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Dax schließt deutlich im Plus – Anleger steigen nach Kursrutsch wieder bei Varta ein

Zwischen den USA und dem Iran herrscht vorerst Waffenstillstand, und auch im Handelsstreit zeichnet sich Besserung ab. Das zieht den Dax ins Plus.

Blick auf die Dax-Kurve im Frankfurter Handelssaal. Foto: dpa

Der deutsche Leitindex ist an diesem Donnerstag mit einem Plus von 1,3 Prozent und 13.495 Zählern aus dem Handel gegangen. Das Tageshoch lag bei 13.521 Zählern und damit nur noch 76 Punkte unterhalb der Rekordmarke von Anfang 2018.

Ein Grund für die Kauflaune der Anleger war eine Entspannung in der Nahost-Krise. Auch wenn viele Kommentatoren nach der Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani durch einen US-Drohnenangriff am 3. Januar von einem drohenden dritten Weltkrieg sprechen, sind die Auswirkungen auf die Finanzmärkte insgesamt überschaubar geblieben.

Lediglich die höheren Preise für Rohöl und für Gold spiegeln eine deutlichere Risikoaversion der Marktteilnehmer wider. Mittlerweile liegen der US-Ölpreis und der Preis für Nordseeöl wieder jeweils auf dem Niveau, das sie vor der gezielten Tötung des ranghohen iranischen Generals durch das US-Militär in der vergangenen Woche hatten.

Beim Euro, den Aktienkursen und der Rendite von Staatsanleihen hat sich nur wenig getan. Seitdem im Konflikt mit dem Iran nun praktisch Waffenstillstand herrscht – Trump verzichtet auf einen Gegenschlag, und die Regierung in Teheran plant offenbar ebenfalls keine weiteren Angriffe –, steigen die Kurse wieder.

Allerdings hat sich das Anlegerverhalten verändert. Laut der aktuellen Umfrage der Börse Frankfurt haben 22 Prozent der institutionellen Investoren ihre Aktien verkauft, 40 Prozent erwarten nun fallende Kurse.

Für Verhaltensökonom Joachim Goldberg, der die Umfrage auswertet, liegt das aber nicht an der geopolitischen Krise. Die Anlageprofis seien nach dem Reset zum Jahresanfang, was die Performance angeht, einfach vorsichtiger geworden. Goldberg vermutet, dass die aktuellen Pessimisten bei Dax-Notierungen von 12.820 bis 12.850 Punkten wieder kaufen würden.


Bei einer Gewöhnung an die geopolitische Krise dürfte die Angst wachsen, eine weitere Aufwärtsbewegung am Aktienmarkt zu verpassen. „Anleger betrachten die Korrektur als Gelegenheit, Positionen aufzubauen“, sagte Sentimentexperte Stephan Heibel, Inhaber des Analysehauses Animusx, bereits am Montag dieser Woche.

Zwar sei, zum damaligen Zeitpunkt, die Korrektur noch nicht abgeschlossen. „Es dürfte sich aber lohnen, in den kommenden Tagen am Ball zu bleiben, um günstige Einstiegsgelegenheiten zu erkennen und zu nutzen“, meinte er.

Die britische Notenbank stimmt die Investoren auf die Möglichkeit einer Zinssenkung im Brexit-Jahr 2020 ein. Auf einer Konferenz der Bank of England (BoE) stellte deren Chef Mark Carney am Donnerstag eine „relativ schnelle“ Reaktion der Währungshüter in Aussicht, falls sich eine anhaltende Schwäche der Wirtschaft abzeichnen sollte.

Das Pfund Sterling verlor nach den Äußerungen Carneys jeweils etwa ein halbes Prozent auf 1,3039 Dollar und 1,1735 Euro. Damit summiert sich das Minus seit dem Wahlsieg von Premierminister Boris Johnson im Dezember auf rund zwei Prozent.

Die aktuellen Konjunkturdaten zeigen ein gemischtes Bild: Die deutschen Exporteure mussten im November einen überraschend deutlichen Rückschlag hinnehmen. Ihre Ausfuhren sanken um 2,3 Prozent zum Vormonat und damit so stark wie seit April 2019 nicht mehr.

Gleichzeitig haben die deutschen Unternehmen ihre Produktion im November so kräftig wie seit anderthalb Jahren nicht mehr gesteigert. Industrie, Bau und Energieversorger stellten zusammen 1,1 Prozent mehr her als im Vormonat. Ökonomen hatten nur mit einem Plus von 0,7 Prozent gerechnet.

