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Deutsche Wohnen verspricht Aktionären nach Dax-Aufstieg weiteres Wachstum

Der Immobilienkonzern ist gerade in den Leitindex Dax aufgestiegen. Auf der Hauptversammlung zeigt sich der Dax-Neuling selbstbewusst gegenüber Konkurrent Vonovia.

Viel wurde in den vergangenen Wochen über einen neuen Übernahmeversuch der Vonovia bei Deutsche Wohnen spekuliert. Nun hat der Chef von Deutsche Wohnen, Michael Zahn, eine selbstbewusste Kampfansage gemacht: „Größe bedeutet nicht automatisch Effizienz“, sagt Zahn. Stattdessen sei ein Fokus des Portfolios entscheidend. „Ich denke, dass wir als eigenständiges Unternehmen erfolgreich sind. Die jüngsten Ereignisse bestätigen uns darin“, betont Zahn.

Am Donnerstag wurde bekannt, dass der Wohnungskonzern, der bislang im MDax notiert, in den Dax-30 aufsteigt. Damit rücken die Berliner in die oberste deutsche Börsenliga auf, wo Vonovia seit knapp fünf Jahren gelistet wird. Die Umstellung wird zum 22. Juni wirksam. Die Aktie von Deutsche Wohnen kletterte am Freitag zwischenzeitlich um rund zwei Prozent auf knapp 43 Euro, beendete den Tag aber in der Verlustzone.

Dass nun beide Unternehmen im Dax notieren, macht eine mögliche Übernahme oder Fusion nicht unbedingt einfacher. Der Aufstieg allein habe zwar keine unmittelbaren Auswirkungen. „Sollte der Aktienkurs aber deutlicher steigen, wird eine Übernahme durch Vonovia aber weniger attraktiv, weil sie teurer wird“, sagt Helmut Kurz, Leiter Immobilienaktien bei der Privatbank Ellwanger & Geiger.

Zahn betont außerdem, dass es keine Gespräche über eine Übernahme oder Fusion mit Vonovia gegeben habe. Vonovia hat seine Avancen zwar nie bestätigt, aber auch nie ganz dementiert. Akquisitionen seien integraler Bestandteil der Firmenstrategie und würden fortlaufend geprüft, so das Credo des Branchenprimus in Deutschland.

Vonovia ist mit 400.000 Wohnungen im Bestand der größte Wohnimmobilienkonzern in Deutschland. Rund 360.000 dieser Wohnungen befinden sich in Deutschland. Deutsche Wohnen besitzt 160.000 Wohnungen. 70 Prozent davon liegen in Berlin.

Mit dem Aufstieg des Unternehmens in die erste deutsche Börsenliga zieht erstmals seit vielen Jahren auch wieder ein Konzern in den Kreis der 30 wichtigsten deutschen Unternehmen ein, der seinen Sitz in Berlin hat. „Wir sehen den Sprung in den Dax als große Verantwortung und Ansporn zugleich, unsere Wachstumsstrategie auch in Zukunft fortzusetzen. Wir werden uns weiterhin gegenüber unseren Marktteilnehmern behaupten. Auch in turbulenten Zeiten, wie in der Corona-Pandemie“, sagt Zahn.

Der Deutsche Mieterbund sieht die Entwicklung skeptisch. Er befürchtet, dass mit der größeren Aufmerksamkeit internationaler Investoren auch der Druck zu Mieterhöhungen steigere. „Die Befürchtungen des Deutschen Mieterbundes sind gänzlich unbegründet“, entgegnet Buch auf der Hauptversammlung.

Corona-Hilfsfonds

Im Zuge der Coronapandemie hat das Unternehmen einen Hilfsfonds für seine Mieter mit einem Volumen von 30 Millionen Euro angekündigt. Bislang ist Deutsche Wohnen aber kaum von der Pandemie betroffen. Nur 1.400 Anfragen besorgter Mieter gebe es bislang. Von den Gewerbemietern habe rund jeder zehnte angefragt. Signifikante Mietausfälle verzeichne das Unternehmen bislang nicht, sagt Zahn.

