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Deal closen oder gefeuert werden: Die fast echte Geschichte über einen irren Wework-Klon

In dem Buch "A Decade of Startup Wisdom" persiflieren die beiden Autorinnen die Startup-Szene - Copyright: Getty Images/Westend61
In dem Buch "A Decade of Startup Wisdom" persiflieren die beiden Autorinnen die Startup-Szene - Copyright: Getty Images/Westend61

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch "A Decade of Start-up Wisdom" von Cornelia Hoppe und Mirna Funk. Die Autorinnen schreiben über 16 fiktive Ereignisse, die so nie in der Startup-Welt stattgefunden haben. Allerdings: Die Geschichten sind immer mit einem Funken Wahrheit versehen und sollen zum Schmunzeln und Nachdenken anregen.

Niemand machte mir auf, als ich klingelte, also drückte ich mich durch die anderen Firmen, bis endlich jemand den Buzzer betätigte und ich erfolgreich die schwere Stahltür öffnen konnte. Vor mir das Treppenhaus. Neben mir ein alter haselnussbrauner Paternoster. Ich stieg in den Fahrstuhl und fuhr in den dritten Stock, sprang rechzeitig raus und sah schon von Weitem eine geöffnete Tür. Man konnte direkt ins Office blicken. Menschen rannten mit Stapeln weißer Blätter von einer Seite des Raumes auf die andere. Menschen unterhielten sich. Menschen tranken aus beschrifteten Kaffeetassen. Menschen tippten im Gehen wild auf ihren geöffneten Laptops herum. Das war sie, die Start-up-Welt. Ich kam frisch von der Uni und hatte im fünften Semester ein Pflichtpraktikum in Köln absolviert. Ich stammte aus Leipzig, habe in Dresden BWL studiert und war einfach nur froh über die Chance, als Head of Sales in dem Coworking-Unternehmen anheuern zu können.

Das Start-up hatte es sich – laut Selbstbeschreibung – zur Aufgabe gemacht „WeWork den Garaus zu machen“. Der Gründer war vor vier Wochen in die Mensa der TU Dresden gekommen, hatte mit einem Kochlöffel auf einen Topf geschlagen, bis alle verstummten, und erklärt, dass derjenige, der sich für den besten Head of Sales hielte und es schaffte, seine – des Gründers – E-Mail-Adresse ausfindig zu machen, um die erste Nachricht zu verschicken, den Job bekäme. Stichwort sei „The German WeWork and go“. Dann war er verschwunden. Ich war es gewesen, die es am Ende geschafft habe, meine Vita und den Coverletter als Erste an diesen irren Typen rauszuballern. Wahrscheinlich habe er nicht damit gerechnet, dass eine Frau BWL studiert und auch nicht, dass sie schneller wäre als ihre männlichen Kommilitonen. Vielleicht war ich aber auch gar nicht die erste E-Mail gewesen. Vielleicht war ich die fünfte oder sogar zwanzigste. Wer weiß das schon? Vielleicht waren es vielmehr meine ultralangen, blonden Haare gewesen. Vielleicht die grünen Augen. Vielleicht mein dominantes Lächeln. Aber war das nicht sowieso völlig schnuppe (wie meine Eltern aus Leiptzsch sagen würden)? Ich hatte den Job und fertig aus. Gründe hin oder her.

Meine Bachelor-Arbeit würde ich jetzt an den Wochenenden schreiben müssen. Auch das würde zu schaffen sein. Hauptsache raus aus dem Scheißosten mit den Scheißossis und den Scheißchancen, die einen nicht weiter als bis zum Tellerrand der deutschen Grenze führen. Meine Eltern haben es nie aus Leipzig rausgeschafft. Mein Vater Staplerfahrer, meine Mutter Kindergärtnerin. Mehr Arbeiterklasse geht nicht. Geballte Faust nach oben. Scheißsozialismus. Ich wollte in zehn Jahren in San Francisco mein eigenes Start-up leiten. Das war der Plan. Money machen. Richtig viel Money und dann nie wieder zurück nach Deutschland müssen. So weit so gut.

