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E-Porsche auf Eispiste: Das Rennsport-Comeback des Porsche-Erben

Matthias Wabl

(Bloomberg) -- Es ist ungewöhnlich leise. Nur das kratzende Geräusch der Reifen auf der gefrorenen Strecke ist zu hören, als der 761 PS starke, elektrisch angetriebene Porsche Taycan über die künstlich erzeugte Eispiste rast.

Auf einem Flugplatz im Schatten des Gletschers am Kitzsteinhorn in Salzburg versucht Ferdinand Porsche an diesem Wintertag, scheinbar Unvereinbares miteinander zu versöhnen: den Autorennsport und den Kampf gegen den Klimawandel.

Zum zweiten Mal schon lässt der 26 Jahre alte Sohn des Porsche-Aufsichtsratschefs Wolfgang Porsche die jahrezehntealte Tradition von Autorennen auf dem Eis wiederaufleben. Gemeinsam mit seinem Studienfreund Vinzenz Greger, 30, hat der Sprössling der wohlhabendsten Familie Österreichs das einst legendäre Porsche-Eisrennen als GP Ice Race wiederauferstehen lassen - mit dem Ziel, das schon seine berühmten Vorfahren antrieb: Die besten Autos im schwierigsten Gelände zu steuern und immer weiter zu verbessern.

Der Rummel bei dieser Neuauflage am vergangenen Wochenende war größer als in den Nachkriegsjahren. Und auch ansonsten war nichts mehr so wie damals. Als das Rennen im Jahr 1937 erstmals stattfand, bohrten die Motorräder ihre Spikes noch in das Eis des Zeller Sees - und nicht in eine gefrorene Fläche, die von einem Traktor mithilfe eines Wassertanks auf einer alten Landebahn erzeugt wurde. Damals fror der See noch jedes Jahr zu. Jetzt geschieht dies nur noch alle paar Jahre, zuletzt im Februar 2017.

Es ist Rennsport in Zeiten des Klimawandels – und die Organisatoren versuchen vieles, um das Rennen an die Ansprüche der Generation Greta anzupassen. Sie gleichen erstmals die CO2-Emissionen von rund 144 Tonnen durch grüne Aktivitäten aus. Außerdem sollen Transport- und Abfallsysteme sicherstellen, dass das Rennen umweltschonend stattfinden kann.

Wie sich der Porsche-Konzern die Zukunft vorstellt, sieht man an den Autos, die der Autobauer mitgebracht hat: Den Audi Formel E Rennwagen, den vollelektronischen Volkswagen ID. R, den Golf eR1 und eben den neuen Taycan S. Und auch wenn Ferdinand den Taycan nicht selbst fährt, der Super-Bolide bleibt der Star der Veranstaltung - bei der er den 23ten Platz hinter einem Audi und einem Subaru belegte.

“Wir lieben einfach Autorennen, dieser Adrenalin-Schub, die völlige Konzentration auf die Strecke, man denkt sonst nichts mehr”, sagt der großgewachsene Blondschopf, während er neben der Piste steht. “Ich weiß, es ist ein bisschen verrückt, ein Autorennen wiederzubeleben in Zeiten des Klimawandels, aber wir wollen den Motorsport ins 21. Jahrhundert bringen -- alte Klassiker neben neuen Modellen mit wenig oder null Emissionen.”

Eigentlich wollte der Porsche-Spross nach einem Architekturstudium in Wien Häuser bauen. Doch stattdessen sorgt er jetzt dafür, dass Zell am See zum neuen Winter-Mekka des Rennsports wird. Nach der erfolgreichen Premiere im vergangenen Jahr strömten am Wochenende rund 16.000 Zuschauer auf den alten Flughafen um Weltklassefahrer wie Rene Rast oder Daniel Abt über das Eis fegen zu sehen. Marcel Hirscher raste mit einem Audi e-tron über die Strecke, während sich Aksel Lund Svindal auf Ski ziehen ließ.

“Rennfahren ist pure Emotion, und wird es immer bleiben, egal ob mit Elektroantrieb oder mit Benzin”, sagt Bastian Nusser, ein 22-jähriger Techniker aus Althofen in Kärnten, der extra für den Renntag mit vier Freunden im Audi A4 quattro angereist ist und verzückt um den ID. R Rennwagen kreist. “Es ist einfach unglaublich, all diese Autos an einem Ort zu sehen.”

Nusser und seine Freunde machen all das, was zu einem familiären Autorennen gehört, bei dem Zuschauer und Fahrer noch nicht durch dicke Zäune getrennt sind: Im Fahrerlager nachfragen, Radaufhängungen inspizieren, und dann bei Burger und einem Bier schallende Musik von Queen oder den Jonas Brothers zu hören.

