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Kurzarbeit im Autoland: Daimler, Opel und VW schicken Zehntausende in Zwangsurlaub

Die deutschen Fahrzeugfabriken stehen länger still als zunächst geplant: Der Mercedes-Hersteller verlängert den Shutdown bis nach Ostern. Opel geht noch deutlich weiter.

Das Coronavirus hat geschafft, was weder im Zuge der Finanzkrise, des Dieselskandals noch einer Naturkatastrophe eingetreten ist: Die Arbeit in den deutschen Automobilwerken liegt nahezu gänzlich brach. BMW, Daimler, VW, Opel oder Ford hatten selbst nach dem Einbruch der Kapitalmärkte infolge der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers 2008 die Bänder am Laufen gehalten. Seit Anfang dieser Woche aber herrscht Ruhe in den Fabriken.

Und diese Ruhe dürfte noch länger anhalten als ursprünglich gedacht. Jedenfalls verlängerte Daimler am Donnerstag die Schließzeiten für seine europäischen Werke um weitere zwei Wochen. Bis zum 17. April wird der weltgrößte Hersteller von Premiumautos und Lastwagen nun die Produktion stoppen. „Das ist nötig geworden, weil im Moment die Nachfrage nicht da ist“, sagte Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht dem Handelsblatt.

Die Schwaben stehen mit ihrer Entscheidung nicht allein. Parallel zu Daimler bestätigte am Donnerstag auch die PSA-Tochter Opel, Tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken. Die Beschäftigten in den Werken in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach sollen „vorsorglich“ gleich für ein halbes Jahr ihre Arbeitszeit verkürzen.

„Wir hoffen jedoch sehr, diese früher beenden zu können“, erklärte ein Unternehmenssprecher. Zuvor hatte bereits Volkswagen angekündigt, rund 80.000 Mitarbeiter in Deutschland in den Zwangsurlaub zu schicken.

In Summe müssen sich mehr als 200.000 Beschäftigte in Deutschlands größter Industrie auf kleinere Gehaltseinbußen einstellen. Selbst im schlechtesten Fall bekämen aber beispielsweise die Mitarbeiter von Daimler während der Phase der Kurzarbeit immer noch 80 Prozent ihres Nettolohns ausbezahlt. Auf die Beschäftigten allein sollen die Lasten aber nicht abgewälzt werden.

Debatte um Boni

„Wir müssen jetzt auch schnell eine Diskussion über einen Beitrag der Führungskräfte führen“, sagte Daimler-Betriebsrat Brecht. Auch bei VW regen sich entsprechende Gedanken. Die Bonuszahlungen für die Führungskräfte des Mehrmarkenkonzerns summieren sich auf rund eine Milliarde Euro, wie es in Kreisen des Unternehmens hieß.

Wenig wahrscheinlich ist es, dass die Dividende für das vergangene Jahr gestrichen werden könnte. „Damit könnten wir zwar die Liquidität unseres Konzerns schonen“, sagte ein Vorstand eines großen Herstellers, der anonym bleiben wollte. Der Druck auf die Aktienkurse würde damit aber noch weiter ansteigen.

Der Einbruch an den Börsen sorgt schon jetzt für wilde Spekulationen über eine mögliche Übernahme von Daimler durch die chinesischen Großaktionäre BAIC und Geely-Gründer Li Shufu. Finanzexperten halten eine solche Übernahme zwar für sehr unwahrscheinlich. Brecht betonte aber: „Unser Börsenkurs ist ein Schnäppchen, wir werden daher wachsam sein müssen.“

Daimlers oberster Arbeitnehmervertreter mahnt aber auch an anderer Stelle: „Es gibt ein Leben nach Corona. Dafür müssen wir uns rüsten.“ So tüfteln etwa Mercedes-Ingenieure trotz Produktionsstopp weiterhin an der Fertigstellung der neuen S-Klasse. Das Flaggschiff der Marke mit dem Stern soll Ende des Jahres vom Band rollen.

