der Aufstieg der Tea-Party-Bewegung gab auch seiner Karriere einen weiteren Schub. Pence brachte es zum drittmächtigsten Republikaner in der unteren Kongresskammer, doch sein Ehrgeiz wollte mehr. 2012 kandidierte er als Gouverneur von Indiana – ein Karriereschritt, der wohl eine spätere Präsidentschaftsbewerbung vorbereiten sollte.

In Indianapolis gelang es Pence jedoch nicht, sich eine Basis für seine Ambitionen zu schaffen. Wirtschaftspolitisch regierte er wie ein klassischer Republikaner, der öffentliche Ausgaben zusammenstrich und Steuern senkte. Die Effekte waren überschaubar. In Pence‘ Amtszeit entstanden in Indiana prozentual etwas weniger neue Jobs als im nationalen Durchschnitt. Auch das Wachstum hinkte hinterher. 2014 legte die Wirtschaft nur um 0,4 Prozent zu, während die USA insgesamt um 2,2 Prozent wuchsen. Indiana bildete in diesem Jahr das Schlusslicht unter allen 50 Staaten.

Überschattet wurde diese durchwachsene Leistungsbilanz noch von einer weiteren Kontroverse: Dem Streit um den Religious Freedom Restoration Act. Pence unterschrieb das sogenannte Religionsfreiheitsgesetz im März 2015 auch als Signal an seine evangelikale Wählerschaft. Das Gesetz erlaubte es Individuen und Unternehmen, ihre religiösen Überzeugungen als Verteidigung in Gerichtsprozessen vorzubringen. Kritiker befürchteten, das Gesetz könnte es Arbeitgebern ermöglichen, ohne Angst vor Strafe sexuelle Minderheiten zu diskriminieren.

Zahlreiche prominente Manager und Unternehmen protestierten, darunter Apple-Chef Tim Cook und der Autobauer Subaru. Der Technologiekonzern Salesforce.com legte wegen des Gesetzes Expansionspläne in Indiana auf Eis. Pence ruderte schließlich zurück und unterstützte eine Novelle des Gesetzes, die Diskriminierung verhindern sollte. Doch sein Ruf war ruiniert. Als er 2016 zur Wiederwahl antrat, lagen seine Zustimmungswerte im tief roten Indiana nur noch bei rund 40 Prozent. Es galt als sehr wahrscheinlich, dass er die Wahl verlieren würde. Doch dann kam Trump.

Eine besondere Beziehung hatten die beiden Politiker nicht. Pence passte schlicht in Trumps Wahlkampfkalkulation: Ein erfahrener Gouverneur aus dem Mittleren Westen mit Verbindungen zu traditionellen republikanischen Wählergruppen sollte die Partei mit der Übernahme durch den Immobilienunternehmer versöhnen. Für Pence wiederum versprach die Kandidatur als Vize-Präsident eine neue Chance, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren und den Traum vom Weißen Haus am Leben zu erhalten. Da störte es auch nicht, dass die beiden inhaltlich einige Differenzen hatten. Ein Beispiel: Pence hatte sich als überzeugter Freihändler einen Namen gemacht, Trump propagierte seit Jahren Protektionismus.

Seit dem Wahlsieg 2016 ist von solchen Meinungsverschiedenheiten jedoch nichts mehr zu hören. Pence hat sich vollständig der Trump-Agenda und MAGAnomics unterworfen, stützte den Präsidenten in all seinen Vorhaben von Steuersenkungen über Regulierungsabbau bis hin zu den diversen Handelsauseinandersetzungen. Ob seine wirtschaftspolitischen Ansichten sich tatsächlich verändert haben oder ob der im Falle eines Einzugs ins Oval Office wieder klassisch republikanischer Orthodoxie zuwenden würde, lässt sich nicht absehen. Der wahre Pence bleibt damit weiter unsichtbar.

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