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Chaostage am DIW – Heftige Kritik an Institutsleiter Marcel Fratzscher

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kommt nicht zur Ruhe. In internen E-Mails gehen Mitarbeiter die Institutsspitze scharf an.


Der Leiter des DIW steht in der Kritik. Foto: dpa

Nach dem erneuten Gespräch mit Marcel Fratzscher hatte Peter Haan genug. Der Leiter der Abteilung „Staat“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) setzte sich am Vormittag des 10. Juni an seinen Rechner und tippte eine E-Mail. „Ich möchte Sie kurz informieren, dass ich als stellvertretender Sprecher der Abteilungsleitungen zurücktreten werde“, schrieb Haan an verschiedene Empfänger.

Kurz zuvor hatte ihm DIW-Präsident Fratzscher mitgeteilt, seine Abteilung mit anderen zusammenzulegen. Zwei Tage später sei diese Entscheidung wieder zurückgenommen worden, „auch wieder ohne Diskussion und nachvollziehbare Begründung“, schreibt Haan. „Die Entscheidungen und die Art der internen Kommunikation haben mein Vertrauen zum gesamten Vorstand weiter und nachhaltig zerstört.“

Das DIW, Deutschlands größtes Wirtschaftsforschungsinstitut, kommt nicht zur Ruhe. Bereits im November hatte das Handelsblatt über Personalquerelen und Finanzprobleme berichtet. Eine externe Beratergruppe durchleuchtete in den Folgemonaten das von dem bekannten Ökonomen Marcel Fratzscher geführte Institut und legte Verbesserungsvorschläge vor. An diesem Mittwoch wird das DIW-Kuratorium, eine Art Aufsichtsrat, über den Bericht beraten.

Doch statt alle Kraft in die Neuaufstellung zu stecken, eskalieren die Streitereien am DIW weiter.

So erhebt der frühere DIW-Mitarbeiter Georg Weizsäcker in einer internen E-Mail vom 8. Juni, die dem Handelsblatt ebenfalls vorliegt, noch schärfere Anschuldigungen als Haan. DIW-Vorstandsmitglied Angelica Röhr sowie Fratzscher hätten eine „systematische persönliche Rufschädigung über mich versucht“, schreibt Weizsäcker darin. Sie hätten „sogar den Schluss nahelegt, dass strafrechtlich relevante Dinge vorgefallen seien“.

Weizsäcker ist designierter Chef des „Vereins für Socialpolitik“, der größten deutschen Ökonomen-Vereinigung. Außerdem spielt er eine Rolle beim Aufbau der „Berlin School of Economics“, eines neuen Berliner Doktorandenprogramms. Die Vorwürfe strahlen darum über das DIW hinaus.

Fratzscher sieht breite Unterstützung

Eine Weile lang hatte es so ausgesehen, als kehre mit dem Bericht der fünf Berater Ruhe ins DIW ein. Am 27. Mai stellten sie ihr Papier im Institut vor und zeigten darin auf, wie manche Probleme abgestellt werden könnten. „Wir dachten alle, wir müssen vorher besser einen Schnaps trinken“, erzählt ein DIW-Mitarbeiter. Doch die Sitzung sei harmonisch verlaufen. „Bei mir herrschte das Gefühl vor: Da kann wieder was zusammenwachsen.“

Dann bat Fratzscher wenige Tage später drei Führungskräfte zum Gespräch. Darin eröffnete er ihnen, auf Grundlage des Berichts ihre drei Einheiten zu fusionieren. Haan protestierte, woraufhin Fratzscher einlenkte und zusagte, die dritte Abteilung erst auf mittlere Frist zu fusionieren. Daraufhin verfasste Haan seine E-Mail: „Ohne Vertrauen, Begründungen und transparente Prozesse kann es keine konstruktive Zusammenarbeit geben.“

Fratzscher wehrt sich gegen diese Darstellung. Er habe breite Unterstützung für seine Pläne: „Die neue Strategie 2025 wird gemeinsam im gesamten Institut erarbeitet, und die Strukturveränderungen haben auch von den Leitungen der Abteilungen und Forschungsgruppen große Unterstützung.“ Es sei gut, dass in diesem Strategieprozess „gerungen und kontrovers diskutiert wird, das macht ein unabhängiges und dynamisches Forschungsinstitut aus“.

Allerdings wird am DIW schon lange und ziemlich viel gerungen. Fratzscher habe seine Stärken, doch „Kommunikation zählt nicht unbedingt dazu“, heißt es aus dem DIW-Kuratorium. Man versuche seit „zwei Jahren, Ruhe ins Institut zu bringen, weil es vernehmbar rumort“.

Ein Abteilungsleiter, der nichts mit der aktuellen Zusammenlegung der Abteilungen zu tun hat, sagt: „Es gibt kein Vertrauen mehr zwischen Vorstand und Abteilungsleitungen.“ Er wie auch andere hätten sich in die innere Emigration zurückgezogen. Andere Abteilungsleiter hingegen halten zu Fratzscher.

Das Verhältnis zwischen DIW-Spitze und Weizsäcker ist zumindest zerrüttet. Im November 2019 trennte sich das Institut überraschend von dem Ökonomen. Offizieller Grund waren strategische Differenzen. Schon damals hieß es aber, Weizsäcker habe sich Gravierendes zuschulden kommen lassen – was dieser bestreitet. Weizsäcker will sich wie Fratzscher nicht äußern. In seiner Mail schreibt Weizsäcker, es sei ihm „unmöglich, auf weitere Gesprächs- und Kooperationsversuche“ mit der DIW-Spitze einzugehen, nach dem, was diese über ihn „gegenüber einer großen Zahl Dritter“ in Umlauf gesetzt hätte.