Passend zu den Autos für die Millenials gibt es inzwischen auch vegane Bio-Burger für 9,90 Euro oder Dinkel-Sesam-Gebäck. Ferdinand und sein Freund Vinzenz wollen, dass es Bier aus Flaschen gibt statt Champagner-Gläser, und zum Aufwärmen gibt es Lodenjacken und Surfer-Pullover mit Ice-Race Logo statt Pelzmäntel wie im benachbarten Kitzbühel.

Statt DJ Ötzi oder Rapper Sido spielen vier Volksmusiker lokale Tanzlieder, und am Abend bei der Siegerehrung gibt es keinen Scheck oder Pokal aus Gold, sondern eine Kuhglocke von der Porsche-Alm und eine Magnum-Flasche Bier aus einer kleinen Brauerei.

“Tagsüber gibt es das Rennen und am Abend eine gute Party”, sagt Porsche im hellblauen Overall und in rustikalen gelben Bergschuhen. Samstag nacht hat er um zehn nach eins das Licht ausgedreht, “weil ja noch alle frisch sein müssen für den Sonntag”.

Tageskarten kosteten 25 Euro, während die Wochenendkarte für 40 Euro zu haben war. Die Preisgestaltung soll sicherstellen, dass das Rennen für alle erschwinglich bleibt.

Das Auftreten des jungen Porsche ist ein Zeichen dafür, dass sich die Familie an ihrem Stammsitz wohl fühlt. Die Porsches kamen 1941 nach Zell am See, als Ferry Porsche das bäuerliche Anwesen “Schüttgut“ erstand, um seine Familie vor den Kriegswirren so gut wie möglich in Sicherheit zu bringen.

Bis heute verbringt der 76-jährige Wolfgang den Großteil seiner Freizeit dort und mischt sich immer wieder unter die Leute, sei es beim jährlichen Almabtrieb oder eben jetzt beim Rennen.

Wolfgang Porsche spaziert im blauen Parka und mit weißer “Carrera-Kappe” locker mit seiner Frau Claudia durchs Gelände, plaudert mit Besuchern, schaut sich Autos an. “In meinen jungen Jahren war ich oft in Le Mans und habe versucht, die ganzen 24 Stunden wachzubleiben um möglichst viel von den Fahrern und Ingenieuren mitzukriegen”, sagt Porsche in der Gäste-Lounge, wo es Gulasch und Kaiserschmarrn gibt. “Rennfahren heißt Schweiß, Teamarbeit, lange Nächte, Rückschläge und gemeinsame Erfolge”, sagt er. Das Unternehmen habe durch den Rennsport so viel für alle anderen Modelle gelernt, dass er “das Herz von Porsche bleibt”.

Erfolge im Motorsport haben das Markenimage von Porsche über fünf Jahrzehnte maßgeblich mit geprägt und auch neue Modelle wie der elektrische Taycan werden auf der Rennstrecke getestet. Das vergangene Jahr war eines der erfolgreichsten der Marke bisher mit Autos wie dem 911 RSR und dem 911 GT3. Nach drei Siegen beim Langstreckenrennen in Le Mans hat Porsche sich allerdings vor drei Jahren aus der sogenannten LMP1-Serie zurückgezogen und tritt stattdessen in der elektrischen Formel E an.Seinen Sohn Ferdinand unterstützt er bei seinem Projekt, sagte Porsche, obwohl “natürlich alle gesagt haben, das geht nicht, aber schon mein Vater hat nach dem Krieg Sportwagen gebaut, als alle gesagt haben, es braucht jetzt mehr Fahrräder”.

Porsche steigt auf die Aussichtsterrasse und sieht die Autos mit bis zu 140 km/h vorbeiziehen, laut und schnell, während der Schnee durch das Driften in die keine zwei Meter entfernten Zuschauer geschleudert wird.

“Es gibt nur einen Grund, warum man Rennen fährt”, sagt Hans-Joachim “Strietzel” Stuck, der zweimalige Sieger des 24-Stunden Rennens von Le Mans. “Ich will dem Auto meinen Willen aufzwingen und es umgekehrt nicht zulassen. Das ist tief drinnen im Menschen, und auf Eis fahren ist das Schwierigste das es gibt, weil du nie weißt was kommt: Schnee, Eis oder Matsch, da musst du wach sein.”

--Mit Hilfe von Christoph Rauwald und Rita Hagedorn.

Kontakt Reporter: Matthias Wabl in Vienna mwabl@bloomberg.net

Kontakt verantwortlicher Editor: Daniel Schaefer dschaefer36@bloomberg.net, Alexander Kell, Katrin Haertel

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