Die schwindende Furcht vor einem Krieg in der nahen Golf-Region beschert dem türkischen Aktienmarkt den größten Kurssprung seit drei Monaten. Der Istanbuler Leitindex steigt um 3,7 Prozent. Auch die Währung des Landes ist gefragt. Dies drückt den Kurs von Dollar und Euro um jeweils etwa ein Prozent auf 5,8595 und 6,4910 Lira.

Blick auf die Einzelwerte

Varta: Anleger nutzen den jüngsten Kursrutsch der Aktie zum Wiedereinstieg. Die Papiere des Batterieherstellers stiegen um 3,2 Prozent, nachdem sie am Mittwoch unter anderem wegen trüber Geschäftsaussichten um fast 22 Prozent eingebrochen waren. 

Aixtron: Eine Kaufempfehlung ermunterte Anleger zum Einstieg. Die Aktien des Spezialmaschinen-Bauers stiegen um 6,09 Prozent auf etwa 9,66 Euro. Die Experten des Bankhauses Lampe stuften die Papiere auf „buy“ von „hold“ hoch und hoben das Kursziel auf 12,50 von neun Euro an. 

Evotec/Bayer: Das Biotechunternehmen Evotec und der Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer haben ihre Partnerschaft im Bereich Frauengesundheit erweitert. Die Unternehmen teilen sich den Angaben zufolge die Verantwortlichkeit während der präklinischen Entwicklung möglicher Wirkstoffkandidaten. Bayer wird für eine anschließende klinische Entwicklung und Vermarktung verantwortlich sein. Evotec erhält eine Vorabzahlung von 6,5 Millionen Euro sowie zehn Millionen Euro an Forschungszahlungen über fünf Jahre. Der Kurs von Evotec stieg um 3,3 Prozent, der von Bayer legt um knapp ein Prozent zu.

Cancom: Die Papiere von Cancom rutschten um 6,57 Prozent ab, nachdem Firmenchef Thomas Volk überraschend seinen Abgang zum 31. Januar angekündigt hatte. Grund seien unterschiedliche Auffassungen über die Geschäftsstrategie. Der Führungswechsel könnte Übernahmespekulationen neue Nahrung geben und die Aktie kurzfristig zurück ins Plus leiten, sagte ein Börsianer. 

Lufthansa: Die Entspannung beim Ölpreis ermuntert Anleger zum Wiedereinstieg bei Fluggesellschaften. Für sie ist Treibstoff der Hauptkostenfaktor. Die Aktien der Lufthansa steigen um rund vier Prozent. Die Titel von Air France-KLM gewannen ebenfalls rund vier Prozent. Der Ölpreis hatte am Mittwoch etwa vier Prozent nachgegeben. Die Air-France-Titel profitierten zusätzlich von steigenden Passagierzahlen, vor allem im ertragsstarken Nordamerikageschäft, sagt ING-Analyst Quirijn Mulder.

Was die Charttechnik sagt

Ein Blick auf den Kursverlauf der vergangenen Wochen zeigt: Bei rund 13.400 Punkten war ein wichtiger Widerstand. Seit Mitte November scheiterte der Dax mehrfach an dieser Hürde. Die höchste Notierung gab es bislang Mitte Dezember mit 13.425 Zählern.

Der heutige Sprung über die Barriere bei 13.400 Punkten könnte deshalb neues Aufwärtsmomentum entfachen, um das Rekordhoch (13.597 Zähler) ins Visier zu nehmen. Die Tiefs dieser Seitwärtsbewegung seit Mitte November sind bei 12.948, 12.886 und 12.927 zu finden und bilden daher die wichtigen Unterstützungsmarken.

Wie wichtig dieser gesamte Bereich aus charttechnischer Sicht ist, zeigt ein Blick auf den Kursverlauf der vergangenen drei Jahre. Denn die vergangenen Jahreshochs liegen eng beieinander: 2019 mit 13.426 Zählern, 2018 mit 13.597 Punkten, gleichzeitig Allzeithoch, und 2017 mit 13.526 Zählern. Ein Abprall von dieser Marke oder ein Ausbruch dürfte weichenstellend für Monate, Quartale oder Jahre sein. 

Handelsblatt-Analystencheck 

Die US-Investmentbank Bank of America (BofA) hat das Kursziel für Siemens von 135 auf 142 Euro angehoben und die Einstufung auf „buy“ belassen. 2020 werde ein großes Jahr für den Industriekonzern, schrieb Analyst Alexander Virgo. Der Ausblick des Unternehmens lasse allerdings einen verhaltenen Start ins Jahr erwarten. Die nunmehr auf den Annahmen für 2021 basierende Bewertung reflektiere steigende Margen.

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