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Designierter Gesamtmetall-Präsident Wolf fordert erneute Nullrunde

·Lesedauer: 7 Min.

Der Südwestmetall-Chef ruft die IG Metall zum Maßhalten bei ihren Lohnforderungen auf. Zudem soll die Gewerkschaft weniger Mitsprache bei Abweichungen vom Flächentarif erhalten.

Autohersteller und ihre Zulieferer stecken mitten in einer tiefgreifenden Transformation. Foto: dpa
Autohersteller und ihre Zulieferer stecken mitten in einer tiefgreifenden Transformation. Foto: dpa

Der designierte neue Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, sieht für die anstehende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie keinen Spielraum für Lohnerhöhungen. „Es ist absolutes Maßhalten angesagt“, sagte der Vorsitzende der baden-württembergischen Metallarbeitgeber (Südwestmetall) dem Handelsblatt. „Wir sollten beim Grundentgelt nicht mehr draufsatteln und an anderer Stelle entlasten, zum Beispiel bei Sonderzahlungen oder bei Zuschlägen.“

Am Donnerstag werden die Tarifkommissionen der IG Metall über die Lage der Branche mit ihren rund 3,9 Millionen Beschäftigten und mögliche Tarifforderungen beraten. Der im März vereinbarte Corona-Tarifvertrag, der keine Tabellenerhöhung vorsah, läuft zum Jahresende aus. Wolf macht sich für eine erneute Nullrunde stark, weil gerade viele kleine und mittlere Betriebe sonst die nötigen Investitionen für die Transformation nicht stemmen könnten.

Die von IG-Metall-Chef Jörg Hofmann vorgeschlagene Vier-Tage-Woche ist für Wolf durchaus eine „Option“ – allerdings nur, „solange sie ohne Lohnausgleich stattfindet und die Arbeitskosten sich nicht weiter verteuern“. Der Südwestmetall-Chef will den Flächentarif erhalten, den Unternehmen aber leichter als bisher Abweichungen nach unten ermöglichen – ohne dass die Gewerkschaft ihr Okay geben muss: Denn oft stimme die IG Metall Abweichungen vom Tarif nur bei Unternehmen zu, „die schon mit einem Fuß im Grab stehen“.

Das vollständige Interview lesen Sie hier:


Herr Wolf, die Bundesregierung stemmt sich in der Coronakrise mit Milliardenhilfen gegen den Abschwung. Wie bewerten Sie das?
Das Konjunkturpaket ist schon ganz gut, auch wenn wir uns noch die Autokaufprämie gewünscht hätten, auch die Mehrwertsteuersenkung wirkt. Besonders freuen wir uns über die zwei Milliarden Euro, mit denen in diesem und im nächsten Jahr Zukunftsinvestitionen der Fahrzeughersteller und Zulieferer gestützt werden sollen. Jetzt geht es darum, dass wir auch als Tarifvertragsparteien Lösungen finden, um die Unternehmen zu entlasten.
Was erwarten Sie für die anstehende Tarifrunde?
Es ist absolutes Maßhalten angesagt. Wir sollten beim Grundentgelt nicht mehr draufsatteln und an anderer Stelle entlasten, zum Beispiel bei Sonderzahlungen oder bei Zuschlägen.
Schon der im März vereinbarte Corona-Abschluss, der bis Jahresende läuft, sah eine Nullrunde vor. Glauben Sie, dass die IG Metall das noch einmal mitmacht?
Wir brauchen die Nullrunde. Viele Mittelständler hatten schon im Spitzenjahr 2018 Umsatzrenditen von nur einem oder zwei Prozent oder gar im negativen Bereich. Da ist heute gar keine Luft mehr – schon gar nicht, um die nötigen Investitionen für die Transformation zu stemmen. Und wir haben in der Metall- und Elektroindustrie ein Lohnniveau erreicht, von dem eine Verkäuferin, ein Altenpfleger oder eine Kita-Erzieherin nur träumen kann. Selbst wenn wir da jetzt nichts draufsatteln, sind unsere Beschäftigten immer noch sehr gut bezahlt.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann hat eine Vier-Tage-Woche ins Spiel gebracht. Was halten Sie davon?
Die Möglichkeit haben wir in Baden-Württemberg schon, aber sie ist sehr teuer, weil wir Aufzahlungen leisten müssen. Ich habe überhaupt kein Problem mit Arbeitszeitverkürzung als Option, solange sie ohne Lohnausgleich stattfindet und die Arbeitskosten sich nicht weiter verteuern. Aus meiner Sicht müssen wir uns auch Gedanken darüber machen, dass Beschäftigte für das gleiche Geld ein paar Stunden mehr arbeiten.

Wo sollen angesichts von Corona und Strukturwandel die Aufträge herkommen, die Mehrarbeit rechtfertigen würden?
Es gibt Unternehmen, bei denen es ab 2021 oder 2022 – falls die Pandemie dann überwunden ist – wieder richtig abgehen wird, etwa weil sie sich schon gut für die Elektromobilität positioniert haben. Andere hängen noch am Verbrennungsmotor, da wird es eher weniger Arbeit geben. Wir brauchen hier ganz flexible Lösungen im Flächentarif, ohne dass immer erst die IG Metall auf betrieblicher Ebene zustimmen muss.

