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China-Boom rettet BMW das Corona-Jahr – Zipse kündigt neue Fahrzeug-Architektur an

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Der Boom in Fernost hält den Autokonzern in den schwarzen Zahlen. Konzernchef Oliver Zipse trifft für die Elektromobilität eine wichtige Entscheidung.

Der Premiumautobauer aus München kann beim Gewinn auch in der Coronakrise zulegen. Foto: dpa
Der Premiumautobauer aus München kann beim Gewinn auch in der Coronakrise zulegen. Foto: dpa

Kaum eine Branche schaut so gespannt auf die US-Präsidentschaftswahl wie die Autoindustrie. BMW-Chef Oliver Zipse bezeichnete die USA am Mittwoch bei der Zwischenbilanz für das dritte Quartal einmal mehr als „zweite Heimat“ des bayerischen Autobauers.

Und in den vergangenen vier Jahren hatte Donald Trump die Autokonzerne auch regelmäßig in seine Handelskonflikte gezogen. Angesichts des ungewissen Wahlausgangs blieb Zipse aber gelassen: „Wir werden mit jeder Situation zurechtkommen.“

Tatsächlich hat der BMW-Chef auch gute Gründe dafür: Unabhängig vom Wahlausgang verlieren die USA als Absatzmarkt für die Autoindustrie an Bedeutung, und es verschieben sich die Marktanteile weiter Richtung China. Nach Volkswagen und Daimler meldet BMW seit Jahresbeginn massive Einbrüche in Europa und auch in den USA, dafür kräftige Zuwächse in Fernost.

Erstmals in der Unternehmensgeschichte verkaufte BMW in den ersten neun Monaten doppelt so viele Autos in China als im US-Markt. Von Januar bis September lieferte BMW in China die Rekordzahl von 560.000 Autos aus, in den USA sank der Wert um fast ein Viertel auf nur noch 200.000 Stück.

Ein Teil der Differenz geht auf die schnellere Eindämmung der Pandemie in Fernost zurück. Seit Mai laufen Konsum und Industrie in China wieder auf Hochtouren, während Europa und die USA die Pandemie nicht in den Griff bekommen. Unter dem Strich verdiente BMW im dritten Quartal mit 1,82 Milliarden Euro 17 Prozent mehr als im Vorjahr.

BMW-Finanzchef bekräftigt Prognose

„Das Virus bleibt das größte Risiko“, sagte Finanzchef Nicolas Peter am Mittwoch in einer Telefonkonferenz. Dank der guten Verkäufe in Fernost bleibt BMW aber bei seiner Prognose für das laufende Jahr, trotz des Lockdowns im zweiten Quartal mit einem leicht positiven Ergebnis abschließen zu können.

Doch nicht nur mit Blick auf Corona ist China für BMW mittlerweile deutlich stabiler, berechenbarer und profitabler als jede andere Weltregion. Das gilt eben insbesondere mit Blick auf die USA.

Zwar steht in South Carolina das größte Produktionswerk des Konzerns, doch das Verhältnis zur US-Politik hat in den vergangenen Jahren gelitten. US-Präsident Donald Trump drohte sogar mit Zöllen auf Autoimporte aus Europa.

Allein die von China im Gegenzug verhängten Strafzölle belasteten die BMW-Autoexporte aus South Carolina mit mehreren Hundert Millionen Dollar. Die Neufassung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens dürfte BMW zu zusätzlichen Investitionen zwingen.

Ärger in Washington, roter Teppich in Peking

Ganz anders ist die Situation in China, wo BMW seit Jahren kräftig wächst. Finanzchef Peter lobte die „gute Preisdurchsetzung und die hohen Volumen“ in Fernost.

Allein im dritten Quartal verbuchte BMW aus dem Produktions-Joint-Venture mit Brilliance 430 Millionen Euro, der bisher höchste Quartalswert. Hinzu kommen die hochpreisigen Limousinen und Geländewagen aus Europa und South Carolina, die den China-Faktor im Ergebnis noch einmal deutlich beflügeln dürften.

Die Beziehungen zwischen München und Peking sind gut. Als erster westlicher Autohersteller darf BMW auf 75 Prozent der Anteile an dem Joint Venture mit Brilliance aufstocken. Derzeit bauen die Münchener die Kapazität der chinesischen Fabriken auf 650.000 Autos pro Jahr aus, in China entsteht zudem das größte Entwicklungszentrum jenseits von München.

