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Coming Home for Christmas: Aerosol-isoliert im ÖBB-Nachtzug

·Lesedauer: 6 Min.

Das war die Idee des Jahres unseres Kolumnisten: Statt mit dem unkalkulierbar vollen ICE mit dem österreichischen Nightjet von Hamburg in den Schwarzwald. Einsamer und aerosolfreier war Zugfahren vor Weihnachten nie.

Ein Wagen der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) mit dem Schriftzug «nightjet» steht am 16.12.2016 im Hauptbahnhof von München (Bayern). Zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember stellte die Deutsche Bahn (DB) ihre City Night Line ein. Seitdem betreibt die ÖBB einige Nachtzugverbindungen in Deutschland. Foto: Gioia Forster/dpa (Zu dpa «Mit dem Nachtzug durch Deutschland - macht es ÖBB besser als DB?» vom 21.12.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Foto: dpa
Ein Wagen der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) mit dem Schriftzug «nightjet» steht am 16.12.2016 im Hauptbahnhof von München (Bayern). Zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember stellte die Deutsche Bahn (DB) ihre City Night Line ein. Seitdem betreibt die ÖBB einige Nachtzugverbindungen in Deutschland. Foto: Gioia Forster/dpa (Zu dpa «Mit dem Nachtzug durch Deutschland - macht es ÖBB besser als DB?» vom 21.12.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Foto: dpa

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich nach vollgepackten Arbeitswochen auf einer Weihnachtsreise nach Hause so geborgen und sicher gefühlt habe. Und so zufrieden mit der eigenen Entscheidung gegen das Auto.

Denn das hätte mir gerade noch gefehlt. Sieben Stunden allein auf der Autobahn von Nord nach Süd. Danach hätten Sie mich unter oder in den Weihnachtsbaum werfen können, ich hätte nichts mehr gemerkt. Fünfeinhalb Stunden mit dem ICE allerdings bedeutet fünfeinhalb Stunden FFP2. Die Maske dann ausnahmsweise mal abnehmen zu dürfen, um etwas zu essen und zu trinken, ist ja kein Trost, sondern schürt die Unbehaglichkeit. Denn Experten sagen ja: Zwar werden die von den Anderen tief aus ihren Lungenverästelungen rausgehauenen Aerosole von der Klimaanlage nicht kreuz und quer durch die Waggons gepustet, aber doch von links nach rechts in Bereichen von zwei, drei Reihen vor einem und hinter einem. Das sind in der zweiten Klasse, wenn es hochkommt, Aerosole von 24 Menschen. Lassen Sie es in diesen Zeiten zehn Leute sein. Und wenn man im Zug sitzt, hat man mangels Internet oft viel Zeit, sich die herum wabernden Aerosole dieser mindestens zehn wildfremden Menschen bildlich vorzustellen. Ekel statt Vorfreude. Das alles spricht gegen eine schöne Weihnachtsheimreise im ICE.

Doch dann kam mir vor einigen Tagen eine geniale Idee: Beende die Dienstreise doch mit dem Nachtzug. Das Gute: Weil dort ja auch Corona-Alarm herrscht, muss man selbst in den noch verfügbaren Doppelkabinen nicht damit rechnen, dass plötzlich ein anderer reingestolpert kommt, sich irgendwann einmal versonnen räuspert und man selber denkt: Okay, das war’s. Jetzt hast du das Virus auch.

Weil der Deutschen Bahn vor längerem ja der Spaß an echtem klassischen Eisenbahngefühl flöten gegangen war, gibt es ja keine DB-Nachtzüge mehr. Die Österreicher sind dort allerdings mit Leidenschaft dabei – und die Deutsche Bahn übernimmt das, was sie nach eigenen Angaben besser kann als Eisenbahn-Nostalgie: Sie vertreibt auf dem deutschen Markt die Fahrkarten. Die BahnCard 100 habe ich schon, der Aufschlag für eine nur von mir belegte Doppelkabine lag bei 144 Euro. Was allerdings daran lag, dass ich mir selber die Weihnachtsvorfreude hochpeitschen wollte, indem ich mir eine Kabine mit eigenem Klo und einer Dusche gönnte. Denn nur so konnte mein Plan aufgehen, nach dem Einsteigen die Kabine bis zur Ankunft nicht für eine Sekunde zu verlassen. Für maximale Corona-Isolation – für mein gutes Gefühl. Und meiner Familie zuliebe.

Der ÖBB-Nightjet startete um 20 Uhr 50 am Hamburger Hauptbahnhof. Vorher hatte ich noch eine Stunde Zeit. Aber wohin in dieser Stadt, in der nicht mein Zuhause ist? Cafés sind zu, Restaurants auch, Fastfood-Buden haben am Bahnhof alle Sitzplätze abgeklebt. Was bleibt einem da, wenn man im Winter sitzen und ein Dach über dem Kopf haben will? Eine Sitzbank in einem U-Bahnhof (Aerosole!), in einer Kirche (zu kalt!) oder in der DB-Lounge. Und was soll ich sagen: Die Lounge hatte auf! Und in aller Bescheidenheit: Sie hatte geöffnet nur für mich. Denn außer den zwei freundlichen und augenscheinlich gelangweilten Lounge-Mitarbeiterinnen war nur ich da. In einer Lounge, die sonst geschätzt von gut und gerne vierzig, fünfzig Leuten gleichzeitig besucht wird, die dann herumwuseln, um sich kostenlose Kaffees und Lifts abzapfen. Aber das ist gerade alles nicht erlaubt. Die DB-Lounge ist dieser Tage nicht mehr als warm, hell und hell und trocken mit WC. Aber es war eben meine Lounge. Die Mitarbeiterinnen waren Luftlinie von meinem Warteplatz am geöffneten Fenster gute 20 Meter entfernt. Corona-Abstand deluxe.

