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Durch die Coronakrise rückt das Schuldenproblem Chinas in den Fokus

Die Regierung in Peking hilft der chinesischen Wirtschaft mit fiskalischen Stützen. Das lässt den Schuldenberg der Volksrepublik weiter anschwellen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass die Wachstumsrate der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt im Jahr 2020 auf 5,6 Prozent fallen wird.  Foto: dpa

Chinas Lokalregierungen legen derzeit zahlreiche große und kleine Unterstützungsprogramme für heimische Unternehmen auf. Steuererleichterungen und reduzierte Sozialabgaben gehören zu den häufigsten Hilfen. Die chinesische Wirtschaft leidet seit Wochen unter den Folgen der Coronavirus-Krise. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass das Wachstum der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt im Jahr 2020 auf 5,6 Prozent fallen wird. 

Doch die chinesische Regierung will einen heftigen Einbruch verhindern, besonders um größere Verluste von Arbeitsplätzen zu stoppen. Die bisherigen Konjunkturstützen dürften daher erst der Anfang sein. „Der Großteil der Ausgaben wird im zweiten und dritten Quartal getätigt werden“, sagt Wang Tao, China-Chefvolkswirtin bei der Schweizer Großbank UBS. 

Die Corona-Krise zeigt ein altbekanntes Problem Chinas auf: Die hohe Verschuldung des Landes, die nun weiter zunehmen wird. Wang rechnet damit, dass vor allem die Lokalregierungen Kredite aufnehmen. „Es wird höhere Ausgaben geben, und diese Ausgaben werden durch Schulden finanziert“, sagt sie. 

Der Trend ist schon jetzt deutlich sichtbar: Chinas Lokalregierungen haben in den ersten beiden Monaten des Jahres einen Rekordbetrag an neuen Schulden aufgenommen. Laut aktuellen Daten des chinesischen Finanzministeriums haben sie im Januar und Februar 1,2 Billionen Yuan (rund 150 Milliarden Euro) an Anleihen ausgegeben, 56,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. 

Chinas Verschuldung wächst seit Jahren immer weiter. Vor allem nach der Finanzkrise führten Konjunkturmaßnahmen zu einem massiven Anstieg der staatlichen Ausgaben, in der Folge stieg die Bruttoverschuldung (also die Schulden von Staat, privaten Haushalten und Unternehmen zusammen) im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 140 Prozent im Jahr 2007 auf 261 Prozent im zweiten Quartal 2019. Die Ratingagentur DBRS Morningstar schätzt, dass allein Chinas Staatsschuldenquote bis 2024 auf 76,6 Prozent des Bruttoinlandproduktes steigen wird.

Doch Nichtstun ist keine Alternative. Der Handelsstreit mit den USA hat die heimischen Firmen bereits im vergangenen Jahr belastet, nun kommt die Coronavirus-Krise hinzu. Seit Wochen kaufen Verbraucher in China nur noch das Nötigste, in weiten Teilen des Landes standen bis vor Kurzem die Fabriken still, Lieferketten sind unterbrochen. Die Wirtschaft findet nur langsam zur Normalität zurück. Doch nun droht weitere Belastung durch neue Corona-Fälle im Ausland.

Die Verschuldung chinesischer Unternehmen gehört bereits jetzt zu den höchsten weltweit und sorgte in der Vergangenheit für Unruhe bei Investoren. Nach Berechnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) lag die Verschuldung der Unternehmen im Jahr 2018 bei etwa 152 Prozent von Chinas Wirtschaftsleistung. In Deutschland lag diese Quote bei rund 57 Prozent, in den USA bei 74 Prozent.

Für manche Unternehmen ist der Corona-Schock der Faktor, der sie entscheidend in Schwierigkeiten bringt. So musste der staatliche Mischkonzern HNA Anfang Februar aufgrund von Liquiditätsengpässen finanzielle Hilfen bei der chinesischen Provinz Hainan beantragen. Allerdings stand das Unternehmen auch schon vor der Coronavirus-Krise aufgrund exzessiver Einkaufstouren schlecht da.

Insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen, bei denen sehr viele Menschen in China beschäftigt sind, könnte der anhaltenden Umsatzausfall zum Verhängnis werden. 20 Prozent der vom Washingtoner Thinktank „Center for Global Development“ Ende Februar befragten Unternehmen erklärten, dass ihre Liquiditätsreserven nicht länger als drei Monate ausreichen.

„Das spezielle Programm zur Neuvergabe von Krediten und die Verlängerung der Rückzahlungen für Unternehmen, die vom Coronavirus betroffen sind, können dazu beitragen, das Problem des knappen Cashflows zu lösen“, sagt Iris Pang, China-Ökonomin bei der Bank ING. In den vergangenen Wochen wurden mehrere Referenzzinssätze in China gesenkt, die vor allem auf die kurzfristige Bereitstellung von mehr Liquidität im Markt abzielen. Chinas Regierung hat Banken zudem angewiesen, bei der Fälligkeit von Krediten ein Auge zuzudrücken.

