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Carsten Maschmeyer: „Man fühlt sich wie Dagobert Duck, dann wurde es leer“

·Lesedauer: 5 Min.
Griff auf Tabletten zurück, um immer mehr leisten zu können: Investor Carsten Maschmeyer.
Griff auf Tabletten zurück, um immer mehr leisten zu können: Investor Carsten Maschmeyer.

Schon wieder der Verleger, sagt Carsten Maschmeyer während sein Blick auf dem Handy klebt, der habe sich heute schon so oft bei ihm gemeldet. Der Investor und DHDL-Löwe ist ins Gründerszene-Büro gekommen, um über sein neues Buch zu reden. Kurz zuvor hatte er auf Linkedin die Bombe platzen lassen: Burn-out, Tablettensucht, Entziehung, Privatleben in Trümmern. Um als Finanzmanager erfolgreich zu sein, hatte Maschmeyer zu Medikamenten gegriffen, immer mehr Leistung galt es zu bringen, und das hatte auf Dauer Konsequenzen gehabt.

Diese Erlebnisse und vielmehr das, was er daraus gelernt hat, hat er nun aufgeschrieben. Aber darum soll es hier und heute eigentlich nicht gehen. Sorgen mache ihm, sagt Maschmeyer, dass er als Investor ähnliches Verhalten auch in der Startup-Szene beobachtet hat: Oft werde da Zeitmanagement so verstanden, noch die letzten 20 Minuten aus dem Tag herauszukitzeln. Mit der Gefahr, irgendwann die Kontrolle zu verlieren und letztendlich in die gleiche Spirale zu geraten. Aus seiner Sicht sei es das nicht wert – sagt der Milliardär.

Der Weg in die Apotheke ist nicht der richtige

Die Höhen freilich hat er erlebt, seinen Finanzvertrieb AWD verkaufte er für eine Milliardensumme. „Man fühlt sich da anfangs wie Dagobert Duck – aber es wird schnell langweilig, die neuesten Auszüge vom Immobilienverwalter zu bekommen. Da bin ich in eine wahnsinnige Leere gekommen.“ Dennoch, Maschmeyer möchte Gründerinnen und Gründern ja Mut machen. Es ist toll, mit viel Arbeit etwas zu erreichen, sagt er. Mit acht Stunden werde das nicht klappen, auch nicht mit zehn. Nur: Bei Alarmzeichen wie Schlaflosigkeit oder nicht mehr abschalten zu können ist der Weg in die Apotheke, wie er ihm selbst seinerzeit empfohlen worden sei, nicht der richtige. Das habe er schmerzhaft verstehen müssen. Klar, in einer Ausrollphase, da müssten 20- oder 30-Jährige auch einmal für ein paar Wochen 18 Stunden am Tag arbeiten. „Das darf aber kein Dauerzustand sein“, betont Maschmeyer.

Nun mag das leicht zu sagen sein für jemanden, gibt Maschmeyer zu, der sich wenig Gedanken um Geld machen muss. Und der sich, um seine Erfolge feiern zu können, gerade nicht an das gehalten hat, was er heute predigt. Wie müssen sich Gründer fühlen, wenn Investoren Millionen in ein Unternehmen stecken? Schließlich haben die Geldgeber hohe Erwartungen und wollen am Ende Gewinne sehen – wenigstens für sich selbst. „Natürlich gibt es Gründer, die ihre Investoren nicht enttäuschen wollen – promise and deliver. Aber wenn jemand komplett ausgelutscht ist und fertig aussieht, der kann doch niemanden mehr in einer Videokonferenz von seinem Produkt überzeugen.“ Wer derart überarbeitet ist, werde schnell intolerant, habe die Prinzipien von Delegation und Priorisierung nicht mehr parat, stellt der Unternehmer und Investor fest.

Achtet er also schon beim Pitch auf Stress-Resilienz bei Gründerinnen und Gründern? „Wenn Verzweiflung mitpitcht, weil es nicht läuft gerade oder weil der Berg an Aufgaben überwältigend wirkt, ist das jedenfalls kein gutes Zeichen“, sagt Maschmeyer, der wirklich in seinem Element zu sein scheint. Gute Startup-Chefs müssten erkennen, wenn sie Unterstützung brauchen. „Man kann sich nicht gleichzeitig um Strategie, Marketing und Entwicklung kümmern, schon gar nicht, wenn man auch noch Fundraising macht.“ Sein Lösungsvorschlag also? Mehr Leute einstellen. „Zu sehr beim Personal zu sparen, ist Potenzialbeschneidung.“ Das Lean-Startup-Credo, also möglichst lange mit möglichst wenig auszukommen, hält er konsequenterweise dann auch für Quatsch.

Entwickelt sich ein Szene-Trend?

Mit seinem Buch, seinem Vorstoß, seinem Geständnis einer persönlichen Niederlage schwimmt Maschmeyer in der Startup-Szene auf einer Welle. Zuletzt hatte die Unternehmerin Christina Schmitt sich mit einem viralen Post auf Linkedin Luft gemacht und mit ihrem Startup, das kurz vorm Ende steht, abgerechnet. Ein bisschen auch um Aufmerksamkeit zu bekommen, wie sie im Gespräch mit Gründerszene zugab. Julia Rittereiser, Gründerin eines Femtech-Startup hat es ihr gerade gleich getan. Auch das Thema Erholung und Abschalten hat in den vergangenen Monaten stark an Bedeutung gewonnen. Das Buch „Why we sleep“ vom britischen Forscher Matthew Walker zum Beispiel wurde als absolute Leseempfehlung in der Szene herumgereicht.

Maschmeyers Erkenntnisse sind kaum bahnbrechend, das scheint dem Investor auch bewusst zu sein. Auch nicht seine Tipps für einen ausgeglicheneren Arbeitstag: morgens nicht gleich aufs Handy starren, nicht jeder Mail oder Nachricht hinterherlaufen und so die Konzentration verlieren, echte Pausen machen, Sport zum Stressabbau, Abends eine Business-freie Schlafroutine, digitaler Detox am Sonntag. Und doch: Man kann Maschmeyer auch nicht widersprechen wenn er sagt: „Ein mental krankes Mitglied im Gründerteam schwächt das ganze Unternehmen, deswegen müssen Gründer auf sich und Investoren auch auf Gründer aufpassen.“ Wenn er hochkonzentrierte Mate-Tees, Red-Bull-Automaten oder Koffein-Dragees als Warnzeichen sieht. Wenn er zur Selbstreflexion aufruft – „Bin ich noch genau so euphorisch? Hab ich noch genau so viele Ideen? Gehe ich morgens wach und voller Elan ins Büro oder habe ich keinen Bock.“

Und so bekommt das, was Maschmeyer da sagt, Unternehmensberater-Charakter. Die wissen ja meist auch nicht mehr als andere, aber weil viel Geld im Spiel ist, gibt ihnen das Gewicht und man hört ihnen dann eben doch genauer zu. Es ist wichtig, auch Dinge die man eigentlich weiß, aber an die man sich dann doch nicht hält, noch einmal vorgehalten zu bekommen. Maschmeyer wird hoffen, dass es mit seinem Buch genauso funktioniert. Die Ironie geht an ihm übrigens nicht vorbei: Die Berater-Berufsgruppe, genauso wie der junge Carsten Maschmeyer, ist selbst nicht unbedingt für Selbstreflexion und für einen Hang zu Work-Life-Balance bekannt. Im Berliner Gründerszene-Office klebt Maschmeyer jetzt wieder am Handy – wieder hat sich der Buchverleger gemeldet.

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