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Dax schließt leicht im Minus – Wirecard-Aktie trotz Bafin-Anzeige im Plus

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Die Lage am Aktienmarkt hat historische Ausmaße erreicht. Auch wenn sich aus den Daten kein Crash ableiten lässt, Anleger benötigen nun starke Nerven.

Erfolgreicher Börsenmonat Mai, erfolgreicher Start in den Juni. Foto: dpa
Erfolgreicher Börsenmonat Mai, erfolgreicher Start in den Juni. Foto: dpa

Der Dax hat zum Wochenanfang nicht an die Rally der vergangenen Handelstage angeknüpft. Zum Handelsschluss notiert der deutsche Leitindex am Montag 0,2 Prozent im Minus bei 12.819 Zählern. Kurz nach Handelsstart war er sogar auf 12.670 Punkte gefallen. Davon hat er sich zwar wieder erholt, doch trotz der deutlich freundlicheren Stimmung an der Wall Street schloss der Dax nicht in der Gewinnzone.

Den letzten Handelstag der vergangenen Woche hatte das deutsche Börsenbarometer noch mit einem Plus von mehr als drei Prozent bei 12.857 Punkten beendet.

Der schwache Auftakt am heutigen Montag war nach der euphorischen Rally mit einem Plus von bis zu rund 18 Prozent in zehn Handelstagen eine übliche Reaktion. Die steilen Trends seien schwer durchzuhalten, kommentierten die Experten der Helaba in ihrem Tagesausblick.

Derzeit erleben Börsianer einmalige Kursbewegungen, die Eingang in die Geschichtsbücher finden werden. In die Börsenhistorie wird Corona nicht nur als der schnellste Crash eingehen, bei dem der Dax in 18 Tagen (gemessen am Schlussstand) 38 Prozent verloren hat. Mindestens genauso bemerkenswert ist die Corona-Hausse, die dem Dax bisher ein Plus von 50 Prozent in 57 Tagen gebracht hat. Und wahrscheinlich wird diese Rally als die bisher meistgehasste der gesamten Börsengeschichte in die Bücher eingehen.

Denn viele Anleger sind unterinvestiert und haben Angst, die Rally zu verpassen. Ein wichtiges Indiz neben verschiedenen Sentimentumfragen, die eindeutig für diesen Sachverhalt sprechen, ist auch die Tatsache, dass die Börsenumsätze in dieser Rally seit Mitte März niedriger sind als in früheren Crashzeiten.

Der andere Teil, vor allem Profianleger, spekuliert auf fallende Kurse. Diese Anleger müssen nun zusehen, wie das Verlustrisiko in ihren Depots von Börsentag zu Börsentag steil anwächst. Allein ein Blick auf das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart zeigt das ganze Ausmaß: Mit einem Wert von minus 13,8 war der Anteil von Short-Hebelprodukten in den Depots der Privatanleger noch nie so hoch.

Zumindest gilt das für den Zeitraum seit 2015, für die Zeit davor liegen keine Daten vor. Das Euwax-Sentiment wird anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf den Dax abgebildet.

Aus diesen extremen Daten und der immer noch geringen Investitionshöhe lässt sich zwar kein neuer Crash ableiten, der den Dax wie Mitte März wieder auf 8255 Zähler führt. Sie lassen aber die Prognose zu, dass die kommenden Handelstage turbulent werden, mit höheren Ausschlägen in beide Richtungen. Anleger brauchen nun starke Nerven.

Die vergangene Handelswoche hatte zudem den Anschein, als ob die Coronakrise schon vorbei wäre. So haben sich Anleger etwa von den Corona-Gewinner-Aktien getrennt. Trotz eines Dax-Plus von zehn Prozent gaben Papiere aus der Gesundheitsbranche deutlich nach. Sartorius verlor neun Prozent, Dermapharm acht Prozent, und auch die Shop Apotheke rutschte sieben Prozent ab.

