Deutsche Märkte geschlossen
  • Nikkei 225

    29.751,61
    +212,88 (+0,72%)
     
  • Dow Jones 30

    33.677,27
    -68,13 (-0,20%)
     
  • BTC-EUR

    52.818,20
    +2.203,52 (+4,35%)
     
  • CMC Crypto 200

    1.355,63
    +61,64 (+4,76%)
     
  • Nasdaq Compositive

    13.996,10
    +146,10 (+1,05%)
     
  • S&P 500

    4.141,59
    +13,60 (+0,33%)
     

Bildungsexperte in ZDF-Doku: Wochenend- und Ferienunterricht darf kein Tabu sein

Eric Leimann
·Lesedauer: 6 Min.
WISO-Doku zum neuen Schul-Alltag: Was geht digital - und analog - an deutschen Schulen nach einem Jahr Corona? Lehrerin Annika Wünschet unterrichtet an der Heinrich-Schütz-Schule in Kassel.  (Bild: ZDF/Felix Korfmann)
WISO-Doku zum neuen Schul-Alltag: Was geht digital - und analog - an deutschen Schulen nach einem Jahr Corona? Lehrerin Annika Wünschet unterrichtet an der Heinrich-Schütz-Schule in Kassel. (Bild: ZDF/Felix Korfmann)

Eine "WISO"-Doku im ZDF ging der Frage nach, was deutsche Schulen und die Bildungs-Politik nach einem Jahr Corona-Krise gelernt haben. Fakt ist: In der Vergangenheit wurde viel versäumt - aber es gibt auch vielversprechende neue Ideen.

Eines gleich vorneweg: In dieser "WISO"-Dokumentation ging es nicht ums Dilemma, ob und wie man Schulen im März 2021 bei wieder steigenden Inzidenzwerten und gleichzeitig gewaltig großer Lockdown-Müdigkeit öffnen sollte und kann. Der Film nutzte die "gelebten" zwölf Pandemie-Monate stattdessen dazu, eine Bilanz zu ziehen: Was ging in Deutschlands Schulklassen trotz Lockdowns - und was ging verloren? Welche Bildungskonzepte brauchen wir, um die Krise aufzufangen und wie stellen wir uns für die Zukunft auf?

Erfreulich: Die Dokumentation blieb eng bei Schülern, Lehrern und Bildungsforschern. Mit dem hessischen Kultusminister Alexander Lorz (CDU) tauchte nur ein Politiker in 45 Minuten mit einem kurzen Statement auf - plus seine 15 Länderkollegen als Bildschirmkacheln während einer Kultusministerkonferenz. Zum Eindruck, dass auch hier Menschen mit der neuen Realität digitaler Meetings fremdelten, passt das Umfrageergebnis, dass mittlerweile 60 Prozent der Deutschen dagegen sind, dass wichtige bildungspolitische Entscheidungen von den Ländern getroffen werden. Der Föderalismus nervt nicht wenige in der Corona-Krise - das zeigt sich gerade auch in der Bildungspolitik.

Corona-Management an einer Kasseler Gesamtschule: Catherine Enderlein ist stellvertretende Schulleiterin und muss jeden Tag neue Probleme lösen. (Bild: ZDF/Felix Korfmann)
Corona-Management an einer Kasseler Gesamtschule: Catherine Enderlein ist stellvertretende Schulleiterin und muss jeden Tag neue Probleme lösen. (Bild: ZDF/Felix Korfmann)

Deutschland beim internationalen "Digitalvergleich" ganz hinten

Erschreckend sind die Zahlen, die der Film aus dem Jahr 2018, also vor Corona, präsentierte: Nur 33 Prozent der Schüler hierzulande hatten vor damals Zugang zu einer digitalen Lernplattform. In Österreich waren es 67 Prozent, in Dänemark 91 Prozent. Nur 26 Prozent der deutschen Schüler besuchte 2018 eine Schule, die mit WLAN ausgestattet war. Bei 64,7 Prozent lag der internationale Mittelwert. Auch bei der digitalen Weiterbildung der Lehrerschaft ist Deutschland internationales Schlusslicht. 2018 landet die Bundesrepublik im OECD-Vergleich auf Platz 76 von 78. Immerhin: Im Verlauf des Pandemiejahres hat sich einiges getan. "Zum zweiten Lockdown sind die technischen Voraussetzungen deutlich besser als vor einem Jahr", sagt der Kieler Bildungsexperte und Leiter des dortigen Leibniz-Institutes Olaf Köller. "Nachlegen müssen wir bei guten Lernprogrammen, guten Lern-Umwelten, die das Lernen der Schülerinnen und Schüler besser unterstützen, als das jetzt der Fall ist."