Welche Seite recht hat, lässt sich nicht klären. Zumindest hat aber DIW-Kuratoriumschef Axel Weber offenbar keine Kenntnis von einem gravierenden Vorfall. Der frühere Bundesbank-Präsident versuchte, zwischen Fratzscher und Weizsäcker zu vermitteln. Und auch die HU Berlin, an der Weizsäcker Professor ist, hat den Kooperationsvertrag mit dem DIW über die 50-prozentige Entsendung Weizsäckers ans Institut nicht gekündigt: „Der Kooperationsvertrag besteht weiter“, teilt die Universität mit.

Auch wenn Weizsäcker nicht mehr am DIW ist, ist das irreparable Verhältnis ein Problem. Der „Verein für Socialpolitik“, dessen Vorsitzender Weizsäcker werden wird, hat seine Räumlichkeiten im Gebäude des DIW – welches Weizsäcker nicht mehr betreten will. Auch in den Aufbau der „Berlin School of Economics“ sind beide Seiten eingebunden. Am DIW fürchtet nun mancher, dieses Doktorandenprogramm könne Schaden nehmen.

Braucht es eine neue Führung?

Das DIW nahm unter den deutschen Wirtschaftsinstituten schon immer eine Sonderrolle ein. Es ist das einzige in unmittelbarer Nähe zur Bundesregierung. DIW-Chefs beraten die Politik eng in wirtschaftlichen Fragen. Fratzscher tut dies vor allem für die SPD – und hat sich damit wie mit seiner starken medialen Präsenz in konservativen Kreisen viele Gegner und Neider geschaffen.

Das DIW ist aber auch das einzige Institut, das immer wieder mit Interna Schlagzeilen macht, auch schon vor Fratzschers Amtszeit. „Das DIW leidet ganz grundsätzlich darunter, dass zu viel von außen reingeredet wird“, sagt Friedrich Schneider, der viele Wirtschaftsinstitute evaluiert hat und Mitglied der externen DIW-Beratergruppe ist. So reden Bund und Land, die die Wirtschaftsinstitute mitfinanzieren, beim DIW stärker rein als bei anderen.

Die DIW-Strukturen seien schon vor zehn Jahren „nicht transparent und schwer reformierbar“ gewesen, so Schneider. „Das DIW braucht einen guten externen Mediator, der die verschiedenen Streitparteien an einen Tisch bringt“, schlägt er vor. Nicht nur Fratzscher müsse sich ändern, alle müssten es. „Einfach nur das Personal auswechseln wird kein Problem lösen.“

Am Institut sehen das manche anders. „Ohne personelle Konsequenzen wird es nicht gehen“, sagt einer. Sowohl am Institut als auch in Ökonomenzirkeln werden Nachfolgekandidaten für Fratzscher gehandelt.

Mit Spannung blickt das Institut deshalb auf die Kuratoriumssitzung an diesem Mittwoch, in der über den künftigen Kurs beraten wird. Auch hier gab es im Vorfeld Ärger. Gäste wie der Betriebsratschef oder der Sprecher der Abteilungsleiter waren zunächst explizit nicht eingeladen, offiziell wegen zu enger Räumlichkeiten in Corona-Zeiten, wie das DIW mitteilt.

Interne Probleme bestehen fort

Inzwischen dürfen die Gäste teilnehmen, das Treffen wird per Video abgehalten. Etliche DIW-Mitarbeiter glauben, die Gäste sollten zunächst bewusst draußen bleiben. Erst nach Widerstand des Betriebsrats habe man eingelenkt. Welche Version stimmt, lässt sich auch hier nicht sagen.

Fratzscher kann all die Kritik nicht nachvollziehen. Er glaubt, es laufe eine „Kampagne“ gegen ihn, wie er der „Süddeutschen Zeitung“ sagte. Er verweist auf die Erfolge seiner Amtszeit, auf gestiegene Drittmittel und akademische Meriten seines Instituts, insbesondere die jüngste Evaluierung der Leibniz-Gemeinschaft, „die dem DIW Berlin ein sehr gutes Zeugnis und eine große Verbesserung über die vergangenen sieben Jahre attestiert“, wie Fratzscher sagt. Insbesondere lobe sie die „strategischen Entscheidungen des Instituts“.

Das ist korrekt, mit der Evaluierung liegt das DIW auf Augenhöhe mit dem Münchener Ifo-Institut, allerdings glückte auch nicht alles. So erhielt das DIW bei einer Bewerbung um ein hochdotiertes Sonderforschungsprojekt vor einiger Zeit überraschend keinen Zuschlag.

Vor allem aber bestehen die internen Probleme fort. Warum der DIW-Präsident nach Vorlage des Beraterberichts mit der Zusammenlegung der Abteilung sofort knallhart in die Offensive ging, erklärt sich ein guter Kenner des Hauses so: „Fratzscher sucht jetzt die Machtprobe. Entweder er entscheidet diese für sich und formt das Haus nach seinen Vorstellungen um. Oder er verliert und ist weg.“

Mehr: Berater wollen DIW-Präsident Fratzscher an die kurze Leine nehmen