Entlassungswellen könnten die Macht Pekings bedrohen

Beobachter rechnen damit, dass Chinas Zentralbank möglicherweise noch in diesem Monat die Anforderungen an die Mindesteinlagen an die Banken, die sogenannte Reserveanforderungsrate (RRR), lockern könnte. Je geringer die Summe ist, die die Banken halten müssen, desto mehr Geld haben sie zur Verfügung, um es zu verleihen.

Chinas Regierung will verhindern, dass es zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit kommt, Entlassungswellen könnten ihre Macht bedrohen. Viele Chinesen ertragen das repressive System auch deshalb, weil es für sie in den vergangenen Jahren wirtschaftlich immer weiter bergauf ging. Eine Zunahme der Schulden könne dazu beitragen, die Beschäftigung zu stabilisieren, was für das Wachstum von Konsum und Investitionen nach dem Ende der Epidemie wichtig sei, so ING-Expertin Pang.

Die Förderung der Wirtschaft durch staatliche Konjunkturprogramme hat in China eine lange Tradition. Bereits in den vergangenen Jahren hat die Staatsführung versucht, mit Stimuli das erlahmende Wirtschaftswachstum anzuregen.

Das Defizit in Chinas Staatshaushalt nimmt daher seit mehreren Jahren zu und betrug in den vergangenen drei Jahren durchschnittlich 2,9 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Viele Experten schätzen das Defizit jedoch noch weit höher ein. 

Auch wenn die Coronakrise vorbei ist, werden die Folgen nachhaltig sein. „Es wird Jahre dauern, bis die Schulden beglichen sind“, so UBS-Volkswirtin Wang. Zudem setzt China seine Investitionen nicht effizient und effektiv ein. „Ein Großteil der Schulden, die entstehen, sind im Grunde nicht produktiv“, sagt Alicia Garcia Herrero, Asien-Pazifik-Chefökonomin der französischen Bank Natixis. Sie reichten nicht aus für das Wachstumsniveau, das China betreibe. „Das bedeutet ein geringeres Wachstum in Zukunft“, so Garcia Herrero. 

Laut einer aktuellen Analyse der Ratingagentur DBRS Morningstar gibt es ein großes strukturelles Gefälle zwischen Chinas Lokalregierungen und der Zentralregierung. Vereinfacht ausgedrückt sind die Finanzen der Zentralregierung stark, die Finanzen der lokalen Regierungen schwach.

85 Prozent der Gesamtausgaben fallen auf der lokalen Ebene an, dort kommt aber nur die Hälfte der Einnahmen an. Das hat zu enormen Schuldenbergen geführt. Ab einem bestimmten Punkt müsse es eine Umstrukturierung geben. „Und die Zentralregierung sollte ihren Anteil an der Last erhöhen“, so UBS-Analystin Wang. 

Großteil von Chinas Schulden ist inländisch

Die chinesische Zentralregierung versprach angesichts der zusätzlichen Belastungen durch die Folgen des Coronavirus Anfang März mehr Hilfe. China werde die finanzielle Unterstützung für die lokalen Regierungsbehörden verstärken, sagte der chinesische Vize-Finanzminister Xu Hongcai auf einer Pressekonferenz.

Das Finanzministerium werde Transfers, besonders in den vom Virus stark betroffenen Regionen, beschleunigen, um den normalen Betrieb der Kommunalverwaltung zu gewährleisten und die Gehaltszahlungen sicherzustellen, so Xu. 

Der Großteil von Chinas Schulden ist inländisch, so UBS-Expertin Wang, das mache die Volksrepublik weniger anfällig als andere Länder. „Wenn die Steuereinnahmen wieder steigen, weil das Coronavirus in China unter Kontrolle ist und die Fabriken die Arbeit bis zum Ende des ersten Halbjahres wieder aufnehmen und die Verbraucher in die Einkaufszentren und Restaurants zurückkehren, dann sollte der fiskalpolitische Druck im zweiten Halbjahr nachlassen“, so ING-Ökonomin Pang. 

Die große Frage ist jedoch, wie sich der positive Trend in China bei der Zahl der Neuinfizierten in den nächsten Wochen entwickeln wird. Experten warnen davor, dass auch das Risiko von Neuinfektionen wieder steigt, wenn die von den Provinzregierungen erlassenen Vorsichtsvorkehrungen nach und nach wieder gelockert werden. Zudem steigt die Gefahr von Ansteckungen durch Reisende, die von betroffenen Gebieten aus dem Ausland nach China zurückkehren.

Mitarbeiter mit Mundschutz arbeiten in einem Werk eines Unternehmens, das Autofenster herstellt. Anfang dieser Woche wurden in der Provinz Hebei mehrere tausend Arbeiter wieder eingestellt. Foto: dpa