Das Corona-Dilemma: Sind die Klassenzimmer leer (und damit sicher), lernen viele Schüler leider wenig bis nichts. Vor allem schwache sowie bildungsferne Kinder und Jugendliche sind betroffen.  (Bild: ZDF/Felix Korfmann)
Das Corona-Dilemma: Sind die Klassenzimmer leer (und damit sicher), lernen viele Schüler leider wenig bis nichts. Vor allem schwache sowie bildungsferne Kinder und Jugendliche sind betroffen. (Bild: ZDF/Felix Korfmann)

Müssen wir digital "anders" lernen?

Natürlich kann man auch digital Schule so betreiben, als wäre man im Klassenzimmer - per Videoschalte. Das ist jedoch nicht allzu sinnvoll, sagen Experten plus die eigene Erfahrung: Kinder dämmern weg oder haben reale und vorgeschobene "technische" Probleme. Wer öfter in einem Motiviationsloch feststeckt, den verliert man. Deutsche Lehrer sind immer noch für Frontalunterricht ausgebildet. Andere Unterrichtsformen - vor allem digitale - waren bisher kaum Teil des Studiums. "Es kommt echt mega auf den Lehrer an", macht auch eine jugendliche Schülerin aus Kassel das Nadelöhr des digitalen Unterrichts an den Lehrkräften fest. "Manche kommen damit super klar, einige kommen aber auch überhaupt nicht klar - oder haben es von vornherein gleich gelassen. Die haben gesagt, dass wir in die Schule kommen und uns Zettel abholen können."

Gleich mehrere Projekte stellt der Film vor, die bereits vor der Pandemie versuchten, Schule anders und digitaler zu denken. Dass Eltern, Politiker und Bildungsforscher immer noch versuchen, "Bewahrungspädagogik" zu betreiben, also Schüler und Jugendliche möglichst von Digitalgeräten fernzuhalten, ist in den Augen der Münchener Grundschulpädagogik-Professorin Uta Hauck-Thum ein Fehler. In einem digitalen Münchener Grundschulprojekt, das sie begleitet, lernen alle Kinder mit Tablets.

In der Pandemie können die Kleinen Lehramts-Studenten buchen, die ihnen - ebenfalls digital - beim Lernen helfen. So haben alle Beteiligten etwas davon. Auch die Aufgabenstellungen sind hier anders, freier, selbstständiger. "Wir erziehen die Kinder in den ersten vier Jahren zu sehr zu Sachbearbeitern", sagt Hauck-Thum. "Wichtiger wäre, dass sie Ideen entwickeln, sich in Teams zusammenfinden und lernen, Dinge auf unterschiedliche Weise zu präsentieren".

Menschen, die auf Laptops starren: die stellvertretende Schulleiterin der Heinrich-Schütz-Schule in Kassel, Catherine Enderlein. (Bild: ZDF/Felix Korfmann)
Menschen, die auf Laptops starren: die stellvertretende Schulleiterin der Heinrich-Schütz-Schule in Kassel, Catherine Enderlein. (Bild: ZDF/Felix Korfmann)

Brauchen wir noch Schulnoten?

Ende Januar verteilt der Kasseler Gesamtschul-Pädagoge Lars Nähler im Schneeregen auf dem Schulhof Halbjahreszeugnisse. Man hat dem Mann - und einer seiner Schülerinnen - vorher schon beim Digitalunterricht zusehen dürften. Lehrer Nähler fragt sich: "Gibt man (bessere) Noten zur Motivation, damit es überhaupt weitergeht?" Dies verstärkt die alte Diskussion, wozu Noten überhaupt gut sind? "Was zu einem veränderten Unterricht nicht mehr passt, ist die herkömmliche Art der Leistungsmessung", sagt Professorin Uta Hauck-Thum. Sie ist gegen feste Zeitpunkte, an denen allen Schülern der gleiche Test vorgelegt wird. "Das ist kontraproduktiv und hebelt mir ein verändertes Lernen aus."