Zu den Gewinnern zählten Papiere, bei denen Anleger während der Krise Zweifel am Geschäftsmodel hatten: Airbus glänzte mit plus 37 Prozent, Ceconomy mit plus 35 Prozent, und die Commerzbank-Titel legten 23 Prozent zu. Deren Marktkapitalisierung war während der Krise extrem niedrig. Diese Kursgewinne sollen nachhaltig sein?

Im Fokus steht mal wieder die Wirecard-Aktie. Denn das Unternehmen steht unter Dauerstress, am Freitag hat die Finanzaufsicht Bafin den Zahlungsdienstleister wegen Marktmanipulation angezeigt. Den regulären Handel hatten die Papiere noch 0,2 Prozent im Plus bei 95,88 Euro beendet. Die Mitteilung erfolgte kurz nach Handelsende. Zwar rutschten die Papiere schnell um bis zu 7,4 Prozent. Doch das war offenbar für viele ein Kaufsignal. Zum Handelsschluss lag die Aktie wieder 1,7 Prozent im Plus.

Das Handelsvolumen bei dem Zahlungsdienst ist sehr hoch: Innerhalb von vier Stunden wechselten knapp 2,2 Millionen Wirecard-Papiere den Besitzer. Am gestrigen Handelstag wurden insgesamt nur 2,9 Millionen Stück gehandelt.

Möglicherweise haben am heutigen Montag Hedgefonds einen kleinen Teil ihrer Wette auf massiv fallende Wirecard-Aktienkurse aufgelöst.

Mindestens 10,42 Prozent der frei handelbaren Wirecard-Aktien sind mittlerweile in den Händen von zehn Leerverkäufern, wie aus den aktuellen Daten des „Bundesanzeigers“ vom Freitag vergangener Woche hervorgeht. Die Quote ist äußerst hoch, umgerechnet sind das 12,87 Millionen Aktien.

Leerverkäufer spekulieren auf fallende Kurse, indem sie Aktien eines Unternehmens beispielsweise bei Investmentfonds leihen und verkaufen. Um diese Aktien nach Ablauf der Frist wieder zurückzugeben, müssen sie sie vorher wieder kaufen – natürlich möglichst zu einem niedrigeren Kurs.

Das heißt, dass die Leerverkäufer insgesamt 12,87 Millionen Wirecard-Aktien zurückkaufen müssen, wenn sie alle ihre Wetten schließen wollen. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Tagesvolumen seit Jahresanfang liegt bei 2,4 Millionen Papieren.

Keine Rolle spielten Drohungen von US-Präsident Donald Trump mit neuen Strafzöllen in Richtung EU. Im Gegenteil: Autowerte setzten ihre Erholung fort. BMW und Volkswagen waren im Dax vorn, mit Aufschlägen von jeweils mehr als drei Prozent.

Dazu dürfte auch die Erholung des Automarktes in China beigetragen haben, wo der Absatz zum ersten Mal nach fast einem Jahr wieder gestiegen ist, wie der Branchenverband PCA (China Passenger Car Association) am Montag in Peking mitgeteilt hat.

Demnach legten die Verkäufe im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 1,9 Prozent auf 1,64 Millionen Fahrzeuge zu. Im Vergleich zum Vormonat habe das Absatzplus bei 12,3 Prozent gelegen, hieß es. Für das gesamte Jahr geht der Verband wegen der Corona-Pandemie dennoch von einem Absatzrückgang von zehn Prozent aus.

Blick auf die Einzelwerte

Deutsche Wohnen: Die Aktien des künftigen Dax-Mitglieds werden an diesem Montag mit einem Dividendenabschlag von 0,90 Euro gehandelt. Im Vergleich zum Freitagsschluss von 41,67 Euro bedeutet dies ein Minus von 2,2 Prozent. Zum Handelsschluss beträgt das Minus 3,5 Prozent.