Das wird die Gewerkschaft aber kaum mit sich machen lassen …
Die IG Metall kann nicht an Errungenschaften, die sie vor 30 Jahren erkämpft hat, stur festhalten, wenn sich die Zeiten ändern. Wir stecken in dramatischen Transformationsprozessen. Und oft stimmt die IG Metall Abweichungen vom Tarif nur bei Unternehmen zu, die schon mit einem Fuß im Grab stehen. Die Unternehmen müssen aber gute Erträge erwirtschaften, um die Transformation stemmen zu können. Sie brauchen also deutlich früher Entlastungen.

Bevor Corona kam, hatte die IG Metall auf eine konkrete Prozentforderung verzichtet und angeboten, vor allem über Beschäftigungssicherung zu verhandeln. Können Sie jetzt an dieses Angebot anknüpfen?
Wir müssen ehrlich zueinander sein: Wir werden es nicht schaffen, in unserer Industrie alle Arbeitsplätze zu erhalten. Beschäftigte aus Unternehmen, die die Transformation nicht schaffen, müssen sich umorientieren und vielleicht etwas Neues anfangen – gegebenenfalls in anderen Bereichen außerhalb der Industrie, in denen Bedarf besteht. Die IG Metall will Beschäftigung in unserer Industrie sichern, weil sie das hohe Lohnniveau für alle erhalten will. Das wird nicht funktionieren. Wir sehen zum Teil schon, dass Zulieferer Stellenabbau angekündigt haben oder Produktion nach Polen, Ungarn oder Slowenien verlagern.

Die Drohung mit Abwanderung ist aber auch nicht neu …
Sie ist heute viel realistischer als noch vor zehn Jahren. Wenn die IG Metall einen totalen Abfluss verhindern will, muss sie bereit sein, Arbeitskosten zu reduzieren. Es bringt nichts, den Leuten zu sagen, dass alles so bleiben wird, wie es ist.

Die Transformation trifft ja vor allem die Auto- und Zuliefererindustrie. Ist der Flächentarif überhaupt noch die richtige Antwort oder brauchen wir Branchenlösungen?
Einspruch. Die Transformation wird mit brachialer Gewalt auch den Maschinenbau erreichen, weil der die Maschinen herstellt, die für den Bau von Verbrennern nötig sind. Der Flächentarif ist die richtige Lösung, aber wir brauchen einfachere Möglichkeiten, nicht nur nach oben, sondern auch nach unten abzuweichen. Wenn es nach mir geht, sollte das sogar automatisch ablaufen, wenn ein Unternehmen bei der Profitabilität eine bestimmte Marke unterschreitet.

Wie ernst ist denn die finanzielle Situation der Zulieferer?
Sehr unterschiedlich. Einige Unternehmen, wie mein eigenes, haben mit Effizienzprogrammen rechtzeitig vorgesorgt. Liquiditätsprobleme sehen wir vor allem bei kleinen und mittleren Betrieben. Banken halten sich wegen der Zweifel am Geschäftsmodell Verbrenner mit Krediten zurück; das sind ja auch keine barmherzigen Samariter, sondern sie müssen Geld verdienen.

Die Gewerkschaft hat einen Transformationsfonds vorgeschlagen, aus dem die Kosten für die Umstellung auf die Elektromobilität finanziert werden könnten …
Die Frage ist aber, ob Sie Geldgeber finden. Jeder Investor, egal ob ein Unternehmen oder eine vermögende Privatperson, will irgendwann sein Geld zurück – mit Zinsen. Wie ein Zulieferer, der keine auskömmliche Marge hat, diese erwirtschaften soll, ist mir schleierhaft.
Auch die Autohersteller könnten in den Fonds einzahlen, schließlich haben sie ein Interesse am Erhalt ihrer Lieferkette und damit am Überleben der Zulieferer.
Dann brauchen sie nicht in einen Fonds einzahlen, sondern können den Zulieferern gleich höhere Preise zahlen, die ihnen das Überleben sichern. Und schon gar nichts halte ich davon, den Fonds dann noch mit Staatsgarantien abzusichern.

Warum nicht?
Weil ich nicht will, dass am Ende die Krankenschwester, die Verkäuferin oder der Altenpfleger, die viel weniger verdienen als Beschäftigte in unserer Industrie, mit ihren Steuergeldern die Zeche zahlen.

Zurück zur Tarifrunde. Lässt die Corona-Situation überhaupt reguläre Verhandlungen zu?
Wir hätten den Corona-Abschluss im März lieber gleich auf 18 Monate anlegen sollen, so wie wir vorgeschlagen hatten. Grundsätzlich bräuchten wir eine sehr lange Laufzeit, um in Ruhe die Transformation hinzubekommen. In den Betrieben gäbe es aber sicherlich Verständnis dafür, wenn wir den Vertrag noch mal um neun oder zwölf Monate verlängern und die Zeit für ernsthafte Gespräche über Kostensenkungen nutzen würden.

In regulären Verhandlungsrunden kommen pro Seite durchaus 120 bis 150 Menschen auf engem Raum zusammen. Das ist doch jetzt illusorisch, oder?
Ja. Wir können unseren Mitarbeitern nicht sagen, ihr dürft nur zu viert eine Besprechung machen und verzichtet auf private Ferien – und wir Arbeitgeber machen Massenveranstaltungen. Da müssten wir pragmatisch rangehen und sagen, wir vertagen die Runde, wenn das Infektionsgeschehen es erfordert.
Herr Wolf, vielen Dank für das Interview!