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Corona-Mutation: Airline-Manager verzweifeln am Regelchaos

Delhaes, Daniel Koenen, Jens
·Lesedauer: 5 Min.

Bei den Maßnahmen gegen die Virusmutation herrscht in Europa Uneinigkeit. Bei der Lufthansa schlägt sich das sogar innerhalb des Konzerns nieder.

Der Frust bei Alexis von Hoensbroech ist groß. Der Chef der Lufthansa-Tochter AUA muss bis zum 24. Januar alle Flüge von und nach Südafrika streichen. Auch darf er bis zu diesem Datum keine Rückflüge aus Großbritannien anbieten. Was den Luftfahrtmanager dabei besonders erzürnt: Über die Drehkreuze Dubai oder Istanbul ist mit Airlines wie Emirates oder Turkish Airlines eine Rückreise nach Österreich weiterhin erlaubt.

„Wir sind gesetzlich verpflichtet, unsere Passagiere auf andere Airlines umzubuchen und auch die Kosten für diese Umbuchung zu tragen“, ärgert sich von Hoensbroech. „Damit sind die Landeverbote epidemiologisch wirkungslos, da die Reisenden weiter völlig ungehindert nach Österreich kommen, während allein wir als österreichische Fluglinie den Schaden tragen.“

Das Beispiel zeigt: Die als besonders ansteckend geltenden Corona-Mutationen, die in Großbritannien und Südafrika aufgetaucht sind, führen zu einem auch für Passagiere kaum noch nachvollziehbaren Chaos bei den Reisebeschränkungen. Die europäischen Staaten eint die Furcht vor einer schnellen Ausbreitung der neuen Varianten. Bei den Maßnahmen gibt es dagegen keine Einigkeit.

So darf Lufthansa seit dem Jahresbeginn deutsche Staatsbürger aus Südafrika, Großbritannien und seit dem vergangenen Freitag auch aus Irland zurück in ihre Heimat befördern – allerdings gegen Vorlage eines negativen Coronatests. Dieser gültige PCR- oder Antigentest muss nach Aussage eines Lufthansa-Sprechers frühestens 48 Stunden vor Ankunft in Deutschland durchgeführt werden, und er muss den Anforderungen des Robert Koch-Instituts (RKI) entsprechen.

Bundesregierung ist sich uneinig

Bis es zu dieser Regelung kam, musste allerdings auch Lufthansa die Uneinigkeit der Politiker erfahren – selbst innerhalb der deutschen Regierung. Als sich die Mutation in Großbritannien und Südafrika kurz vor Weihnachten zunehmend ausbreitete, herrschte im Kanzleramt Alarmstimmung. Es gab Telefonschaltrunden am vierten Advent.

Am 22. Dezember galt dann per Verordnung: Personen, die nach Deutschland einreisen und sich in den zehn Tagen zuvor in Großbritannien, Nordirland oder der Republik Südafrika aufgehalten haben, mussten sich beim zuständigen Gesundheitsamt melden und einen negativen Coronatest vorlegen, der höchstens 48 Stunden vor der Einreise vorgenommen wurde.

Doch nach Informationen des Handelsblatts aus Regierungskreisen herrschte bei der Diskussion der Maßnahmen alles andere als Einigkeit. Widerspruch zur Testpflicht vor dem Heimflug von deutschen Bundesbürgern kam vom Auswärtigen Amt und vom Verkehrsministerium. Jeder deutsche Staatsbürger habe das Recht, in seine Heimat zurückkehren zu dürfen, gaben die Beamten zu bedenken.

Tatsächlich kann die Bundesregierung deutschen Staatsbürgern die Einreise grundsätzlich nicht verweigern. Auch sei die Testpflicht ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit, hieß es.

Noch viel größer war ein anderes Problem: In Südafrika war es zu dem Zeitpunkt gar nicht möglich, sich präventiv testen zu lassen. Nur wer Symptome zeigt, kann dort einen Test machen. Die Testkapazitäten in dem Land sind begrenzt.

Testkapazitäten in Südafrika fehlen

Wie Teilnehmer der Krisenrunden berichten, schlug das Kanzleramt deshalb vor, dass die Lufthansa die Tests organisieren solle. Bis das geschehen sei, so wurde beschlossen, galt bis zum 31. Dezember ein generelles Landeverbot für Flugzeuge aus Südafrika und Großbritannien.

Wie aktuell bei AUA musste auch Lufthansa deshalb Passagiere auf Flüge etwa des Kontrahenten Qatar Airways über Doha umbuchen. Diese Flüge waren nicht untersagt. Selbst Air France-KLM durfte in den Tagen Passagiere aus Südafrika befördern, obwohl die französische Regierung gleichzeitig wegen der Mutation die Grenze zu Großbritannien kurzfristig schloss.

Doch die Idee des Kanzleramts, Lufthansa die Tests zu übertragen, war nicht so einfach zu realisieren. Es stellte sich heraus, dass die Lufthansa ihre Passagiere nicht selbst mal eben testen kann. Auch dürfe die Lufthansa nicht ohne Weiteres medizinische Produkte nach Südafrika einfliegen, um den Engpass vor Ort zu beheben, wird in Regierungskreisen berichtet.

Doch die Bundesregierung fand eine neue Lösung: Vor dem Start des Jets klärte die Bundespolizei anhand der Passagierliste vorab, dass ausschließlich deutsche Bundesbürger an Bord waren. In Frankfurt gelandet, mussten sich die Passagiere noch im Transitbereich in einem mobilen Zentrum testen lassen. Inzwischen soll Lufthansa einen privaten Dienstleister gefunden haben, der in Südafrika Tests durchführt. Lufthansa selbst will sich zu den Vorgängen nicht äußern, verweist lediglich auf die aktuell geltenden Vorgaben.

Für die Lufthansa-Tochter AUA ist das von der Regierung in Wien nun bis 24. Januar verlängerte Einreiseverbot für Österreicher doppelt ärgerlich. Denn die Airline hat traditionell viele Umsteiger auf den Flügen aus Südafrika an Bord. Von Hoensbroech beziffert den Anteil auf immerhin 40 Prozent. Bei Flügen aus Großbritannien seien es rund 30 Prozent.

Diese Fluggäste würden gar nicht einreisen, sondern ausschließlich den Transitbereich in Wien betreten. Dennoch muss AUA diesen Kunden nun auf eigene Kosten Alternativflüge verschaffen.

Von Hoensbroech hat Zweifel, dass mit den sehr unterschiedlichen Maßnahmen in den einzelnen Ländern wirklich für Sicherheit gesorgt wird. „Wir fordern flächendeckende Einreisekontrollen mittels Coronatest nach Ankunft für alle Reisenden aus Südafrika und Großbritannien, unabhängig von ihrer Flugroute“, sagte der AUA-Chef. „Damit können sämtliche Hintertüren geschlossen werden, und es kann mit wirkungsvollen Methoden gegen die Eindämmung des Virus gekämpft werden.“

Insgesamt sorgt die Flut an Reisebeschränkungen wegen der Mutationen dafür, dass der Luftverkehr noch weiter abnimmt. Nach Großbritannien darf seit dieser Woche zum Beispiel nur noch einreisen, wer einen maximal 72 Stunden alten negativen Test vorweisen kann. Sonst droht eine satte Strafe von umgerechnet rund 550 Euro. Der irische Billiganbieter Ryanair hat deshalb sein Angebot einmal mehr zurückgefahren und will ab Ende Januar kaum noch Flüge von und zu britischen und irischen Flughäfen anbieten.