Um den Hilfsfonds zu finanzieren, will der Konzern die Ausschüttungsquote des Gewinns von 65 auf 60 Prozent der Funds From Operations I (FFO I) reduzieren. Die Dividende steige dennoch von 87 auf 90 Cent je Aktie. Die FFO I sind die in der Branche maßgeblichen Ertragskennziffer. Im vergangenen Jahr kletterte der Gewinn um zwölf Prozent auf 538 Millionen Euro.

Aufgrund des Mietendeckels rechnet der Konzern in diesem Jahr aber nicht mit einem weiteren Wachstum. Der Ertrag wird laut Prognose ungefähr auf Vorjahresniveau liegen. Das Unternehmen rechnet in diesem Jahr mit Mietausfällen von neun Millionen Euro durch das Gesetz, im nächsten Jahr sind es 30 Millionen Euro. Die gesamten Mieteinnahmen beliefen sich im Vorjahr auf 862 Millionen Euro.

Deutsche Wohnen hält den Mietendeckel für verfassungswidrig. Nach einer Normenkontrollklage von CDU- und FDP-Politikern des Bundestags wird sich nun das Bundesverfassungsgericht mit der Rechtmäßigkeit des Berliner Mietendeckels beschäftigen.

In den vergangenen Jahren wurden die Deutsche Wohnen-Chefs und ihre Investoren auf Hauptversammlungen regelmäßig von Protesten empfangen. Sie werfen dem Konzern üppige Gewinne auf Kosten der Mieter vor. In diesem Jahr blieben die Aktionäre und das Unternehmen davon unbehelligt: Die Hauptversammlung fand wegen der Corona-Pandemie ausschließlich virtuell statt. Sie wurde aus der Firmenzentrale in Berlin übertragen.

Bürgerinitiative fordert weiterhin Enteignung

Kritischen Mieterfragen mussten sich die Vorstände dennoch stellen. Sie konnte vor der Versammlung online gestellt werden. Neben dem Mietendeckel wird der Konzern nach wie von einer Bürgerbewegung konfrontiert, die die Enteignung von Deutsche Wohnen und Immobilienunternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen fordern.

Die Bürgerinitiative hatte im vergangenen Jahr mehr als 70.000 Unterschriften gesammelt. Weil sich die Initiative hingehalten fühlt, klagt sie nun vor dem Berliner Verwaltungsgericht gegen den Senat, um ihre Forderung nach einem Volksbegehren durchzusetzen.

Darauf angesprochen, antwortet Zahn, dass Volksbegehren ein Bestandteil direkter Beteiligung in einer Demokratie sei, ein Abgeordnetenhaus grundsätzlich aber frei entscheide, ob es dies annimmt oder ablehnt.

Die Hauptversammlung hat den Vorstand und den Aufsichtsrat entlastet. Zudem wurde mit Auf der Hauptversammlung wurde Kerstin Günther neu in den Aufsichtsrat gewählt. Günther ist damit neben Tina Kleingarn die zweite Frau im Aufsichtsrat von Deutsche Wohnen. Günther ist Geschäftsführerin des Helmholtz-Zentrums in München. Zuvor war sie 26 Jahre lang in verschiedenen Positionen für die Telekom tätig.

Die Premiere der Hauptversammlung im virtuellen Raum führte ungewollt zu einer weiteren Eigenheit: Zu Beginn der Versammlung stellte sich Günther in einem zuvor aufgezeichneten Video kurz selbst vor - und bedankte sich schon einmal für die Wahl in den Aufsichtsrat. Die Wahl selbst war aber noch gar nicht abgeschlossen. Am Ende der Versammlung stand dann aber doch fest: 99 Prozent der Aktionäre wählten Günther in den Aufsichtsrat.