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Dax fällt unter 12.000 Punkte – Lufthansa verliert mehr als neun Prozent

Der deutsche Leitindex weitet die Kursverluste der vergangenen beiden Tage deutlich aus. Er fällt unter eine wichtige charttechnische Marke.

Erfolgreicher Börsenmonat Mai, erfolgreicher Start in den Juni. Foto: dpa

Der Dax war am Donnerstag im Korrekturmodus. Zum Handelsschluss lag der deutsche Leitindex 4,5 Prozent im Minus bei 11.970 Punkten und fuhr damit den größten Tagesverlust seit fast drei Monaten ein. Zwar wurde in Hessen der Feiertag Fronleichnam begangen, am Börsenplatz Frankfurt wurde aber dennoch gehandelt.

Weiter angetrieben wurde der Abwärtstrend vom schlechten Handelsstart der Wall Street. Der Dow Jones notierte am Donnerstag deutlich schwächer.

Alle Dax-Einzelwerte schlossen in der Verlustzone. Die Konjunktursorgen treffen vor allem die Reise- und Tourismuswerte, die Lufthansa-Aktie schloss mehr als neun Prozent im Minus. Auch die Aktien der Autobauer BMW, Daimler und VW gaben deutlich nach. Die Branchenexperten des Beratungsunternehmens EY gehen davon aus, dass die Mehrzahl der großen Hersteller im Juli rote Zahlen präsentieren muss.

Durch den aktuellen Kursrutsch korrigiert der Dax nun seine jüngste fulminante Erholungsrally, es droht der vierte Handelstag in Serie mit Verlusten. Zum Ende der Vorwoche hatte das deutsche Börsenbarometer noch bei 12.857 Zählern notiert, nachdem er in nur elf Tagen ohne größeren Stopp um bis zu fast 19 Prozent gestiegen war.

Bislang hatte der Dax die 200-Tage-Linie gehalten, die bei 12.137 Punkten liegt. Diese Linie beschreibt den gleitenden Durchschnitt der vergangenen 200 Börsentage. Nun hat der Dax diese Linie nach unten durchbrochen. Als Faustregel gilt hierbei: Durchbricht der Kurs die 200-Tage-Linie von oben nach unten, heißt es verkaufen. Der Kurs dürfte dann weiter fallen.

Vor allem die Sitzung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) vom Vorabend sorgt bei Anlegern für Verunsicherung. Die Fed signalisierte, dass die Coronakrise die Leitzinsen in den USA über Jahre hinaus an der Nulllinie halten werde. Die Pandemie und ihre Folgen dürften die Wirtschaft, den Arbeitsmarkt und die Inflation stark belasten.

Die Fed befinde sich zwischen Krisenmodus und Aufbauhilfe, sagte Christian Scherrmann, Volkswirt bei der Vermögensverwaltung DWS. „Die Unsicherheiten sind nach wie vor groß, und die Aussichten implizieren einen langen Weg zur endgültigen Erholung.“

Fed-Chef Jerome Powell warnte vor erheblichen konjunkturellen Risiken: „Vor der Wirtschaft liegt ein sehr unsicherer Weg.“ Erst in den nächsten Monaten werde sich herausstellen, wohin die Reise wirklich gehe. Die Fed erwartet, dass die Wirtschaftsleistung dieses Jahr um 6,5 Prozent einbrechen und 2021 um 5,0 Prozent zulegen wird.

Die US-Notenbank rechnet also nicht mehr mit einem V-förmigen Verlauf der Wachstumskurve, bei dem einem steilen Absturz der Wirtschaftsleistung schnell ein ebenso starker Aufschwung folgt, sondern mit einem U: Dabei folgt auf einen Tiefpunkt zunächst eine Phase der Unsicherheit und erst später eine schleppende Erholung.

Dazu passt, dass die wöchentliche Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in den USA nur leicht abebbt. Insgesamt stellten vorige Woche 1,542 Millionen Bürger einen Antrag auf staatliche Stütze, wie das Arbeitsministerium am Donnerstag mitteilte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten mit 1,55 Millionen gerechnet, nach einer revidierten Zahl von Erstanträgen in der vorangegangenen Woche von 1,897 Millionen.

