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Diese vier Baustellen warten auf den künftigen Conti-Chef

·Lesedauer: 6 Min.

Elmar Degenhart kann den großen Umbau des Autozulieferers nicht zu Ende bringen. Auf seinen Nachfolger warten gleich mehrere schwierige Aufgaben.

Der scheidende Konzernchef Elmar Degenhart zieht sich krankheitsbedingt zurück. Den von ihm eingeleiteten Konzernumbau kann er nicht beenden. Foto: dpa
Der scheidende Konzernchef Elmar Degenhart zieht sich krankheitsbedingt zurück. Den von ihm eingeleiteten Konzernumbau kann er nicht beenden. Foto: dpa

Der Rückzug von Elmar Degenhart als Vorstandsvorsitzender von Continental trifft den Konzern zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Der Zulieferer befindet sich durch den Strukturwandel in der Autoindustrie mitten in einem langjährig angelegten Konzernumbau. Die Coronakrise erschwert diesen zusätzlich. In den vergangenen Monaten nahm die Kritik an Degenharts Kurs zu. Auch aus Aufsichtsratskreisen hieß es zuletzt, dass der Konzern „strategiebefreit“ sei.

In Managementkreisen wurde daher zuletzt bezweifelt, dass Degenhart seinen Vertrag bis 2024 erfüllen würde. Es galt als sicher, dass der 61-Jährige die Restrukturierung des Konzerns noch zu Ende bringen und dann spätestens 2022 den Staffelstab an den potenziellen Nachfolger Nikolai Setzer übergeben würde. Degenharts Krankheit beschleunigt diesen Übergabeprozess.

Der Rücktritt kommt überraschend. Bislang hatte sich Degenhart von Krankheiten nicht von seiner Arbeit abhalten lassen. Unternehmenskreisen deuten jedoch an, dass die gesundheitlichen Probleme gravierend sein könnten. So habe sich Degenhart vor Kurzem bei einem sehr wichtigen Termin mit einem hochrangigen Kunden von Setzer vertreten lassen – zur Verwunderung des Kunden und von Managern bei Conti.

Bosch-Chef Volkmar Denner schickte Degenhart Genesungswünsche. „Ich kenne Elmar Degenhart auch aus den Gremien beim VDA sehr gut und schätze ihn als Mensch und kompetenten Kollegen. Ich wünsche ihm persönlich und gesundheitlich alles Gute“, sagte Denner dem Handelsblatt.

Nachfolgekandidat Setzer ist ein Conti-Eigengewächs. Der 49-Jährige ist seit 1997 im Konzern. Setzer konnte vor allem als Chef der Reifensparte überzeugen. Seit der Sanierung des Reifengeschäfts wirft die Sparte kontinuierlich zweistellige Gewinnmargen ab und rettet regelmäßig Contis Jahresergebnis.

Auch die Betriebsratsseite würde Setzer als Nachfolger begrüßen. Vor allem Personen, die ihn in Zeiten als Reifenchef kennen gelernt hatten, schätzen ihn. Er sei ein guter Kommunikator. Er könne Leute überzeugen und mitreißen, ohne nur heiße Luft zu verbreiten. Was er sagt, habe Substanz. Im Gegensatz zu Degenhart ist Setzer charismatischer und offensiver. Offenbar genau das, was im Aufsichtsrat in der aktuellen Situation gewünscht ist.

Dass die gesundheitlichen Probleme Degenhart nun zu einem vorzeitigen Rückzug zwingen, macht Setzers Berufung noch wahrscheinlicher. Denn in der aktuellen Lage, also mitten in der Transformation, ist eine externe Lösung unwahrscheinlich. Darüber abgestimmt werden dürfte bereits auf der nächsten regulären Aufsichtsratssitzung am 12. November, wie Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle im Gespräch mit dem Handelsblatt ankündigt.

Auf Degenharts Nachfolger warten diese Aufgaben:

Baustelle 1: Abspaltung von Vitesco Technologies

Die Abspaltung der Antriebssparte Vitesco ist ein zentrales Element der Umbaupläne von Continental. Ursprünglich war für Vitesco ein Teilbörsengang Mitte 2019 vorgesehen, bei dem der Emissionserlös im Unternehmen verblieben wäre. Wegen des schwachen Marktumfelds wurde dieser Plan verworfen. Stattdessen sollte Vitesco komplett abgespalten und anschließend Ende 2020 an die Börse gebracht werden. Doch wegen der Coronakrise wurde auch dieses Szenario nicht umgesetzt.

Das Problem: Der Wandel vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität verschlingt eine Menge Kapital. Allein für die Elektrifizierung des Produktportfolios hat Conti in den vergangenen Jahren über zwei Milliarden Euro ausgegeben. Auf der anderen Seite wirft Vitesco, trotz hervorragender Auftragslage im Bereich der Elektromobilität, so gut wie keinen Gewinn ab – und zwar seit Jahren.

In Aufsichtsratskreisen heißt es daher, dass Vitesco wahrscheinlich insolvent wäre, würde der ursprüngliche Börsenplan umgesetzt werden. Wann der Spin-off von Vitesco stattfinden soll, ist derzeit unklar. Hier muss Degenharts Nachfolger einen klaren Fahrplan präsentieren.

