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Donald Trumps Twitter-Account nach Umfrage freigeschaltet: Elon Musk traut sich, wovor andere Tech-CEOs Angst haben

„Volkes Stimme ist Gottes Stimme“: Elon Musk bringt nach einer Umfrage das Twitter-Profil von Donald Trump zurück. - Copyright: Picture Alliance/dpa
„Volkes Stimme ist Gottes Stimme“: Elon Musk bringt nach einer Umfrage das Twitter-Profil von Donald Trump zurück. - Copyright: Picture Alliance/dpa

Dieser Artikel ist die Meinung des Autors und vermittelt seine Sicht. Hier findet ihr andere Informationen zum Thema.

Nun ist Donald Trump also tatsächlich zurück: Am vergangenen Dienstag kündigte der ehemalige US-Staatschef seine Präsidentschaftskandidatur für 2024 an, seit Sonntag darf der 76-Jährige auch wieder twittern.

Elon Musk, neuer Besitzer der Online-Plattform, hatte die Twitter-Nutzer am Wochenende darüber abstimmen lassen, ob der gesperrte Trump-Account wiederhergestellt werden solle. „Vox populi, vox dei“ (Volkes Stimme (ist) Gottes Stimme), schrieb Musk gewohnt diskussionsfreudig unter die Umfrage. Bis Sonntag sprach sich eine knappe Mehrheit von 51,8 Prozent dafür aus, das Konto wieder zu aktivieren. Repräsentativ war all das nicht: An der auf 24 Stunden angesetzten Umfrage nahmen rund 15 Millionen Nutzer teil, während Twitter auf mehr als 230 Millionen täglich aktive Nutzerinnen und Nutzer kommt. Nur wenige Minuten nach dem Ende der Abstimmung schaltete der US-Konzern das Profil frei.

Kurzer Rückblick: Trump war bei Twitter – und anderen Online-Plattformen – gesperrt worden, nachdem er Sympathie für seine gewalttätigen Anhänger bekundet hatte, die am 6. Januar gewaltsam das Kapitol in der Hauptstadt Washington, D.C. gestürmt hatten. Zuvor hatte der Republikaner seine Social-Media-Kanäle für seine Lüge genutzt, ihm sei der Sieg gegen seinen demokratischen Rivalen Joe Biden bei der Präsidentenwahl 2020 durch Betrug gestohlen worden. Die Plattformbetreiber befürchteten damals, dass Trumps Beiträge zu weiterer Gewalt führen könnten und sperrten ihn.

Nun revidiert Musk diese Entscheidung – und sorgt für große Aufregung. „Die Aussicht auf einen wieder twitternden Trump alarmiert viele Desinformationsexperten“, analysiert Meike Laaff bei „Zeit Online“. In der „New York Times“ befürchtet die Politik- und Medienexpertin Joan Donovan eine „Brutstätte des Hasses“. Im österreichischen „Standard“ kommentiert US-Korrespondent Karl Doemens: „Die Wiederherstellung des Accounts sendet eine verheerende Botschaft aus: Lügen, Hetze, Beleidigungen und Hass sind bei Twitter willkommen. Der Kurznachrichtendienst wird zur Kloake.“

Muss so viel Fatalismus wirklich sein? Nein. Sind Zweifel an Musks Vorgehen erlaubt? Ja.

Der Multimilliardär kämpft nach der 44 Milliarden US-Dollar teuren Übernahme darum, den Tech-Konzern als weltweite Diskussionsplattform und als weiterhin attraktives Werbeumfeld zu etablieren. Der „free speech absolutist“ hatte seinen Kauf auch damit begründet, dass Twitter zu viel sperre und lösche, eine freie Meinungsäußerung sei so nicht mehr möglich. Diese sei für eine „funktionierende Demokratie“ aber notwendig. Schon vor Wochen hatte Musk die Sperrung Trumps als Beispiel für die aus seiner Sicht fehlgeleitete Konzernstrategie bezeichnet. So weit, so wenig überraschend. Vor drei Wochen hatte der Unternehmer allerdings angekündigt, dass vor der Reaktivierung bedeutender Accounts ein Rat zum Umgang mit kontroversen Inhalten gebildet werden solle. Dies scheint nun hinfällig.

Eine verwaiste Plattform bringt Elon Musk nichts

Dabei wäre ein solcher Schritt so wichtig gewesen, um das bei vielen Nutzerinnen und Nutzern verloren gegangene Vertrauen wieder herzustellen. Musk machte zuletzt klar, dass er und nur er bei Twitter das Sagen hat. Doch die Entscheidungen, der traf, haben ihn als erratischen, chaotischen und wenig ernstzunehmenden CEO erscheinen lassen. Dass er sich zuletzt zu politischen Positionen der republikanischen Partei bekannte, wirkt vor diesem Hintergrund mehr als unglücklich.

Trotzdem weiß Musk, wie das Geschäft läuft, und er ist sich bewusst, dass ihm eine toxische oder verwaiste Plattform weder Geld einbringt noch Freude macht.

Was also sollte er jetzt tun? Der Interims-CEO sollte klarmachen, dass er zwei Hauptziele verfolgt. Erstens: Er bekämpft Hatespeech und Falschinformationen mit allen Mitteln. Twitter ist ein datengetriebener Tech-Konzern, der das Potenzial hat, verlässliche Lösungen für einen fairen Umgang anzubieten und zu verankern. Nur so lässt sich auch Ziel Nummer zwei erreichen: ein wahrhaftig-demokratischer Diskurs. Twitter ist vor allem eine Plattform für Meinungsmacher, Multiplikatoren und Talking Heads. Sie haben die Stimmung geprägt, sie haben die Richtung der meisten Debatten vorgegeben.

Das muss nicht so bleiben – und das Schöne ist: Musk scheint es zu wissen. Nicht umsonst ließ er die Twitter-Nutzerinnen und Nutzer über die Zukunft von Trumps Account abstimmen. Ist ein ähnlich radikales Vorgehen bei Meta-Boss Mark Zuckerberg vorstellbar? Bei Amazon-Gründer Jeff Bezos? Oder bei Apple-Chef Tim Cook? Wohl eher nicht.

Es liegt also an allen, die Twitter nutzen, für einen fairen und respektvollen Umgang auf der Plattform zu sorgen. Jede und jeder kann sich dafür einsetzen. Jede und jeder kann dafür kämpfen. Jede und jeder kann dafür sorgen, dass die Plattform nicht den Trollen, den Bots und den Hatern in die Hände fällt.

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