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Warum chinesische Banken trotz der Krise noch Gewinnzuwächse ausweisen

Die vier großen staatlichen Geldhäuser melden trotz Coronakrise für das erste Quartal ähnlich gute Zahlen wie zuvor. Dabei drohen auch ihnen Kreditausfälle.

Amerikanische und europäische Banken haben in den vergangenen Tagen reihenweise in Rekordhöhe einbrechende Gewinne und Umsätze gemeldet. Ganz anders sah es in dieser Woche in China aus, wo die vier größten staatlichen Banken Industrial & Commercial Bank of China (ICBC), Bank of China, China Construction Bank und Agricultural Bank of China Zahlen vorlegten. Wer die Gewinne betrachtet, könnte meinen, dass es bei den Instituten gar keine Krise gab.

ICBC meldete einen Gewinnzuwachs im Jahresvergleich von drei Prozent, laut Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters das langsamste Wachstum im ersten Quartal seit 2017. Die Agricultural Bank of China und die China Construction Bank machten beide jeweils rund fünf Prozent mehr Gewinn, die Bank of China etwas mehr als drei Prozent.

Doch so einfach ist der Vergleich nicht. Zum einen sind Chinas Banken in ihrer Transparenz nicht mit den westlichen Banken vergleichbar, weshalb die Zahlen ohnehin mit großer Vorsicht zu genießen sind. Zudem sind einige Risiken weniger eingepreist als bei westlichen Banken. „Westliche Banken revidieren ihre Annahmen über die künftige Risikovorsorge viel schneller“, sagt Grace Wu, Leiterin des Bankenratings Greater China bei der Ratingagentur Fitch im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Auch die Marktvolatilität habe für westliche Banken angesichts der Zusammensetzung ihres Anlagebuchs im Vergleich zu chinesischen Banken einen viel größeren Einfluss auf die Erträge. „Wenn man diese beiden Dinge zusammenzählt, erklärt das einen großen Teil dieser Variation in Bezug auf die Performance, sagt Wu.

Chinas Banken haben durch die Krise genauso wie westliche Banken mit dem Risiko von Kreditausfällen zu kämpfen. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt meldete für das vergangene erste Quartal einen Rückgang des Wirtschaftswachstums von 6,8 Prozent.

Es war das erste Mal seit Beginn der offiziellen Mitteilung der Quartalszahlen im Jahr 1992, dass die Wirtschaft schrumpfte. Laut der Weltbank gab es in China zuletzt im Jahr 1976 im Gesamtjahr ein negatives Wachstum, am Ende der gesellschaftlich und wirtschaftlich verheerenden Kulturrevolution.

Rate der notleidenden Kredite steigt an

Strenge Restriktionen zur Eindämmung des Coronavirus hatten die Wirtschaft Chinas Anfang des Jahres wochenlang nahezu zum Erliegen gebracht. Auch wenn seit einigen Wochen die Einschränkungen wieder gelockert sind, steigt die Nachfrage nur sehr langsam wieder. Und nun kommt die gesunkene Nachfrage aus dem Ausland hinzu.

Laut der chinesischen Banken- und Versicherungsaufsichtsbehörde stieg die Rate der notleidenden Kredite (NPL) im Bankensektor im ersten Quartal auf insgesamt 2,04 Prozent – das ist der höchste Stand seit der globalen Finanzkrise. Ein Vertreter der Behörde sagte, dass die Kennzahl weiter ansteigen werde.

Die Rate bei den vier großen Banken bewegte sich im ersten Quartal aber kaum. ICBC meldete eine NPL-Quote von 1,43 Prozent, China Construction von 1,42 Prozent, Agricultural Bank of China von 1,4 und Bank of China von 1,39 Prozent – allesamt sehr ähnlich und allesamt stabil im Vergleich zum Vorjahresquartal. Experten bezweifeln, dass die Zahlen die Wirklichkeit widerspiegeln, und schätzen die Zahl der faulen Kredite wesentlich höher ein.

China hat bereits einige Maßnahmen ergriffen, um die Rate in der Coronakrise nicht allzu sehr hochschnellen zu lassen – zumindest auf dem Papier. So wiesen die chinesischen Aufsichtsbehörden die Banken an, einige schlechte Kredite erst mit Zeitverzögerung zu melden.

Vom Ausfall bedrohte Verbindlichkeiten insbesondere von kleineren Unternehmen sollen bis Juni nicht als faule Kredite anerkannt werden. Gleichzeitig weist die chinesische Regierung die Institute an, mehr Geld an die durch die Krise darbenden Unternehmen auszugeben – auch wenn sie weiß, dass die Wirtschaft nicht so schnell wieder zu alter Stärke zurückfinden wird.

Kursänderung bei Chinas Regierung

Peking vollzieht damit eine – wenn auch moderate – Umkehr zu seinem bisherigen Kurs. Weil faule Kredite ausgeufert waren und zu einem Risiko für die Finanzmarktstabilität wurden, hatte sich die Regierung in den vergangenen Jahren bemüht, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Strengere Regeln wurden aufgestellt, Geldhäuser mussten Problemkredite transparenter ausweisen, und deren Anteil am Gesamtkreditbestand durfte eine bestimmte Höhe nicht überschreiten.

Auch das ausufernde Schattenbankenwesen wurde eingestampft. Laut der Analysefirma Trivium, die sich auf offizielle Zahlen beruft, verschwanden allein von Anfang 2019 bis Ende März dieses Jahres 86 Prozent der verbliebenden Peer-to-Peer-Leihplattformen von der Bildfläche. Angesichts der Krise drückt die Aufsicht nun jedoch ein Auge zu. Beobachter sehen einen Rückgang der Bemühungen von Peking, den Schattenbankensektor einzudämmen. Das führt im Umkehrschluss zu einem instabileren Finanzsystem.

Experten rechnen zudem damit, dass bei den chinesischen Banken die NPL-Rate im weiteren Jahresverlauf steigen wird – auch wenn die Geldinstitute das nicht öffentlich machen würden. „Es dauert eine gewisse Zeit, bis die Non Performing Loans Wirkung zeigen“, sagte Fitch-Bankenexpertin Wu. „Sie werden wahrscheinlich erst im dritten oder vierten Quartal oder auch erst 2021 zum Tragen kommen.“ Bereits im Februar warnte die Ratingagentur S & P Global, dass eine anhaltende Gesundheitskrise dazu führen könnte, dass sich der Anteil der notleidenden Kredite des Landes auf etwa 6,3 Prozent mehr als verdreifacht.

Große Banken sind nicht so stark exponiert, aber insbesondere kleinen Banken könnten zu große Kreditausfälle zum Verhängnis werden, denn sie sind bereits jetzt wesentlich schlechter aufgestellt. Erst im April musste sich die Bank of Gansu Hilfe von staatlichen Unternehmen holen, weil das Provinzinstitut in Schwierigkeiten geraten war. Im vergangenen Jahr war es mehreren kleineren Banken ähnlich ergangen. Experten glauben aber, dass im Notfall der chinesische Staat auch bei kleinen Banken einspringen wird.