Baustelle 2: Sanierung von Automotive Technologies

Vitesco unter dem Dach von Continental bindet große Mengen Kapital. Das jedoch will das Management eigentlich in das sanierungsbedürftige Kerngeschäft mit Fahrzeugkomponenten und Software sowie Fahrerassistenzsystemen investieren.

Im Zuge des Konzernumbaus wurde daher Anfang April 2019 das sogenannte Automotive Board gegründet, das die Transformation des Kerngeschäfts vorantreiben sollte. Sprecher des Boards ist Nikolai Setzer, der zeitgleich auch in den Conti-Vorstand berufen wurde.

Im Gremium sitzen neben Setzer unter anderem auch der Leiter der Geschäftseinheit Autonomous Mobility Solution (AMS), Frank Jourdan, der Leiter der Geschäftseinheit Vehicle Networking and Information (VNI), Helmut Matschi, sowie Technikchef Dirk Abendroth.

Bislang halten sich die Erfolge des Automotive-Geschäfts aber in Grenzen. Seit Jahren lassen die Gewinnmargen zu wünschen übrig. Laut vorläufigen Zahlen für das dritte Quartal lag die operative Ebit-Marge bei gerade einmal 2,4 Prozent. Zum Vergleich: Das Reifen- und Industriegeschäft (Rubber Technologies) kam im selben Zeitraum auf eine Ebit-Marge von rund 15 Prozent.

Aus Konzernkreisen heißt es, dass auch interne Querelen zwischen Jourdan und Matschi einer schnellen Restrukturierung der Automotive-Einheit im Weg stehen. „Die beiden belauern sich seit Jahren“, heißt es aus informierten Kreisen.

Im Automotive Board ist Setzer auf Augenhöhe mit den beiden langjährigen Conti-Managern. In der jetzigen Funktion muss der 49-Jährige die Interessen der beiden ausbalancieren.

Als Vorstandsvorsitzender kann Setzer besser durchgreifen. Und der Auftrag vom Aufsichtsrat ist klar: Er soll die Konzernstrukturen verschlanken. Ob mit Nikolai Setzer als Conti-Chef sowohl Jourdan als auch Matschi im Konzern verbleiben, ist ungewiss. Denn mit Dirk Abendroth ist ein fähiger Manager mit internationaler Erfahrung im Konzern, der die Aufgaben beider Manager übernehmen könnte.

Baustelle 3: Vereinfachung der Konzernstruktur und größerer Fokus auf Software

CTO Dirk Abendroth ist für die digitale Transformation des Zulieferers zuständig – neben der Abspaltung von Vitesco eine Kernaufgabe im Konzern. Vom Geschäft mit Fahrerassistenzsystemen und mit Softwareprodukten verspricht sich Continental hohe Wertschöpfungspotenziale.

Mittels des sogenannten „Holistic Engineering“ versucht Abendroth, die einzelnen Geschäftssparten von Conti bei der Entwicklung von neuen Software-Produkten über einen ganzheitlichen Ansatz zu steuern. Produktdesign ist hier das Stichwort. Vorher hatten einzelne Abteilungen an einzelnen Lösungen gearbeitet. Jetzt sollen alle Abteilungen zusammen an gemeinsamen Lösungen arbeiten.

Um diesen Umbau stemmen zu können, muss Abendroth die Aufteilung der insgesamt 49.000 Entwickler bei Conti – von denen etwa 19.000 aus dem Software-Bereich kommen – verändern. Die besten Entwickler der jeweiligen Abteilungen der Sparten AMS und VNI werden aus ihren Teams herausgezogen, damit sie die Zeit nutzen können, um an neuen Produkten zu tüfteln. Die Teams, denen die Entwickler entzogen werden, müssen das Fehlen der Experten aus eigenen Mitteln kompensieren. Das birgt Konfliktpotenzial, das Abendroth managen muss.

Baustelle 4: Sparprogramm

Das verschärfte Sparprogramm hat bundesweit die Mitarbeiter auf die Straße getrieben. Die Gewerkschaften IG Metall und IG BCE haben Proteste gegen den drohenden Personalabbau organisiert. Die Situation eskalierte, als Mitarbeiter des Reifenwerkes in Aachen per Aushang über die Schließung ihres Werkes bis Ende 2021 informiert wurden. Auch die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen um Ministerpräsident Armin Laschet wurden nicht vorab in die Pläne eingeweiht.

Laschet bezichtigte das Conti-Management des „kalten Kapitalismus“. Auch Arbeitsminister Hubertus Heil missfiel das Vorgehen den Vorstands. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil schloss sich der Kritik am Konzern an. Degenhart musste im Anschluss Schadensbegrenzung betreiben. Er rief persönlich zwei Mal bei Laschet an, um sich für die missglückte Kommunikation im Fall Aachen zu entschuldigen.

Für Degenharts Nachfolger wird es darauf ankommen, zum einem den Gesprächsfaden mit der Politik wieder aufzunehmen. Zum anderen muss er den aufgebrachten Mitarbeitern Perspektiven aufzeigen. Weder bei Konkurrent Bosch noch bei ZF Friedrichshafen ist die Situation derart aus dem Ruder gelaufen – und das obwohl zumindest bei ZF die Sparmaßnahmen ähnlich hart sind.

Mitarbeit: Martin Buchenau