Mit Great Wall ist ein Gemeinschaftsunternehmen im Aufbau, um den Mini in einer Elektroversion zu fertigen. Erst für China, später vielleicht auch für den Export – falls Großbritannien mit einem harten Brexit aus Europa abtritt.

Zipse braucht Rekordergebnisse aus Fernost mehr denn je

Peking ermuntert BMW zu weiteren Investitionen, gerne auch zulasten des Standorts in South Carolina. Zipses Vorgänger Harald Krüger bereitete der China-Boom nicht nur Freude – er fürchtete eine zu starke Abhängigkeit von China. Immer wieder mahnte er eine „weltweit ausgewogene Absatz- und Produktionsverteilung“ zwischen Europa, China und den USA an.

Davon ist bei seinem Nachfolger nun keine Rede mehr. „Ich bin gar nicht so unglücklich über diese Entwicklung“, sagte Zipse auf Nachfrage. Der Boom in China sei eine „fast natürliche Anpassung an die Mobilität und Größe des Landes“. Von Abhängigkeit rede er in diesem Zusammenhang ungern. „Wir sind abhängig von unseren Kunden.“

Zipse braucht die Rekordergebnisse aus Fernost mehr denn je. Schon vor der Coronakrise gerieten die Renditen in München unter Druck, Zipses Vorgänger Krüger musste gehen. Die verschärften EU-Klimaanforderungen und der Vormarsch des Elektropioniers Tesla fordern BMW mehr als geplant.

Die erste Runde der Klimaziele will BMW vor allem mit Plug-in-Hybriden nehmen. Der Absatz steigt kräftig, die Probleme aber auch: Derzeit müssen die Münchener rund 30.000 Autos umrüsten, weil verunreinigte Batteriezellen das Risiko von Bränden provozieren.

Zwar sei das Problem mittlerweile gelöst, heißt es in Konzernkreisen. Vertrauen in die neue Technik hat dieser Vorfall bei den Kunden aber nicht erzeugt.

Neue Elektroplattform ab 2025

Der Konzern erhöht derweil das Tempo für den Antriebswechsel. Bis 2025 sollen 30 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung fließen, während die Investitionen in den Kapazitätsausbau zurückgefahren werden. Der Abbau von 6000 Stellen, für den BMW in diesem Jahr einen hohen dreistelligen Millionenbetrag aufwenden wird, soll die Kosten langfristig drücken und im Autogeschäft eine mittelfristige Rendite von acht bis zehn Prozent ermöglichen. In diesem Jahr ist wegen der Corona-Ausfälle ein Wert von null bis drei Prozent angepeilt.

Mindestens so wichtig ist die langfristige technische Ausrichtung des nach Stückzahlen kleinsten deutschen Autoherstellers. BMW hatte die technische Grundausstattung seiner Modelle so offen gelassen, dass sowohl herkömmliche als auch Elektrovarianten gefertigt werden können.

Damit wird aber ab 2025 Schluss sein. Zipse kündigte die Entwicklung einer neuen Architektur an, „die vorrangig an die Erfordernisse der Elektroantriebe“ angepasst werde.

Das neue Prinzip werde zunächst in der in Ungarn in Bau befindlichen Fabrik umgesetzt und dann über die gesamte Modellpalette ausgerollt. Experten hatten in den vergangenen Jahren immer wieder bemängelt, dass BMW anders als seine Konkurrenten keine reine Elektroplattform entwickelt habe, die den Vorzügen von Stromautos gerecht werde.

Die erste Welle der Stromautos wird dennoch vorwiegend auf den „Mischplattformen“ anlaufen. Zipse kündigte an, dass ab 2022 alle vier deutschen Werke Elektroautos bauen werden. Leipzig baut bereits den „i3“, das Werk München wird im kommenden Jahr mit dem „i4“ nachlegen.

In Regensburg dürfte ab 2022 eine Elektroversion des Geländewagens X1 vom Band laufen. In der kommenden Woche will BMW zudem seinen „inext“ vorstellen, ein stromgetriebenes SUV, das in Dingolfing gebaut wird.