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Dax wartet weiter auf Impulse – Erste Privatanleger haben die Reißleine gezogen

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Die Bereitschaft der Anleger, auf dem aktuellen Niveau weiter Aktien zu kaufen, ist gering. Was das für die Märkte in den kommenden Tagen bedeutet.

Im Blick der Anleger bleibt auch die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa
Im Blick der Anleger bleibt auch die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie. Foto: dpa

Der deutsche Aktienmarkt sucht weiter nach neuen Impulsen. Der Dax notierte am Donnerstag während des gesamten Handelstags in der Verlustzone und schloss letztlich 0,9 Prozent schwächer bei 13.086 Zählern. Damit bleibt das Börsenbarometer aber in seiner mehrtägigen Handelsspanne.

Der Blick auf die vergangenen sieben Handelstage zeigt: Der deutsche Leitindex leidet unter akutem Bewegungsmangel. Die gesamte Handelsspanne in diesem Zeitraum beträgt weniger als 275 Zähler. Dem Hoch mit 13.277 Punkten steht ein Tief mit 13.005 Zählern gegenüber. Erst Kurse außerhalb dieser Spanne dürften für neuen Schwung sorgen, der aufgrund der vergleichsweise langen Seitwärtsphase mit sieben Handelstagen durchaus dynamisch erfolgen könnte.

Dabei wollen Anleger gern wieder Aktien kaufen. Das Problem: nicht auf dem aktuellen Niveau. Das zeigen die derzeitigen Stimmungsumfragen wie das Handelsblatt-Dax-Sentiment und die Erhebung der Börse Frankfurt unter mittelfristig agierenden privaten und professionellen Investoren.

Die Bereitschaft, auf dem derzeitigen Niveau noch eine Schippe auf die bullishen Positionen draufzulegen, sei recht gering, meint Verhaltensökonom Joachim Goldberg nach Auswertung der aktuellen Umfrage der Börse Frankfurt. Die Stimmung sei insgesamt optimistisch, aber noch nicht euphorisch, was als Kontraindikator fallende Kurse signalisieren dürfte. Sollten die Kurse fallen, rechnet er bereits bei 12.700 Punkten wieder mit größerer Nachfrage.

Die Erhebung zeigt zudem: Die Erwartungen der heimischen Anlageprofis und der Privatanleger gehen auseinander. Die Institutionellen setzen weiterhin auf eine Jahresendrally, während ein Teil der Privaten offenbar die Reißleine gezogen und Aktien verkauft hat. „Man kann davon ausgehen, dass ein Teil der Befragten angesichts fehlender überzeugender weiterer Kursanstiege beim Dax schlichtweg die Geduld verloren hat“, meint Goldberg.

Wie optimistisch die Anlageprofis sind, zeigt auch das Ergebnis einer Umfrage der Bank of America unter internationalen Fondsmanagern. Der Umfragezeitraum vom 6. bis 12. November umfasst den Sieg Joe Bidens bei der Präsidentschaftswahl in den USA und den Durchbruch der Unternehmen Biontech und Pfizer bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Covid-19.

Diese Umfrage bestätigt: Die Profis erwarten deutlich steigende Kurse. In den vergangenen sieben Monaten ist die Kassenquote – also der Anteil des Geldes, das noch investiert werden kann – um 1,8 Prozentpunkte und damit so schnell wie noch nie gefallen. Sollten die Erwartungen weiter steigen, wäre das ein Warnsignal. Die gute Nachricht für den Dax: Die internationalen Fondsmanager sind nur in geringem Maße in Aktien der Euro-Zone investiert.

Das lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Vermutlich haben sich die Fondsmanager in der zweiten Oktoberhälfte von den europäischen Aktienmärkten verabschiedet und sind nicht wieder zurückgekommen. In der zweiten Oktoberhälfte rutschte der Dax um rund 15 Prozent von 13.151 Punkte auf 11.450 Zähler ab.

Die andere Schlussfolgerung: Für die folgende November-Rally auf bis zu 13.297 Punkte haben offenbar heimische Anleger gesorgt. Angesichts der insgesamt optimistischen Haltung der internationalen Fondsmanager dürfte es nur eine Frage der Zeit und natürlich der Kursstände sein, wann sie wieder europäische Aktien kaufen. Nach einem Börsencrash sieht das alles nicht aus.

Blick auf die Einzelwerte

Thyssen-Krupp: Die Anleger reagieren empfindlich auf die neuen Geschäftszahlen des Industriekonzerns. Die Aktie schloss 3,4 Prozent tiefer bei 4,73 Euro, nach temporären Verlusten von fast acht Prozent. Das Rekordtief des Titels vom März dieses Jahres liegt bei 3,28 Euro. Ohne die Erlöse, die der Ruhrkonzern mit dem Verkauf seiner Aufzugsparte erzielte, schrieb Thyssen-Krupp im abgelaufenen Jahr 2019/20, das am 30. September endete, einen Jahresfehlbetrag von 5,5 Milliarden Euro nach Steuern.