Ein Beispiel, wie anders gelernt werden kann, ist die Karlsruher Ernst Reuter Schule, die seit 2017 eine Wandlung zu einer "Smart School" durchgemacht hat. Dort gibt es statt des alten Frontalunterrichts und spezifischer Fächer viel Gruppenarbeit, interdisziplinäre Fächer und andere Leistungsnachweise. Unter anderem existiert das Fach "Leben" mit aktuellem Alltagswissen. Der Schulleiter dort sagt, dass Schulen schon heute kreativer werden können - ohne Vorgaben der Politik, da sie diese Freiheiten im Umsetzen von Bildungsplänen jetzt bereits hätten. "Dieses Bewusstsein ist leider nicht so oft da."

Rückkehr zum Präsenzunterricht für Abschlussklassen: Lehrerin Annika Wünschet unterrichtet an der Heinrich-Schütz-Schule in Kassel. Abstände und Hygienekonzepte sind im Spätwinter 2021 alles andere als optimal. Lehrer, Schüler und ihre Angehörigen haben ein stark erhöhtes Infektionsrisiko.
 (Bild: ZDF/Felix Korfmann)
Rückkehr zum Präsenzunterricht für Abschlussklassen: Lehrerin Annika Wünschet unterrichtet an der Heinrich-Schütz-Schule in Kassel. Abstände und Hygienekonzepte sind im Spätwinter 2021 alles andere als optimal. Lehrer, Schüler und ihre Angehörigen haben ein stark erhöhtes Infektionsrisiko. (Bild: ZDF/Felix Korfmann)

Die "Herkunft" entscheidet, welche Kinder gut durch die Krise kommen

Schon vor der Corona-Krise entschied in Deutschland vor allem das Elternhaus über Bildungschancen der Kinder. Diese traurige Wahrheit ist durch die Pandemie leider noch einmal wahrer geworden. Klar ist, die Bildungsschere geht durch den Schul-Lockdown weiter auseinander. Der Abstand in der Lesekompetenz zwischen sozial privilegierten und sozial benachteiligten Kinder lag laut einem Leseverständnis-Standard-Test deutscher Schulen bereits vor Corona bei 113 Punkten. Im letzten Jahr hat sich dieser Abstand um neun Punkte vergrößert.

Klar ist, man darf gerade benachteiligte Kinder nicht alleine lassen. Neue Konzepte der Ansprache und Zusammenarbeit sind nötig, damit man sie nicht im häuslichen Lockdown-Nirwana verliert. Und es muss viel nachgeholt werden, denn Bildungsexperten wie Olaf Köller gehen davon aus, dass nicht wenige Kinder und Jugendliche in den letzten zwölf Monaten fast nichts gelernt haben. Ihnen ist ein ganzes Jahr Schulbildung flöten gegangen. Was muss also passieren? Neben neuen Konzepten für mögliche Lockdowns in der Zukunft dürfen Nachmittags-, Wochenend- und Ferienunterricht kein Tabu mehr sein, um Verpasstes nachzuholen.

Wie sollen wir zukünftig lernen?

Momentan setzen die 16 Bundesländer - trotz ihrer Videoschalten - noch immer auf weitgehend unterschiedliche Konzepte. Dies darf in den Augen einer Mehrheit der Deutschen nicht so bleiben. Hat der Föderalismus im Bildungssystem ausgedient? Olaf Köller dazu: "Trotz des Föderalismus müssten sich die Länder besser abstimmen. Einige haben sich digital während der Pandemie besser aufgestellt als andere. Wir müssen digitale Zentren einrichten. Und da würde man sich wünschen, dass es nicht wieder 16 Zentren sind, sondern dass überregionale Zentren geschaffen werden, um in eine neue Phase des digitalen Lernens eintreten zu können." Der Bund will nun mit einer "nationalen Bildungsplattform" digitales Lernen auf Kurs bringen. Ob die Länder das Angebot annehmen? Immerhin hat das langjährige PISA-Schlusslicht Bremen schon vor einigen Jahren mit "itslerarning" eine digitale Lernplattform für alle Schulen des kleinen Stadtstaates aufgesetzt, in der auch alle Lehrer zentral ausgebildet werden. Ein Beispiel, das Schule machen sollte.