Doch dann kamen die Österreicher mit ihrem Nightjet vorbei. Der Name des Zuges ist – zugegeben – abschreckend blöd, denn ein Jet ist eben ein düsenbetriebenes Flugzeug. Wie muss das bei so einer Produktmanager-Marketingmanager-Konferenz bei den ÖBB wohl zugehen?

„Was haltets davon, wenn wir unsere Nachtzüge Nightjet nennan?“
„Dös passt wie die Faast aufs Auge, tät ich eimal sagen: Night für Nacht, Jet für Zug.“

So, als würde die Lufthansa eine Flugverbindung nach Mallorca Holidaytrain nennen. Aber gut, ich schweife ab.


Guter Sekt, Stirnabdruckfett am Fenster und Wasserrinnsal aus der Klimaanlage

Zumindest betrat ich dann meine kleine Nachtresidenz im Jet. Obergeschoss, Panorama-Fenster (die im Winter auf einer Fahrt von abends bis halb sechs morgens allerdings natürlich nichts anderes sind als schwarz glänzende Flächen mit Stirnabdruckfett), zwei Stühle am Tisch, Garderobe, Badezimmer mit Dusche, Duschgel, zuschaltbarer, in die Wand eingelassener Heizfläche und sogar Fön.

Gerade war ich dabei, die Seele so richtig durchbaumeln zu lassen, da klopfte es an der Tür, und der dritte Mensch, dem ich auf dieser Reise begegnete, der (Maske tragende) Zugbegleiter, reichte mir am langen Arm eine eisgekühlte Flasche Sekt herein. Die würde mir später beim Einschlafen helfen. „Fürs Frühstück könnan Sie auf der Karte füünf Saachen an-kreuzan.“

Aber erstmal eine heiße Dusche. In der Duschwanne lag noch eine angebrochene Duschgeltube. Da mag der Reinigungsservice einen Augenblick durch irgendetwas Spektakuläres abgelenkt gewesen worden sein. Aber sauber war´s, und das Wasser kam in einem heißen, harten Strahl. Beeindruckend erfrischend. Augen zu, heiß im Nacken, und das leichte Schwanken des Zuges: Weihnachten, ich komme! (Jetzt lassen Sie mir bitte dieses kleine bisschen Chris-Rea-Gefühl in diesen Zeiten!).

Allein auf der ÖBB-Weihnachts-Nachtzug-Isolierstation

Der Fön war so ein vergilbtes 80er-Jahre-Hotelgerät mit Luftschlauch im Staubsaugerformat. Und kam nur auf Zimmertemperatur. Der Sekt war gut, die Einweg-Hotelpuschen groß genug für meine 46er, es gab nicht die Spur von WLAN, die Bettdecke war warm, das Kissen zu klein, zu weich, aber immerhin in Brotlaib-Größe knüllbar. Aber das Beste: Von der Wand neben dem Esstisch rann die ganze Zeit in dünnem Strahl das Wasser der Klimaanlage herab. Dies war für mich das gute Zeichen: Hier wird für mich unter Hochdruck gelüftet (denn regnen tat es nicht). Ich und meine Aerosole - wir waren unter uns. So konnte ich zumindest viereinhalb Stunden schlafen. Auf der ÖBB-Weihnachts-Nachtzug-Isolierstation.

Heute Morgen um 4 Uhr 58 kam das Frühstück. Huch! Es hieß doch 5. Meine Haare! Dann: Mein erstes Honigbutterbrötchen seit Jahren. Fast hätte ich beim Aussteigen die altmodischen Kurbeltürklinken nicht runter gewuchtet bekommen. Das waren noch Zeiten. Bei den ÖBB leben sie weiter – sage ich ohne deutsche Häme. Denn bei der DB gibt es nicht einen eigenen Schlafwagen. Schon irgendwie komisch, dass die da keine Ideen aufbringen, wie man die Kunden mit einem modernen Nachtzugkonzept aus den Hotels auf die Schiene locken kann.

Auf dem Bahnsteig war ich einer von zwei Passagieren. Mein Zugbegleiter und ich winkten uns zum Abschied über zwei Wagenlängen hinweg zum Abschied zu.

Auf meiner 600-Kilometer-Weihnachtszugreise durch ganz Deutschland über insgesamt fast zehn Stunden mit Wartezeit war ich in Lounge und Jet zusammengenommen insgesamt drei Menschen für jeweils rund zehn Sekunden auf zwei Meter nah gekommen. Mit FFP2. Diesen Vorzug des Nachtzugs in Pandemiezeiten konnte damals natürlich wirklich keiner ahnen, als man den CityNightLine und längst davor den InterCityNight aus dem Fahrplan geschmissen hat.

Mehr zum Thema: Vier Staatsbahnen wollen die Nachtzüge in Europa wiederbeleben – etwa von Berlin nach Paris. Die Initiative hätte es wohl nie gegeben ohne das Engagement der Österreichischen Bundesbahnen.