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Comdirect-Chefin: „Ich bin mutig, schaue nicht zurück und kenne keine Angst“

Frauke Hegemann wollte schon als Zehnjährige Bankerin werden. Im Interview verrät sie, was sie in den nächsten drei Jahren lernen will, das sie heute noch nicht kann.

Was Unternehmertum bedeutet, bekam Frauke Hegemann schon als Kind im elterlichen Auto mit. Ihre Mutter leitete damals die familieneigene Textilfabrik und fuhr oft über die Dörfer, um Näherinnen Körbe mit Stoffen zu bringen. Später stand die kleine Frauke an manchen Wochenenden selbst in der Fabrik, um Blusen zuzuknöpfen und in Tüten zu verpacken.

Seit Jahresanfang ist sie Chefin der Onlinebank Comdirect. Das Institut wird im Laufe des Jahres vom Mutterkonzern Commerzbank komplett übernommen.

Hegemann ist im nordhessischen Marburg geboren und im benachbarten Städtchen Kirchhain aufgewachsen. Der Umgang mit Geld macht ihr schon als Kind Spaß. Um ihr Taschengeld aufzubessern, verkauft sie Blumen aus dem Vorgarten und Stoffreste aus der Firma.

Als Schülerin besuchte sie mit ihrer Klasse die Frankfurter Börse – und war begeistert. „Die Tafeln mit den Charts und Preisen, die Bewegung und das Tempo haben mich fasziniert“, berichtet sie. „Damals habe ich gesagt: ‚Da will ich hin.‘“

Im Interview spricht Hegemann darüber, was sie von ihrer Großmutter gelernt hat, was sie besser kann als alle anderen im Team und was sie anderen Chefs gerne ans Herz legen würde.

Frau Hegemann, wissen Sie noch, was Sie werden wollten, als Sie klein waren?
Na klar, wie so viele kleine Mädchen wollte ich ganz früher natürlich Tierärztin werden. Das lag sicher auch daran, dass ich viel mit unserem Hund gespielt habe und häufig draußen war. Erstaunlicherweise wendete sich das schnell. Es gab dabei einen Schlüsselmoment, denn mein Mathelehrer nahm mich mit zur Frankfurter Börse. Und Sie müssen sich vorstellen, als Kind war das für mich sehr, sehr beindruckend. Und von da an war mir klar: Ich möchte Bankerin werden und an die Börse. Damals war ich zehn!

Welche Hobbys hatten Sie in Ihrer Jugend? Worin waren Sie richtig gut?
Ich war einfach gerne draußen – Fahrrad fahren, Rollschuhe laufen oder mit unserem Hund Billi toben. Am liebsten mit meinen Cousins – die waren etwas älter und ich fand es richtig cool, mit den Großen unterwegs zu sein. Ein Talent, wenn man es so nennen mag, habe ich schon früh entdeckt – als ich nämlich anfing, die Blumen aus unserem Garten zu verkaufen. Und als ich merke, das klappt prima, wurde von nun an sämtlicher Hausrat auf dem Flohmarkt verkauft. Ich glaube, ich habe schon früh gelernt, Menschen zu begeistern und zu überzeugen.

Welche Hobbys haben Sie heute? Was begeistert Sie daran?
Für mich ist es wichtig, den Kopf frei zu kriegen. Das klappt am besten, wenn ich draußen in der Natur unterwegs bin. Ich lese und koche gerne. Vielleicht unspektakulär, aber all das erdet mich, genauso wie meine Freunde oder das Reisen. Interessante Gespräche und neue Impulse finde ich spannend.

Was tun Sie für Ihre Gesundheit?
Mir ist eine gesunde Ernährung wichtig, gerade wenn ich viel arbeite, merke ich, dass dies meinen Tag besser macht. Und: Ich trinke gerne viel Tee, auch im Büro. Und natürlich Bewegung und raus an die frische Luft.

Gibt es etwas in Ihrem Leben, das Sie aus Angst gemieden haben und es nun bereuen?
Nein, ich bin eher der mutige Typ und schaue auch nicht zurück. Angst kenne ich nicht, es sei denn, sie ist berechtigt existentiell.

Wer ist Ihr persönliches Rolemodel und warum?
Das sind ganz klar meine Mutter und meine Großmutter. Meine Großmutter war bereits Unternehmerin und das in einer Zeit, in der es absolut nicht üblich war – aber sie hat von Tag eins ihren Mann gestanden. Meine Mutter hat uns als Unternehmerin sehr früh gelehrt, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen und Unternehmer zu sein.