Ich betrat mit meinem Laptop unterm Arm das Büro. Keiner reagierte auf mich. Es gab keinen Empfang, keine Rezeption. Nur umherwuselnde Leute, die anzusprechen ich mich nicht traute. Ich fragte mich: Kommt man mit so einer peinlichen Attitude ins Silicon Valley, Toni? Und meine innere Stimme antwortete: Nein! Also überwand ich meine Angst, berührte den Arm eines an mir vorbeirennenden Mitarbeiters und sagte: „Entschuldige, heute ist mein erster Arbeitstag als Head of Sales, weißt du, wo Fridolin von Waldstetten ist?“, und ohne anzuhalten, schaute er auf seine Armbanduhr und rief mir hinterher „Bleib genau da stehen. Fridolin kommt in 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1…“ Dann ging mit einem Mal die gesamte Beleuchtung im Office aus und nur ein Spotlight war auf die Eingangstür gerichtet. Aus den Boxen ertönte Katy Perrys „Roar“, genau der Song, den einst Adam Neumann, der WeWork-Gründer, jeden Morgen beim Betreten seines Büros hatte spielen lassen. Katy sang voller Inbrunst:

I used to bite my tongue and hold my breath
Scared to rock the boat and make a mess
So I sat quietly, agreed politely
I guess that I forgot I had a choice
I let you push me past the breaking point
I stood for nothing, so I fell for everything
You held me down, but I got up (hey)
Already brushing off the dust
You hear my voice, you hear that sound
Like thunder, gonna shake the ground
You held me down, but I got up (hey)
Get ready 'cause I've had enough
I see it all, I see it now

Im Hintergrund sang Katy fröhlich weiter. Im Vordergrund lief Fridolin singend durch die Tür – die Arme nach oben gestreckt, wie ein Boxer, der sich an den Massen vorbei in den Ring begibt. Dann setzte der
Refrain ein:

I got the eye of the tiger, a fighter
Dancing through the fire
'Cause I am a champion, and you're gonna hear me roar
Louder, louder than a lion
'Cause I am a champion, and you're gonna hear me roar

Und immer wenn Katy Perry „Louder“ sang, schrie Fridolin „Lauter“ und alle Mitarbeiter mussten wie ein Löwe „Roar“ machen. Es war eine Szene, wie sie möglicherweise innerhalb der letzten 20 Jahre in unterschiedlichen Unternehmen immer wieder stattgefunden hatte, aber für mich war das schon maximal beeindruckend und minimal beunruhigend. Fridolin war 1,58 Meter. Nicht größer. Wirklich keinen Zentimeter größer. Das wusste ich deshalb, weil ich selbst 1,76 Meter war, obwohl ich den kleinsten Vater der Welt hatte und diesen schon mit 13 Jahren überragte. An dieser Stelle wird keine ausschweifende Analyse zu kleinen Männern folgen. Davon gibt es längst genug. Man muss nur das Internet aufmachen.

Fridolin marschierte durch den mit seinen Mitarbeitern gefüllten Raum direkt in sein Büro, das am Ende des Office lag, ging hinein und mit dem Schließen seiner Tür endete auch der Song. Hardcore synchronisiert. Das musste man ihm lassen.

Auch nach diesem Auftritt kümmerte sich niemand um mich. Eine Praktikantin brachte mich zu dem einzigen Platz, der noch frei war, erklärte mir, dass jeder seinen eigenen Laptop zu benutzen hatte und die IT erst morgen reinkäme, schließlich seien sie wegen der gestrigen Weihnachtsfeier noch ordentlich lädiert. „Und die IT“, ergänzte sie „sind hier die Könige. Die dürfen alles.“ Ich klappte meinen Rechner auf, ging auf die Website von ARKU (was für Arbeitskultur stand und als offensichtlich deutschester Name aller Zeiten für ein Start-up in die Geschichtsbücher eingehen würde) und scrollte ein bisschen hoch und runter. Neben mir frästen Handwerker gerade Rechtecke aus den Abtrennwänden und bauten nacheinander Fenster ein, damit auch die hinterste Ecke des extrem dunklen Großraumbüros irgendwie Licht von der einzigen Fensterfront bekam, die dieser Raum zu bieten hatte. Aber selbst die, die am Fenster saßen, blickten nicht auf eine Grünanlage, sondern auf eine beigefarbene Häuserwand. Radikal einfach.