Corestate: Ein positiver Analystenkommentar beflügelt die Aktien, die um mehr als fünf Prozent steigen. Damit summiert sich das Plus binnen zwei Handelstagen auf mehr als 15 Prozent. Corestate werde den Umsatz 2021 um 30 Prozent und die operative Gewinnmarge um zehn Prozentpunkte steigern, prognostiziert Analyst Julius Stinauer vom Bankhaus Hauck & Aufhäuser. Er nehme die Titel daher auf die Empfehlungsliste und bekräftige die Kaufempfehlung bei einem Kursziel von 38 Euro.

Astra-Zeneca: Ein Bericht über die geplante milliardenschwere Übernahme des US-Rivalen Gilead setzt Astra-Zeneca zu. Die Aktien der Pharmafirma fallen in London um 2,4 Prozent. Die Wachstumsaussichten von Astra seien beeindruckend, und das Unternehmen habe vielversprechende Medikamente in der Entwicklung, schreibt Analyst Peter Welford von der Investmentbank Jefferies. Strategisch sei die Übernahme von Gilead daher wenig sinnvoll.

De’Longhi: Die Aussicht auf eine rasche Erholung des Geschäfts ermuntert Anleger zum Einstieg. Die Aktien des Kaffeemaschinen- und Küchengeräte-Herstellers steigen in Mailand um fast sieben Prozent und sind mit 21,76 Euro so teuer wie zuletzt vor mehr als einem Jahr. Im ersten Teil des aktuellen Quartals seien die Geschäfte besser gelaufen als gedacht und lägen auf dem Niveau des Vorjahreszeitraums, sagt Firmenchef Massimo Garavaglia.

Blick auf andere Assetklassen

Die Ölpreise sind nach der Entscheidung der Staaten des Förderkartells Opec und der Kooperationspartner über eine verlängerte Drosselung der Produktion zunächst weiter gestiegen, dann aber wieder deutlich gefallen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete am Abend 2,7 Prozent weniger, 41,17 Dollar. Der Preis für ein Barrel der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel um 3,2 Prozent auf 38,27 Dollar.

Die Opec und ihre Partner hatten am Samstag beschlossen, die Drosselung der Ölproduktion um einen weiteren Monat zu verlängern.

Die Terminkontrakte für Eisenerz sind auf über 100 Dollar pro Tonne gestiegen. Das brasilianische Unternehmen Vale musste einen Betrieb schließen, der zehn Prozent der gesamten Förderung des Konzerns ausmacht. Grund dafür: Arbeiter erkrankten an Covid-19.

Die Futures stiegen sogar um 6,2 Prozent auf 103,53 Dollar pro Tonne, was dem höchsten Schlusskurs seit August entspricht. Die Spotpreise überstiegen Ende Mai das Niveau von 100 Dollar pro Tonne und haben sich seitdem weitgehend darüber gehalten.

Der Preis für Eisenerz könnte sich in den nächsten beiden Monaten über 100 Dollar halten, prognostizierte die US-Investmentbank Morgan Stanley. Gleichzeitig erwartet sie aber im vierten Quartal wieder niedrigere Preise. Die höheren Kurse derzeit dürften den Kursen der australischen Minenkonzerne BHP, Rio Tinto Group und Fortescue Metals zugutekommen.

Was die Charttechnik sagt

Für die Charttechnik steht die Börsenampel auf Grün. Die wichtige 200-Tage-Linie bei aktuell rund 12.125 Punkten wurde überwunden. Diese Marke ist ein wichtiger Indikator für den langfristigen Trendverlauf und wird bei Investoren stark beachtet. Dieser Anstieg unterstützt die laufende Erholung.

Anleger sollten nun striktes „Money-Management“ betreiben, dafür bietet sich die Linie im Bereich von 12.000 Punkten gut an, als wichtige Absicherung für die erzielten Gewinne.

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