Brecht fürchtet, dass der Shutdown der deutschen Automobilproduktion noch über Mitte April hinaus anhalten könnte. „Wir werden sehen müssen, wie die Gesamtsituation und damit die Nachfrage sich entwickeln.“ Die Frage, wie lange die Arbeit in den Fabriken ruhen müsse, könne heute niemand realistisch beantworten.

Klar ist aus seiner Sicht, dass die Produktion nach dem abrupten Stopp eher schleppend anlaufen dürfte. „Gleich auf Volllast werden wir nicht gehen können“, sagte Brecht. Alleine schon aufgrund der verschärften Hygienemaßnahmen müsste die Arbeit am Band entzerrt werden. Er erwartet zudem Engpässe bei den Zulieferern. „Da ist es wie nach einer Vollsperrung auf der Autobahn. Wenn die aufgehoben wird, dann rollt der Verkehr nach dem Stau erst nach und nach an.“

Gerade in Italien und Spanien, den beiden europäischen Ländern, die besonders mit der Eindämmung der Pandemie zu kämpfen haben, steht die Produktion für unbestimmte Zeit still. Daimler ist wie VW und andere Hersteller auf eine Zulieferung aus diesen beiden Staaten angewiesen. Derzeit werde nach Alternativen gesucht, mit denen die Ausfälle kompensiert werden könnten, hieß es in den Reihen der Unternehmen.

Hoffen auf China

Noch wichtiger für die Autoindustrie ist aber, dass die Nachfrage zügig wieder anspringt. Aktuell haben Europäer und Amerikaner andere Sorgen, als sich über eine Anschaffung eines Neuwagens Gedanken zu machen. Konkrete Absatzzahlen haben die Unternehmen bislang nicht bekanntgegeben. Als in China aber die Fabriken bereits Anfang Februar wegen des Coronavirus schließen mussten, war die Nachfrage um über 80 Prozent gefallen. In Europa und den USA dürfte es kaum besser aussehen.

Mittlerweile gilt China aber vielen in der Industrie als Blaupause für die weitere Entwicklung. So sieht etwa Daimler-Chef Ola Källenius das Geschäft in Fernost nach dem herben Einbruch mittlerweise fast wieder auf dem normalen Niveau angekommen. Die Mercedes-Fabriken in Peking dürften in einigen Wochen schon wieder mit voller Auslastung produzieren, erklärte Källenius Anfang der Woche im Handelsblatt-Interview: „Tag für Tag kommen mehr Menschen in die Autohäuser. Die Nachfrage zieht an.“

Doch Skepsis ist angebracht. Andreas Radics, Partner bei Berylls Strategy Advisors, geht davon aus, dass der globale Autoabsatz dieses Jahr um etwa zehn Prozent schrumpfen wird. Es sei aber nach wie vor zu früh, den Einfluss der Pandemie auf die Autoindustrie genau zu beziffern, mahnt der Branchenexperte. „Aber ich gehe davon aus, dass wir bisher nur einen Bruchteil der Verwerfungen sehen.

Nicht zuletzt, weil sich mittelfristig auch das Verhalten der Konsumenten ändern wird“, sagt Radics. „Nur Hersteller, die schnell eine neue Strategie für Produktion, Handel und Modellportfolio entwickeln und damit auf die Krise flexibel reagieren können, werden mit einem blauen Auge davonkommen.“

Daimler hat immerhin die Zeit genutzt, als in China die Werke bereits stillstanden, um sein Luxusmodell S-Klasse in Europa vorzuproduzieren, heißt es in Konzernkreisen. Diese Lagerbestände würden nun nach Asien verschifft, um die anziehende Nachfrage dort zu bedienen.

Der Konzern baut seine Edellimousine ausschließlich in seiner Fabrik in Sindelfingen, die jetzt auch stillgelegt wird. Mit dem Export der S-Klasse bekommt Daimler nun zumindest etwas Geld in die Kasse. Liquidität sichern hat höchste Priorität. „Cash is king“, bemerkte ein Vorstand dazu.