Mein Vater ist leider sehr früh gestorben und so hatte meine Mutter die Aufgabe, mich und meine Schwester – unsere kleine Familie – im wahrsten Sinne des Wortes durchzubringen. Und so habe ich auch schon früh in unserer Textilfabrik hin und wieder aushelfen müssen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mit meiner Mutter dann die Näharbeiten zu den Frauen nach Hause gebracht habe – wenn man so will, waren das damals schon die ersten Tätigkeiten im Homeoffice.

Haben Sie ein persönliches Motto, das Sie antreibt und motiviert?
Ich bin neugierig und glaube, das Leben hat sehr viel zu bieten, wenn man dazu bereit ist, nicht nur die Höhen, sondern auch Tiefen zu akzeptieren – Optimismus und das Vertrauen in sich selbst helfen mir dabei. Vielleicht geht es mir auch nur darum, so viele Erfahrungen wie möglich zu sammeln und diese dann gar nicht in gute oder schlechte aufzuteilen, sondern alle gleichermaßen und wertfrei als sehr wertvoll zu empfinden. „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen“.

Was würden Ihre alten Kollegen oder Ihr alter Chef sagen auf die Frage...
... was Sie auszeichnet?
Ich bin ein guter Zuhörer und wenn ich ein Ziel erkenne, kann mich nur sehr wenig davon abhalten, es zu erreichen.

... was Sie besser können als alle anderen im Team?
Ich glaube, es gibt nicht besser und schlechter, aber ich hatte vielleicht in der Vergangenheit etwas mehr Mut und Umsetzungswillen und war auch bereit, mal zu scheitern.

... was Ihnen schwer fällt?
Ich bin jemand, der Dinge anpackt und umsetzt – das darf dann auch gerne zeitnah sein. Ich übe mich hier aber auch des Öfteren in Geduld, wenn es eben nicht alles immer sofort machbar ist.

Beschreiben Sie eine Arbeitssituation, in der Sie komplett im Flow und erfüllt sind? Was gibt Ihnen Energie im Arbeitsleben?
Ich liebe es, Dinge voran zu bringen, Dinge zu bewegen. Im Flow bin ich, wenn ich merke, dass ich mit tollen Menschen und einem starken Team gestalten kann. Und gerade in der aktuellen Zeit, einer Zeit, in der Digitalisierung in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und sich Rahmenparameter in vielen Branchen ändern, gibt es viel Raum für Neues, viel Raum für Gestaltung. Das finde ich spannend!

Was frustriert Sie und ist Ihr persönlicher Produktivitätskiller?
Mir geht es um Inhalte, nicht um politisches Taktieren.

Wenn ich mich bei Ihren Freunden erkundigen würde: Für welche alternativen Karriereoptionen wären Sie geeignet?
Ganz klar: Unternehmerin aus Leidenschaft.

Welches Tool ist bei der Arbeit für Sie unverzichtbar und welche Apps haben Sie im täglichen Einsatz?
Mein Computer beziehungsweise meine Smart Devices – nichts ist einem heute näher. Das ist fester Bestandteil des Lebens. Das startet mit dem Blick auf die Nachrichten, aufs Wetter, den Verkehr und geht natürlich in Mails und weitere Working-Apps über…

Inspirierende Newsletter, Podcasts oder Webseiten?
Da gibt es natürlich vieles, richtet sich meistens nach meinem Zeitkontingent, das ich zur Verfügung habe. „Finanzszene“ ist meist der Start in den Tag und klar folgen Handelsblatt und weitere Newsseiten. Über den Tellerrand höre ich gerne zum Beispiel im Mindshift- oder auch Disrupt-Podcast, „How to Hack“ und natürlich freue ich mich immer über die spannenden Geschichten unserer tollen Gäste bei unseren „Finanzheldinnen“ Podcasts oder bei „Summa“ von unserer Stiftung Rechnen.

Was macht Sie stolz?
Ich bin mir immer treu geblieben – ich habe mich nie verbiegen lassen, von meiner Berufsausbildung bis zur heutigen Position. Das bestätigen mir meine Familie, Freunde und alten Kollegen.