Stunden vergingen, ohne dass sich irgendjemand meiner annahm. Als ich mich auf den Weg in die Kaffeeküche machte, kam mir Fridolin entgegen und sagte nur „Toni, oder lieber Antonia?“

„Toni.“

„Schön, dass du da bist. Ready für Philadelphia morgen?“

„Was?“

„Na, du fliegst morgen Abend nach Philadelphia, closed fünf Deals und fliegst direkt am selben Tag wieder zurück.“

„Aber ich bin nicht gebrieft, habe kein Esta und nichts.“

„Du kannst auch gerne deinen Laptop in die Tasche packen und dann rufe ich den Dude an, der wirklich die erste Mail geschrieben hat. Glaubst du, der schafft es morgen nach Philadelphia?“

„Ich schaffe es auch morgen nach Philadelphia, aber um fünf Deals zu closen, bräuchte ich Informationen.“

„Na bitte, geht doch!“

Und kurz darauf verschwand Fridolin wieder und ward nicht mehr gesehen. Ich machte online mein Visum für die USA fertig und trieb eine Praktikantin auf, die sich um das Office-Management kümmerte. Auch sie hatte noch nichts von Philadelphia gehört, war aber weniger verwundert als ich, sondern buchte mir brav einen Hin- und Rückflug für denselben Tag. Mein Jammern über diese irre Route und den Tagesplan ignorierte sie gekonnt und erklärte, dass man auf Fridolin warten müsse und niemals an seine Tür klopfen dürfe. Er erwarte Selbstverantwortung und Eigenengagement. Anders, so hatte er es auch wieder bei seiner Ansprache während der Weihnachtsfeier erzählt, würde man es nirgendwohin schaffen. Wer will, der kann und wer denkt, er kann nicht, wolle in Wirklichkeit auch nicht. Das sei der Leitspruch, der hier im Unternehmen ungeschriebenes Gesetz war. Also wartete ich bis 23:30 Uhr. Ein Drittel der Belegschaft war nach Hause gegangen. Vermutlich hatten die keine acht Wochen mehr bis zur Kündigung. Der Rest ackerte vor ihren Rechnern und sah müde aus. Auch ich war müde, ab und zu fielen mir die Augen zu, während ich halb anwesend halb abwesend den Immobilienmarkt von Philadelphia recherchierte. Um 23:46 Uhr kam Fridolin an meinen Tisch, drückte mir einen Zettel mit Adressen, Namen, Telefonnummern und Zeiten in die Hand und sagte, „Vier von den fünf musst du nach Hause holen, sonst brauchst du Freitag gar nicht mehr ins Büro kommen“.

Aber wider aller realistischen Prognosen holte ich sogar alle fünf nach Hause, was mich in Fridolins Augen zur besten Head of Sales machte, die er je hatte, und als ich mich weigerte, über Weihnachten nach Hause nach Leipzig zu fahren, sondern Fridolin erklärte, dass ich lieber die freien Tage im Büro bliebe, um ordentlich Business zu machen, lächelte er tief aus seinem Bauch heraus, was ihn direkt weniger wie ein Arschloch, sondern mehr wie einen kleinen Jungen aussehen ließ. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte „Geld schläft nicht“ und ich antwortete „Geld schläft nicht“ zurück. Drei Jahre zog ich durch, bis ich mir das One-Way-Ticket nach San Francisco buchte. Business Class, versteht sich.