Kion: Die Frage, warum der Kurs der Aktie am gestrigen Handelstag bereits um 2,2 Prozent nachgab, wurde erst nach Börsenschluss beantwortet: Das Unternehmen plant eine Kapitalerhöhung – Kion will rund 13,1 Millionen neue Aktien ausgeben und mit dem Geld Schulden abbauen und seine Geschäfte stärken. Anleger verkaufen das Papier weiter. Die Aktie des Herstellers von Gabelstaplern schloss erneut sieben Prozent tiefer bei 66,70 Euro und war damit schwächster Wert im Nebenwerteindex MDax.

Munich Re: Eine Herabstufung durch die Experten von Société Générale lastet auf den Aktien der Münchner Rück, die um 3,7 Prozent nachgaben und damit das Dax-Ende zieren. Die Analysten senkten ihre Bewertung für die Papiere auf „Hold“ von „Buy“.

Vonovia: Die Aktien stiegen um 1,4 Prozent. Die Experten der Investmentbank Jefferies hoben ihre Empfehlung für die Papiere auf „Buy“ von „Hold“ an und erhöhten das Kursziel um sechs auf 66 Euro.

Wacker Neuson: Um 8,4 Prozent abwärts ging es für die Aktien des Baumaschinenherstellers Wacker Neuson. Das Unternehmen verliert gleich die Hälfte seines Vorstands: Firmenchef Martin Lehner und Finanzvorstand Wilfried Trepels gehen. Ihre Posten werden vorübergehend von Kurt Helletzgruber übernommen, der bislang im Aufsichtsrat sitzt. Das Münchener Unternehmen leidet unter der Coronakrise und rechnet damit, seine Ziele erst ein bis zwei Jahre später zu erreichen.

Blick auf andere Assetklassen

Im Kampf gegen die Inflation und den Verfall der Landeswährung Lira erhöht die Zentralbank der Türkei die Zinsen kräftig. Nach dem von Staatschef Recep Tayyip Erdogan verordneten Wachwechsel an der Spitze der Notenbank hob sie den Schlüsselsatz am Donnerstag auf 15,0 von bislang 10,25 Prozent an.

Als Reaktion auf die Entscheidung fiel der Euro um 1,7 Prozent auf 8,97 Lira. Ähnliche Bewegungen waren im Verhältnis zum Dollar zu beobachten. Experten hatten mit einer Erhöhung der Zinsen in diesem Umfang gerechnet.

Offensichtlich hat Erdogan seinen Wunsch nach niedrigeren Zinsen aufgegeben und „erlaubt“ der Zentralbank, die Zinsen im Bedarfsfall zu erhöhen. Allerdings bezeichnete er dies als „bittere Pille“ und nicht als den richtigen geldpolitischen Kurs. „Damit liegt auf der Hand, dass er höhere Zinsen nicht ewig hinnehmen wird, sondern eben nur vorübergehend, wenn sich denn schnell genug Ergebnisse in Form einer Stabilisierung des Finanzsystems einstellen“, meint der Commerzbank-Devisenanalyst Tatha Ghose.

Der Goldpreis gerät weiter unter Druck: Am Donnerstag lag der Preis pro Feinunze (31,1 Gramm) bei 1857 Dollar, minus 0,9 Prozent gegenüber dem Vortag. Offenbar werden nicht nur die Kurse an den Aktienmärkten, sondern auch der Goldpreis von der Nachricht eines wirksamen Corona-Impfstoffs beeinflusst. Anleger erwarten, dass die Regierungen und Zentralbanken dann im nächsten Jahr zu einer vernünftigen Fiskal- und Geldpolitik zurückkehren. Deshalb verkaufen sie Gold.

Dies bestätigen die massiven Verkäufe von Gold-ETFs in den vergangenen Tagen. Die börsengehandelten Fonds müssen das Anlegergeld in Gold physisch hinterlegen und stehen deswegen nun unter Verkaufszwang. Am Dienstag waren es erneut zehn Tonnen, die aus den vom Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg erfassten Gold-ETFs abflossen.

Doch die Frage bleibt: Werden die Regierungen und Zentralbanken 2021 zu einer gemäßigten Fiskal- und Geldpolitik zurückkehren? „Diese Erwartung dürfte sich unseres Erachtens als falsch erweisen“, meint Commerzbank-Devisenanalyst Carsten Fritsch. Solange die ETF-Verkäufe anhalten, dürfte Gold allerdings unter Druck bleiben.

Was die Charttechnik sagt

Neben der kurzfristigen Spanne der vergangenen sieben Handelstage ist das Hoch aus dem Monat September mit 13.460 Zählern wichtig. Dort liegt das sogenannte Corona-Hoch, der höchste Stand seit dem Crash Mitte März, als der Dax auf 8255 Punkte abrutschte. Sollte das Barometer die Marke überwinden, gerät das Rekordhoch mit 13.795 Punkten ins Visier.

Auf der Unterseite bieten sich als strategische Stop-Loss-Marken einige Aufwärtskurslücken als Unterstützungen an. Solche Lücken entstehen, wenn der höchste Stand eines Handelstags unter der tiefsten Notierung des Folgetags liegt.

Konkret: 12.596 Punkte war der höchste Stand am Freitag (6. November), 12.671 Zähler der tiefste Kurs am Montag (9. November). Solange der Dax oberhalb von 12.671 Zählern bleibt, gibt es aus technischer Sicht keine Zweifel an der aktuellen Rally.

Hier geht es zur Seite mit dem Dax-Kurs, hier gibt es die aktuellen Tops & Flops im Dax.