Einzelwerte im Fokus

Lufthansa: Mit einem Minus von zeitweise 9,1 Prozent gehörten die Lufthansa-Aktien zu den größten Verlierern. Zuletzt lagen die Titel noch 8,3 Prozent im Minus. Fast jeder fünfte Mitarbeiter muss um seinen Job bangen. Die Fluggesellschaft leidet massiv unter der Coronavirus-Pandemie, in der der Flugverkehr fast völlig zum Erliegen gekommen ist. Das Unternehmen will nun mit den Gewerkschaften darüber verhandeln, wie die Personalkosten gesenkt werden können. Durch den Kursrutsch machte die Lufthansa-Aktie einen Großteil ihrer seit Mitte Mai gelaufenen Erholung wieder zunichte.

Infineon: Die Aktie des Chipherstellers litt neben den trüben Wirtschaftsaussichten zusätzlich unter einem negativen Votum der Credit Suisse. Die Schweizer Bank nahm die Bewertung der Papiere des Chipkonzerns mit „Underperform“ wieder auf. Infineon-Papiere büßten 5,8 Prozent ein.

Brenntag, Eckert & Ziegler Strahlen und K & S: Die drei Unternehmen wurden am Donnerstag mit einem Dividendenabschlag gehandelt. Brenntag verlor 9,7 Prozent, Eckert & Ziegler Strahlen 3,8 Prozent und K & S 5,1 Prozent.

Europcar: Die Aktien des französischen Autovermieters gaben 7,8 Prozent nach. Seit Jahresbeginn haben sie fast die Hälfte an Wert eingebüßt. Die Experten der Ratingagentur Moody’s kappten am Mittwochabend ihre Einschätzung der Kreditwürdigkeit auf Caa1 von B2. „Die heutige Ratingveränderung spiegelt die längerfristigen Auswirkungen der Coronavirus-Krise auf die Nachfrage nach Mietwagen wider, die dazu führt, dass die Kreditrahmenbedingungen und die Einnahmen mindestens das Jahr 2021 hindurch schwach bleiben werden“, sagte Analyst Eric Kang.

Weitere Assetklassen

Die Aussicht auf jahrelang niedrige Zinsen in den USA ließ Anleger zu Anleihen greifen. Die Renditen gerieten im Gegenzug am Donnerstag unter Druck. Die Verzinsung der zehnjährigen deutschen Bundesanleihen sank auf minus 0,417 Prozent. Sie folgten damit den US-Papieren, deren Rendite auf 0,671 Prozent zurückging.

Auch die Ölpreise gaben deutlich nach. Ein Barrel (159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent verbilligte sich am Donnerstag um sieben Prozent auf 38,80 Dollar, leichtes US-Öl kostete mit 36,30 Dollar 8,3 Prozent weniger.

Neben dem düsteren Konjunkturausblick der Fed lastete der überraschende Anstieg der US-Rohölvorräte am Vortag auf den Preisen. Die Rohölvorräte in den USA sind in der vergangenen Woche auf einen Rekordwert gestiegen. Sie legten laut Energieministerium um 5,7 Millionen auf 538,1 Millionen Barrel zu. Analysten hatten dagegen mit einem Rückgang gerechnet.

Was die Charttechnik sagt

Die laufende Korrektur im intakten mittelfristigen Aufwärtstrend vom März-Tief könnte sich kurzfristig fortsetzen, schreiben die Experten der Société Générale.

Ein bearishes Anschlusssignal entstünde unter 12.471 Punkten. Darunter befindet sich eine aktive Zielzone bei aktuell 12.268 bis 12.353 Punkten. Bei derzeit 12.174 Punkten fungiert die steigende 100-Stunden-Linie als weiterer Support. Die 200-Tage-Linie notiert bei 12.137 Punkten. Am Donnerstag durchbrach der Leitindex all diese Linien nach unten.

Mit Blick auf die Oberseite bedarf es eines Anstiegs auf über 12.664 Punkte per Stundenschluss, um ein erstes Entspannungssignal zu erhalten. Kurzfristig bullish mit möglichem Ziel 12.865 und 12.913 Punkte würde es oberhalb des Reaktionshochs bei 12.764 Punkten.

Mit Material von dpa und Reuters.

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