Was waren Ihre wichtigsten drei Arbeitsergebnisse der letzten drei Jahre?
Starten wir mit meiner vorherigen Position, denn dort war der Aufbau eines komplett neuen Geschäftsbereichs innerhalb des Konzerns sicher ein starker Case. Mit Blick auf die letzten beiden Jahre war der konsequente Ausbau der digitalen Kundenprozesse ein zentraler Meilenstein, denn dabei ging es um den optimalen Mix aus Mensch und Maschine, um so das beste Kundenerlebnis zu schaffen. Ganz aktuell geht es darum, möglichst viel Comdirect in die Commerzbank einfließen zu lassen. Und daran arbeite ich mit viel Herzblut und Engagement.

Auf welche Fehlentscheidung hätten Sie rückblickend gerne verzichtet?
Ich schaue nicht zurück und alles, was ich getan habe, auch wenn es subjektiv nicht optimal war, hat mich immer etwas gelehrt.

Bitte ergänzen Sie den Satz: Ich unterstütze meine Mitarbeiter (Nachwuchskräfte, Kollegeninnen und Kollegen) in schwierigen Situationen, indem…
...ich einen Orientierungsrahmen gebe, immer ansprechbar bin, mit ihnen gemeinsam arbeite und sie in ihre Verantwortung herausfordere.

Angenommen eine Kollegin, Kollege oder Mitarbeiterin , Mitarbeiter denkt oft: „Ich verdiene den Erfolg gar nicht“, „Ich bin gar nicht gut genug“, „Das schaffe ich nie“, „Andere sind um Welten besser als ich…“ – Was raten Sie?
Hör auf, so zu denken, denn das blockiert und führt zu nichts. Und wenn es wirklich so sein sollte, dann akzeptiere es und arbeite daran. Klar ist, du bist da, wo du bist, weil du es trotzdem willst – und nur das zählt.

Sie merken, dass Sie unglücklich sind in Ihrem Job. Was tun sie?
Ganz einfach: Love it, change it oder leave it.

Ein Satz, den eine gute Führungskraft niemals sagen würde?
„Das ist mir egal!“

Anderen Chefs würde ich gerne sagen, …
Einfach mal zuhören, mehr empfangen, mehr wahrnehmen und etwas weniger senden.

Her mit dem Geld: Ihr Ratschlag an andere Frauen für Gehaltsverhandlungen?
Ganz einfach: Finanzen sind kein Hexenwerk. Und das betrifft nicht nur die Gehaltsverhandlungen. Ein guter Umgang mit Geld bedeutet Unabhängigkeit und Freiheit. Wir sehen in vielen Studien und Gesprächen leider immer noch, dass Frauen sich mit dem Thema schwertun. In der aktuellen Phase trifft es sie am härtesten – Niedrigzins-Situation, Gender-Paygap, Auszeiten und vieles mehr können dazu führen, dass man im Alter den Lebensstandard nicht mehr halten kann. Umso wichtiger ist es, dass man sich so früh wie möglich damit auseinandersetzt. Daher haben wir die Initiative Finanzheldinnen gegründet, mit der wir Frauen einen einfachen Zugang ermöglichen wollen. Wir glauben, über Geld muss man sprechen – und das tun wir mit jeder Menge tollen Vorbildern und Wissensformaten. Inzwischen erreichen wir mit unseren Formaten, wie Instagram, dem Podcast, unserer Lern-App und vielem mehr als 50.000 Frauen – das zeigt: das Thema ist wichtig und kommt an.

Verbündete und Mentoren finde ich, indem...
... ich offen und neugierig durch mein Leben laufe. Sie sind überall.

Der größte Benefit, den Sie bisher aus einem Ihrer Netzwerke gezogen haben?
Ich treffe immer wieder tolle und spannende Menschen, und daraus ergeben sich großartige Kontakte, manche davon habe ich seit meiner Ausbildung. Ich liebe den offenen und ehrlichen Austausch, neue Ideen und vor allem Unterstützung auch in schwierigen Zeiten.

In den nächsten drei Jahren: Was wollen Sie lernen, was Sie heute noch nicht können?
Manchmal gelassener zu sein und die Dinge mit mehr Weisheit zu betrachten.

Wie schalten Sie abends ab, und wann gehen Sie ins Bett?
Wenn ich die Tür aufmache und mein Mann da ist. Wenn man den Unterschied macht zwischen Lerche und Eule, dann bin ich eher eine Lerche – ich gehe in der Regel schon zwischen 22 und 23 Uhr ins Bett. Dafür bin ich aber früh morgens fit.

Frau Hegemann, vielen Dank für das Interview.